Liebe in Corona-Zeiten: Wie momentan gedatet wird


Wie datet ihr momentan? Datet ihr überhaupt? Die Corona-Pandemie verändert in unserem Leben eine ganze Menge. Vor allem Singles stehen vor neuen Herausforderungen. Die funky-Redaktion hat nachgefragt, welche Erfahrungen junge Menschen beim Dating in Zeiten von Corona gemacht haben.
Von Nina Sabo, funky Jugendreporterin

Die obersten Gebote seit Beginn der Corona-Pandemie werden in der goldenen AHA-Regel zusammengefasst: Abstand,  Hygiene, Alltagsmaske. Wer also momentan neue Leute kennenlernen möchte, stellt sich schnell die Frage: Wie soll das funktionieren, wenn ich gleichzeitig dazu angehalten werde, Abstand zu halten? Mit Verlängerung des Lockdowns bis Ende Januar bleiben Kultur, Gastronomie, Freizeit- und Sportangebote bis auf Weiteres geschlossen. Die fundamentalen Säulen des ersten Dates – auf einen Vino in die nächste Bar, gemeinsam Essen gehen oder ins Kino – brechen damit weiterhin weg. Wie soll Dating in Zeiten von Corona also aussehen?

Bei meiner Recherche zu dieser Frage bin ich auf liebesleben.de gestoßen. Und nein, hinter dieser Domain verbirgt sich keine schlüpfrige Website, wie der Name vielleicht vermuten lässt, sondern die Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. In erster Linie informiert die Website darüber, wie man sich vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen kann. Seit dem Ausbruch der Pandemie findet man dort aber auch Wissenswertes zum Thema Corona und Liebeslieben.

„Romantische“ Webcam-Dates, gemeinsam virtuelle Konzerte besuchen oder zeitgleich Serien anschauen sind allerdings Ratschläge, die mich eher an Fernbeziehungen denken lassen als an aufregende erste Treffen, bei denen es knistert. Das Fazit der Kampagne: Wir müssen nicht auf Dates verzichten, aber wir sollten persönliche Treffen mit anderen Menschen möglichst vermeiden, um das Ansteckungsrisiko gering zu halten.

Nur noch digitales Dating, wie es die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt, klingt zwar vernünftig, aber wenig reizvoll. © Pexels

Mit dem „Tinder-Reisepass“ um die ganze Welt swipen

In der Theorie klingt das vernünftig – wenn auch etwas unspektakulär. Nun hat mich aber interessiert: Wie sehr werden risikoarme Treffen tatsächlich umgesetzt? Im Gespräch mit Kai (21) und Paula (28) habe ich zwei sehr unterschiedliche Perspektiven ergründet. Eines haben die beiden allerdings gemeinsam: das Daten via Tinder.

Allerdings hatten nicht nur Kai und Paula während des Lockdowns die Idee, sich auf der heiß begehrten Dating-App umzuschauen. Man könnte fast sagen, dass Tinder die Gewinnerin der Corona-Pandemie ist. In einem Artikel, den Tinder Anfang Dezember veröffentlichte, heißt es im Rückblick auf das Krisenjahr 2020: „Bis zum Herbst sind die Nachrichten und die Verwendung der Swipe-Funktion seit Ende Februar zweistellig gestiegen.“ Mit neuen Features wie dem „Tinder-Passport“, mit dem man sich im April 2020 um die ganze Welt swipen konnte, oder der Face to Face-Video-Funktion wurde Dating nicht nur kreativer, sondern auch sicherer. Normalerweise kann der „Reisepass“ nämlich nur von Tinder Gold- und Tinder Plus-Abonnenten genutzt werden, die dafür monatlich zahlen. Mit der neuen Videochat-Funktion passte sich die App den coronabedingten Sicherheitsmaßnahmen an.


„Ich hatte pro Woche mindestens ein Date.“

Kai (21) hatte seine Zelte in Berlin gerade abgebrochen und war nach Wien gezogen, als es mit dem ersten Lockdown losging. In der fremden Stadt kannte er noch niemanden. Die sonst so kulturreiche Hauptstadt Österreichs war lahmgelegt und ohne Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen.

