Alexander Otto hat die ehemalige Brennpunktschule zum Anwärter für den Schulpreis gemacht.
Kinder aus über 20 Nationen lernen an der Grace-Hopper-Gesamtschule in Teltow in modernster Umgebung. Inzwischen gehört die Schule zu den gefragtesten Bildungseinrichtungen im Land Brandenburg. Das war nicht immer so. Noch vor zehn Jahren galt die ehemalige Mühlendorf-Oberschule als Problemfall. Dass sich der Ruf der Schule um 180 Grad gedreht hat, ist nicht zuletzt Alexander Otto zu verdanken, der sie seit seinem Amtsantritt als Schulleiter im Jahr 2018 so gründlich umgekrempelt hat, dass sie nun für den Deutschen Schulpreis nominiert ist. Im Interview verrät er, wie ihm diese Transformation gelungen ist, was ihn dazu motiviert, Schule anders zu denken – und natürlich, wie die Schule von morgen aussehen sollte.
Herr Otto, die Grace-Hopper-Gesamtschule ist in diesem Jahr für den Deutschen Schulpreis nominiert worden. Was ist das Besondere an Ihrer Schule? Alexander Otto: Als ich die ehemalige Mühlendorf-Oberschule in Teltow übernommen habe, aus der dann unsere Gesamtschule hervorgegangen ist, war das die letzte Adresse, an die Eltern ihre Kinder schicken wollten. Wir hatten viele Kinder mit diagnostiziertem, aber auch nicht diagnostiziertem Förderbedarf. Aber je schwieriger die Schülerinnen und Schüler sind, desto enger arbeitet das Kollegium zusammen. Wir haben festgestellt: Diese Krise, in der wir uns befinden, ist für alle die gleiche. Wie also können wir uns gemeinsam daraus befreien? Und das ist das Besondere: Wir haben in der Krise nicht den Kopf in den Sand gesteckt, sondern uns daraus befreit. Schule verändert man nie allein. Also haben Eltern, Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte und alle, die irgendwie am Thema Schule beteiligt sind, an unserem Schulprogramm mitgearbeitet. Wir haben unsere Vision festgezurrt und damit auch das Gebäude definiert, das wir brauchen, um diese Ziele umzusetzen. Auch das war besonders: Wir hatten die einmalige Chance, 40 Millionen Euro für den Schulbau auszugeben (Anmerkung der Redaktion: finanziert durch den Landkreis Potsdam-Mittelmark, da Teltow zu den am schnellsten wachsenden Städten Deutschlands gehört), und haben dabei absolute Gestaltungsfreiheit genossen. Ich habe versucht, alle einzubeziehen. Die Fachbereiche haben selbst bestimmt, wie ihre Räume eingerichtet sind – ob sie nun bestimmte Schüsseln für die Werkküche wollten oder entsprechende Werkstattelemente. Wir haben uns zusammen ein pädagogisches Schlaraffenland gebaut. Unsere tollen Lehrkräfte haben ungemein zu der Erfolgsgeschichte beigetragen. Mittlerweile sind wir die meistnachgefragte Schule des Landes Brandenburg.
Wie haben die Schülerinnen und Schüler mitgemacht? Sie zu integrieren war ein Prozess, weil sie das Mitbestimmen nicht gewohnt waren. Wir haben mit kleinen Dingen begonnen, wie dem Namen der Schule. Ich habe um Vorschläge gebeten. Von Hogwarts bis Konrad-Zuse-Schule war alles dabei. Wir sind mit drei Vorschlägen in die Schulkonferenz gegangen, Grace Hopper hat sich dann im Wettbewerb durchgesetzt. Die anderen Vorschläge, die wir aber für ebenso gut gehalten haben, haben wir jedoch nicht einfach unter den Tisch fallen lassen, sondern sie wurden zu Raumnamen. Es wurden QR-Codes für die Türschilder angefertigt, mit denen man die Biografien der Personen abrufen kann. Wenn man durch das Schulgebäude läuft, kann man viel über die Weltgeschichte lernen. Es gibt aber auch viele weitere Beispiele, wie die Gestaltung der Turnhallenwand oder die Auswahl der Sitzmöbel, bei denen die Kinder mitbestimmt haben.
