Interview

Warum das echte Leben in Klassenräume gehört – ein Interview mit Ludwig Thiede, Gründer von LifeTeachUs

Ludwig Thiede hält ein Smartphone mit dem Logo von LifeTeachUs in die Kamera.
Die Organisation „LifeTeachUs“ möchte junge Menschen besser auf das Leben nach der Schule vorbereiten.
Rita Rjabow, funky-Jugendreporterin
Ludwig Thiede (c)

Bildung entscheidet über Chancen, Zukunft und gesellschaftliche Teilhabe. Doch viele junge Menschen fühlen sich in der Schule kaum auf das echte Leben vorbereitet. Genau hier setzt die gemeinnützige Organisation „LifeTeachUs“ an: Menschen aus unterschiedlichen Berufen kommen in die Klassenzimmer und teilen ihre Erfahrungen. Gründer Ludwig Thiede erklärt im Interview, warum diese Begegnungen das Konzept Schule verändern können.

Ludwig, wie entstand eigentlich die Idee hinter LifeTeachUs?
Ludwig Thiede: Schon in meiner Schulzeit hatte ich das Gefühl, dass vieles am echten Leben vorbeigeht. Gleichzeitig gab es Unterrichtsausfall. Da kam mir die Frage: Warum holen wir nicht Menschen aus der Praxis in die Schule – zu Themen wie Finanzen, Steuern oder dem Berufsleben? Ein Schlüsselmoment war eine geflüchtete Frau, die in unsere Klasse kam und ihre Geschichte erzählte. Diese 45 Minuten haben mehr ausgelöst als viele Unterrichtsstunden davor. Da habe ich verstanden, wie stark echte Begegnungen wirken.

Wann wurde daraus ein echtes Projekt?
Die Idee war früh da, auch der Wunsch zu gründen. Ich kannte damals den Begriff „Social Startup“ noch nicht. Wichtig war mir, dass es nicht nur für eine Schule funktioniert. Deshalb war eine digitale Plattform naheliegend. Ich habe etwa sieben Jahre fast allein daran gearbeitet, ausprobiert, gelernt und Feedback gesammelt. Später kam ein Team dazu, und wir haben das Projekt lange ehrenamtlich aufgebaut.

Die größte Hürde war das Bildungssystem selbst: sehr komplex, je nach Bundesland unterschiedlich und oft wenig offen für Veränderung.

Ludwig Thiede

Wie genau funktioniert „LifeTeachUs??“ Wer genau kommt in die Klassen?
Über unsere Plattform vermitteln wir Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufen und Lebenswelten an Schulen – von Handwerk über Pflege bis Unternehmertum. Wichtig ist nicht der Lebenslauf, sondern echte Erfahrungen. So bekommen Schülerinnen und Schüler Einblicke, die über den normalen Unterricht hinausgehen. Jede Person ab 18 Jahren kann sich freiwillig über unsere Plattform anmelden. Bevor jemand in eine Schule vermittelt wird, benötigen wir ein polizeiliches Führungszeugnis und die Teilnehmenden durchlaufen eine kurze Schulung. So stellen wir sicher, dass die Begegnungen für Schulen, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler gut vorbereitet und sicher sind. Anschließend können die Teilnehmenden ihre Erfahrungen direkt im Klassenzimmer teilen.

War dir damals klar, dass das Projekt groß werden könnte?
Nein. Am Anfang war ich eher naiv und dachte, die Idee müsse sich sofort durchsetzen. Rückblickend war das optimistisch. Die größte Hürde war das Bildungssystem selbst: sehr komplex, je nach Bundesland unterschiedlich und oft wenig offen für Veränderung. Außerdem mussten wir viel Vertrauen aufbauen. Viele fragten: „Wo ist der Haken?“ – obwohl es keinen gab. Dieses Vertrauen mussten wir uns erst über Jahre erarbeiten.

Was macht für dich den besonderen Wert solcher Begegnungen in Schulen aus?
Menschen erzählen anders als Lehrbücher. Wenn jemand ehrlich aus seinem Leben berichtet, bleibt das hängen. Lehrkräfte sagen uns oft, dass gerade stille Schülerinnen und Schüler dadurch aktiver werden. Außerdem hat fast jede Person Erfahrungen, die für andere wertvoll sein können – man braucht keinen perfekten Lebenslauf.

Welche Probleme siehst du in der Bildungsgerechtigkeit?
Noch immer hängt Bildung stark vom Elternhaus ab. Deshalb müssen früh unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar werden. Wir arbeiten auch mit Grundschulen. Dort geht es weniger um Berufe, sondern darum, überhaupt Perspektiven zu zeigen. Viele Kinder kennen nur einen kleinen Ausschnitt der Welt. Oft fehlt die Verbindung zwischen Schule und Alltag – dadurch sinkt Motivation.

Welche Rolle spielen dabei persönliche Vorbilder?
Eine große. Schon eine einzelne Begegnung kann lange nachwirken. Wir bekommen Rückmeldungen von Eltern, dass Kinder begeistert von ihren Erfahrungen erzählen. Gleichzeitig fördern solche Begegnungen auch gesellschaftlichen Zusammenhalt, weil Menschen wieder miteinander statt übereinander sprechen.

Ich wünsche mir eine Schule, die offener ist. Einen Ort, an dem Begegnungen selbstverständlich sind und wo Menschen aus der Gesellschaft regelmäßig ihr Wissen teilen.

Ludwig Thiede

Wie gehst du mit Verantwortung um?
Das ist ein Lernprozess. Es ist schön, etwas aufzubauen, das wirkt – aber es bringt auch Druck mit sich: Team, Finanzierung, Vertrauen. Im Non-Profit-Bereich gibt es wenig Sicherheit. Trotzdem hilft der Fokus auf das Ziel. Und selbst wenn etwas scheitern würde, hätten wir viele junge Menschen erreicht – das zählt. Wir finanzieren uns über Unternehmenspartnerschaften, Stiftungsförderungen, öffentliche Zuschüsse sowie private Spenden.

Was würdest du jungen Menschen raten, die selbst etwas gesellschaftlich verändern möchten?
Fokus und Geduld. Gesellschaftliche Veränderungen dauern lange. Wichtig ist, dranzubleiben und sich nicht zu verzetteln. Lieber ein konkretes Problem wirklich lösen, als zu viele Ideen parallel zu verfolgen. Und man muss an die eigene Idee glauben, sonst gibt man zu früh auf.

Wie sieht für dich die Schule der Zukunft aus?
Ich wünsche mir eine Schule, die offener ist. Einen Ort, an dem Begegnungen selbstverständlich sind und wo Menschen aus der Gesellschaft regelmäßig ihr Wissen teilen. Lehrkräfte hätten mehr Raum für individuelle Förderung, digitale Tools würden unterstützen. Schule würde persönlicher und vielfältiger.

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.