„Im ersten Lockdown war ich auf Tinder richtig aktiv. Nachdem das weltweite Swipen kostenlos verfügbar war, habe ich mich quasi rund um die Welt geswiped und hatte eine echt gute Zeit. Ich habe mit Männern aus England, Frankreich und den USA geschrieben. Mit einem Typen aus New York hatte ich sogar ein Video-Date, das fünf Stunden ging.“ Mehr ist daraus aber nicht geworden, erzählt Kai. Schon bevor er anfing, die Passport-Funktion zu nutzen, war ihm klar, dass keine Bekanntschaft von Dauer sein würde. Für ihn war der Flirt aus New York zwar eine interessante, aber später auch frustrierende Erfahrung: „Ich wusste ja, dass ein Treffen mit diesem Typen sehr unwahrscheinlich ist.“

Als die Kontaktbeschränkungen im Sommer gelockert wurden, verabschiedete sich Kai von stundenlagen Videochats und begab sich wieder nach draußen in das „echte“ Dating-Leben. Abstand halten konnte er bei kreativen ersten Dates immer noch: „Als ich zwischenzeitlich in Berlin war, habe ich mit meinem Date einen Audiowalk durch die Stadt gemacht. Das war ein Projekt vom Berliner Ensemble zum Stück ‚Der Tod in Venedig‘ von Thomas Mann.“ Für Kai war das ein perfektes erstes Date, weil man sich anschließend über das Stück austauschen und währenddessen die Sicherheitsmaßnahmen einhalten konnte.

Er erzählt mir, dass es Phasen im Sommer gab, in denen er pro Woche mindestens ein Date hatte. „Getroffen haben wir uns eigentlich immer erst draußen. Wenn er ‚gleich um die Ecke‘ und alleine gewohnt hat, bin ich dann häufig auch direkt mit ihm nach Hause gegangen.“ Jetzt, wo die Infektionszahlen in Österreich sehr hoch sind, datet Kai nicht mehr so aktiv. Sein Fazit: „Ich habe auf jeden Fall viele Leute kennengelernt, halte mit einigen regelmäßig Kontakt und bereue nichts.“

Kais Dos und Don’ts beim Dating in Corona-Zeiten:

Dos: Innovatives Online Dating, zum Beispiel ein gemeinsames Krimi-Dinner via Video-Call.

Don’ts: Corona als einziges Gesprächsthema, kombiniert mit einfallslosen Spaziergängen in der Kälte.


„Commitment hat beim Dating eine neue Bedeutung bekommen.“

Paula (28) kam am 16. März aus Neuseeland zurück nach Deutschland. Nach einer langjährigen Beziehung hat sie Tinder zum ersten Mal genutzt, als der Lockdown das alltägliche Leben auf den Kopf gestellt hat. In Münster hatte Paula während der Corona-Zeit nur wenige Dates, bis es geklickt hat.

„Für Dates in Corona-Zeiten hatte ich mir vorgenommen, länger mit den Personen zu schreiben. Ich wollte sie so gut wie möglich kennenlernen, bevor es zum physischen Treffen kommt. Als ich mit Anne (25) geschrieben habe, war es mir vor unserem ersten Treffen total wichtig, ihre Stimme zu hören. Eine Sprachnachricht von jemandem zu bekommen, hilft mir auf jeden Fall, die Person besser einzuschätzen.“

Beim ersten Treffen der beiden – das klassische Spazier-Date auf Abstand – hat es sofort gefunkt. Es kam schnell zum Wiedersehen, dann direkt bei Paula zuhause. Wenn sie nicht allein gewohnt hätte, wäre das wohl anders gelaufen, sagt sie mir. Wahrscheinlich hätten sich die beiden dann nicht so schnell privat getroffen. Bei Anne kamen nach ersten Annäherungen auch schnell Zweifel auf: Dürfen wir sowas jetzt überhaupt machen?

Die Pandemie stellt „frische“ Beziehungen auf die Probe

Commitment hat in Zeiten von Corona eine neue Bedeutung für Paula bekommen. Das ist ihr nicht nur beim ersten Treffen aufgefallen, sondern auch, wenn es um die nächsten Schritte geht. Anne und sie sind ein Paar, das unter besonderen Umständen zusammengekommen ist. Das bringe nochmal ganz andere Herausforderungen mit sich: „Wir konnten uns nicht unseren Freund*innen vorstellen, haben uns noch nie in einer Bar betrunken, waren noch nie gemeinsam im Schwimmbad oder im Kino.“ Die Pandemie stellt eine frische Beziehung auf die Probe, weil man schnell häuslich wird und direkt den Alltag miteinander teilt, stellen wir im Gespräch fest.

Auch wenn Paula ohne Corona vielleicht mehr Frauen getroffen hätte, ist sie glücklich, dass sie Anne in dieser Zeit kennengelernt hat. „Man kann es auch so sehen: Unsere Beziehung hat den ersten Härtetest schon gut bewältigt.“

Paulas Dos und Don’ts beim Dating in Corona-Zeiten:

Dos: Sich viel Zeit zum Kennenlernen nehmen und Sprachnachrichten austauschen.

Don’ts: Treffen mit Personen, die „Corona nervt“ in ihre Tinder-Bio schreiben.


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