Wie gelingt es Ihnen, digitalen Fortschritt als Teil der Lernkultur zu verstehen? Indem wir versuchen, ganzheitlich zu denken. Eine Gesamtschule bildet die Gesamtheit der Gesellschaft ab. Es kann nicht sein, dass wir Kinder benachteiligen, die für ihre Herkunft nichts können. Wir statten alle Kinder mit Technik aus: Jedes Kind bekommt für die Schullaufbahn ein iPad geliehen. Damit ist es jedoch nicht getan. Wir wollen, dass Kinder auch in der Lage sind, Medien kritisch zu hinterfragen. Sie sollen bestimmen können, ob das Medium für ihren Problemlösungsprozess im Unterricht auch wirklich sinnvoll ist. Sie sollen in der Lage sein, ein breites Repertoire an Medien zu kennen, um kreativ zu werden – nicht nur digitale, auch analoge Medien. Sie sollen lernen, wie man Medien richtig nutzt. Und schließlich sollen sie mit Medien gestalten können. Unser Ansatz ist: Digitalität muss sich durch den gesamten Unterricht ziehen. Deshalb haben wir unterschiedliche Tools beschafft, angefangen bei unserer selbstgestalteten E-Learning-Plattform bis hin zu Programmen der Adobe Creative Cloud. Die Kinder lernen, mit Photoshop und InDesign sowie allen Dingen, die man für Podcast- und Printmedien braucht, umzugehen. Wir haben festgelegt, dass in jedem Fach und in jeder Jahrgangsstufe mindestens zwei mediale Produkte verwendet werden müssen, um projektorientiert, produktorientiert und fächerübergreifend zu arbeiten. Ein konkretes Produkt führt immer dazu, dass Kinder auch mit Medien gestalten müssen.
Was wäre so ein konkretes Produkt? Das sind zum Beispiel digitale Kalender, selbst erstellte Videos, Theaterstücke, Präsentationen mit und ohne Audio, Werkstücke, die mit einem 3D-Drucker erstellt wurden, selbst gebastelte Bluetooth-Lautsprecher. Wir haben Bewässerungssysteme mit Sensorik für unsere Blumentöpfe gebaut. In diesem Jahr hat eine neunte Klasse mit ihrem Podcast zum Thema Rechtsextremismus einen Wettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung gewonnen.
Wie sieht die Schule von morgen aus? Die Schule von morgen muss ein guter Ort sein, um jungen Menschen Zuversicht und Gelassenheit zu vermitteln. Sie muss aus der Pluralität der Gesellschaft heraus entwickelt werden. Sie muss ein Grundgerüst sein, an dem alle partizipieren dürfen. Sie muss auch Empirie bieten: Kinder dürfen selbst versuchen, Probleme zu lösen. Und angesichts der gesellschaftlichen Polarisierung muss klar vermittelt werden, wie mit Populismus und Extremismus umgegangen werden kann. Denn Schule ist ein Produkt der Demokratie. Und sie muss sich mit allen Mitteln gegen alles wehren, was diese demokratischen Werte unterlaufen möchte.
Kinder aus über 20 Nationen lernen an der Grace-Hopper-Gesamtschule in Teltow in modernster Umgebung. Inzwischen gehört die Schule zu den gefragtesten Bildungseinrichtungen im Land Brandenburg. Das war nicht immer so. Noch vor zehn Jahren galt die ehemalige Mühlendorf-Oberschule als Problemfall. Dass sich der Ruf der Schule um 180 Grad gedreht hat, ist nicht zuletzt Alexander Otto zu verdanken, der sie seit seinem Amtsantritt als Schulleiter im Jahr 2018 so gründlich umgekrempelt hat, dass sie nun für den Deutschen Schulpreis nominiert ist. Im Interview verrät er, wie ihm diese Transformation gelungen ist, was ihn dazu motiviert, Schule anders zu denken – und natürlich, wie die Schule von morgen aussehen sollte.
Herr Otto, die Grace-Hopper-Gesamtschule ist in diesem Jahr für den Deutschen Schulpreis nominiert worden. Was ist das Besondere an Ihrer Schule?
