Interview

„Menschen trauern total unterschiedlich“ Eren M. Güvercin und Mariam Dawoud aus Fatih Akins neuem Film „Geister“ im Interview

Zwei Menschen vor dem Sonnenuntergang
„Geister“ ist kein typischer Liebesfilm.
Sophie Schmitt, funky-Jugendreporterin

Eine Liebe, die über den Tod hinausgeht? In Fatih Akins neuem Film „Geister“, der ab dem 5. November in den Kinos zu sehen ist, wird genau das zur Realität. Fara-sha und Faris lernen sich auf einer Abiparty kennen. Doch noch in derselben Nacht stirbt Farasha. Ganz verschwunden ist sie allerdings nicht: 40 Nächte lang besucht sie Faris in seinen Träumen.

In die Rollen der beiden schlüpfen Eren M. Güvercin, bekannt aus der Jugendserie „Druck“, und Mariam Dawoud, die mit „Geister“ ihr Schauspieldebüt gibt. Wie die beiden sich auf ihre Rollen vorbereitet haben und welche Herausforderungen die Dreharbeiten mit sich brachten, erzählen sie im Interview.

Eren, Mariam – erinnert ihr euch noch an euren ersten Moment miteinander am Set?
Eren M. Güvercin: Wir kannten uns durch die ganzen Proben eigentlich schon ziemlich gut. Aber an meinem ersten richtigen Drehtag stand direkt diese riesige Partyszene an. Ich weiß noch, wie ich Mariam zum ersten Mal im fertigen Kostüm gesehen habe. Das war ein besonderer Moment, weil ich ihre Figur bis dahin ja nur aus dem Drehbuch kannte. Da wurde die Figur für mich irgendwie zum ersten Mal richtig lebendig.
Mariam Dawoud: Ich war an dem Tag ziemlich nervös, weil es mein allererster Drehtag überhaupt war. Und dann direkt so eine riesige Szene mit über hundert Statisten! Es war schön, in diesem Chaos jemanden zu haben, mit dem man schon vertraut war.

Eure Charaktere begegnen sich im gesamten Film nur ein einziges Mal leibhaftig. Wie baut man unter solchen Bedingungen eine dichte, emotionale Chemie auf?
Eren: Das hat bei uns tatsächlich ziemlich gut funktioniert. Schon beim ersten Casting hatten wir einen guten Draht zueinander. Wir wollten beide unbedingt die Rollen, aber es gab nie Konkurrenzdenken. Im Gegenteil, wir haben uns unterstützt. Während der Vorbereitung hatten wir auch noch Zimmer direkt nebeneinander und haben uns einen Balkon geteilt. Aber was uns wirklich zusammengeschweißt hat, war der Tauchunterricht wegen der Unterwasserszenen. Wir haben teilweise eine Stunde zusammen am Beckenboden verbracht. Und wenn du da unten sitzt und darauf angewiesen bist, dass dir die andere Person im richtigen Moment das Atemgerät gibt, dann vertraust du ihr blind.

Mir war von Anfang an wichtig, dass das nicht so ein typisch trauriger Liebesfilm wird, in dem jemand die ganze Zeit weint und offensichtlich traurig ist.

Eren M. Güvercin

Mariam, du spielst eine Liebe, die für den Protagonisten fast ausschließlich im Traum existiert. Wie nähert man sich schauspielerisch einer solchen Geister-Existenz an?
Mariam: Ich habe versucht, Farasha für mich selbst so real wie möglich zu machen. Denn für Faris ist sie ja real, zumindest fühlt es sich für ihn so an. Die Traumszenen waren für mich wie romantische Dates, nur eben in einer ganz anderen Welt. Und sobald sie als Geist auftaucht, wird es natürlich viel trauriger. Sie möchte ihm so nah sein, kann aber nicht mehr wirklich Teil seines Lebens sein. Das fand ich beim Spielen sehr berührend.

Eren, deine Figur Faris trägt eine gigantische seelische Last mit sich herum, was den Tod von Farasha angeht. Wie spielt man diese erdrückende innere Schuld, ohne sie permanent explizit anzusprechen?
Eren: Mir war von Anfang an wichtig, dass das nicht so ein typisch trauriger Liebesfilm wird, in dem jemand die ganze Zeit weint und offensichtlich traurig ist. So funktioniert Trauer ja nicht unbedingt. Ich habe vor dem Dreh viel mit Freunden und meiner Familie darüber gesprochen, wie sie mit Verlusten umgehen, und versucht, genau hinzuschauen. Menschen trauern einfach total unterschiedlich. Bei Faris wollte ich zeigen, dass dieses Schuldgefühl eigentlich immer da ist, auch wenn er gerade lacht oder etwas völlig anderes macht. Man sieht das zum Beispiel daran, wie er sich gehen lässt oder sich in bestimmte Dinge flüchtet. Und manchmal reicht schon ein Blick oder eine kleine Bewegung. Ich wollte, dass man die ganze Zeit spürt, dass da etwas in ihm arbeitet.

Manchmal muss man jemanden gehen lassen, obwohl man das eigentlich überhaupt nicht möchte.

Mariam Dawoud

Farasha ist für Faris ein Idealbild. Wie seid ihr mit dieser Dynamik beim Drehen umgegangen?
Eren: Ich glaube gar nicht, dass Farasha dieses perfekte, makellose Mädchen sein soll. Faris macht sie natürlich in seinem Kopf dazu. Aber für mich steht sie auch für etwas anderes. Er sehnt sich unglaublich nach Vergebung, und vieles davon projiziert er auf sie. Ich habe mich gefragt: Welche Bedeutung kann Farasha für Faris haben? Welche Hebel kann sie bei ihm in Bewegung setzen? Schließlich kannten sich die beiden nur ganz kurz. Er hat aus dieser einen Begegnung eine riesige Liebesgeschichte gemacht. Und was passiert, wenn diese Vorstellung irgendwann zerbricht? Das war für mich eine der entscheidenden Fragen bei der Rolle.

Der Film stellt implizit die große Frage: Was schulden wir den Menschen, die wir lieben? Wie habt ihr diese Verantwortung interpretiert?
Mariam: Ich glaube, Farasha möchte vor allem, dass Faris wieder glücklich wird. Sie versucht, ihn irgendwie aus seiner Trauer herauszuholen. Denn wenn wir jemanden verlieren, würde diese Person ja wahrscheinlich auch nicht wollen, dass wir für immer unglücklich bleiben. Gleichzeitig hat Farasha selbst Angst davor, vergessen zu werden. Das ist ein totaler Widerspruch. Sie möchte bei ihm bleiben, weiß aber auch, dass er nur weitermachen kann, wenn er sie loslässt. Und genau darin liegt für mich diese Verantwortung. Manchmal muss man jemanden gehen lassen, obwohl man das eigentlich überhaupt nicht möchte.
Eren: Für mich ging es vor allem darum, wie Faris mit sich selbst umgeht. Er macht sich viele Vorwürfe und verliert sich komplett darin. Er flüchtet sich in diese Fantasiewelt, weil sie für ihn leichter auszuhalten ist. Aber irgendwann muss er sich eben fragen, wie es weitergehen soll.

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