Alexander Otto: Als ich die ehemalige Mühlendorf-Oberschule in Teltow übernommen habe, aus der dann unsere Gesamtschule hervorgegangen ist, war das die letzte Adresse, an die Eltern ihre Kinder schicken wollten. Wir hatten viele Kinder mit diagnostiziertem, aber auch nicht diagnostiziertem Förderbedarf. Aber je schwieriger die Schülerinnen und Schüler sind, desto enger arbeitet das Kollegium zusammen. Wir haben festgestellt: Diese Krise, in der wir uns befinden, ist für alle die gleiche. Wie also können wir uns gemeinsam daraus befreien? Und das ist das Besondere: Wir haben in der Krise nicht den Kopf in den Sand gesteckt, sondern uns daraus befreit. Schule verändert man nie allein. Also haben Eltern, Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte und alle, die irgendwie am Thema Schule beteiligt sind, an unserem Schulprogramm mitgearbeitet. Wir haben unsere Vision festgezurrt und damit auch das Gebäude definiert, das wir brauchen, um diese Ziele umzusetzen. Auch das war besonders: Wir hatten die einmalige Chance, 40 Millionen Euro für den Schulbau auszugeben (Anmerkung der Redaktion: finanziert durch den Landkreis Potsdam-Mittelmark, da Teltow zu den am schnellsten wachsenden Städten Deutschlands gehört), und haben dabei absolute Gestaltungsfreiheit genossen. Ich habe versucht, alle einzubeziehen. Die Fachbereiche haben selbst bestimmt, wie ihre Räume eingerichtet sind – ob sie nun bestimmte Schüsseln für die Werkküche wollten oder entsprechende Werkstattelemente. Wir haben uns zusammen ein pädagogisches Schlaraffenland gebaut. Unsere tollen Lehrkräfte haben ungemein zu der Erfolgsgeschichte beigetragen. Mittlerweile sind wir die meistnachgefragte Schule des Landes Brandenburg.
Wie haben die Schülerinnen und Schüler mitgemacht?
Sie zu integrieren war ein Prozess, weil sie das Mitbestimmen nicht gewohnt waren. Wir haben mit kleinen Dingen begonnen, wie dem Namen der Schule. Ich habe um Vorschläge gebeten. Von Hogwarts bis Konrad-Zuse-Schule war alles dabei. Wir sind mit drei Vorschlägen in die Schulkonferenz gegangen, Grace Hopper hat sich dann im Wettbewerb durchgesetzt. Die anderen Vorschläge, die wir aber für ebenso gut gehalten haben, haben wir jedoch nicht einfach unter den Tisch fallen lassen, sondern sie wurden zu Raumnamen. Es wurden QR-Codes für die Türschilder angefertigt, mit denen man die Biografien der Personen abrufen kann. Wenn man durch das Schulgebäude läuft, kann man viel über die Weltgeschichte lernen. Es gibt aber auch viele weitere Beispiele, wie die Gestaltung der Turnhallenwand oder die Auswahl der Sitzmöbel, bei denen die Kinder mitbestimmt haben.
Wie gelingt es Ihnen, digitalen Fortschritt als Teil der Lernkultur zu verstehen?
Indem wir versuchen, ganzheitlich zu denken. Eine Gesamtschule bildet die Gesamtheit der Gesellschaft ab. Es kann nicht sein, dass wir Kinder benachteiligen, die für ihre Herkunft nichts können. Wir statten alle Kinder mit Technik aus: Jedes Kind bekommt für die Schullaufbahn ein iPad geliehen. Damit ist es jedoch nicht getan. Wir wollen, dass Kinder auch in der Lage sind, Medien kritisch zu hinterfragen. Sie sollen bestimmen können, ob das Medium für ihren Problemlösungsprozess im Unterricht auch wirklich sinnvoll ist. Sie sollen in der Lage sein, ein breites Repertoire an Medien zu kennen, um kreativ zu werden – nicht nur digitale, auch analoge Medien. Sie sollen lernen, wie man Medien richtig nutzt. Und schließlich sollen sie mit Medien gestalten können. Unser Ansatz ist: Digitalität muss sich durch den gesamten Unterricht ziehen. Deshalb haben wir unterschiedliche Tools beschafft, angefangen bei unserer selbstgestalteten E-Learning-Plattform bis hin zu Programmen der Adobe Creative Cloud. Die Kinder lernen, mit Photoshop und InDesign sowie allen Dingen, die man für Podcast- und Printmedien braucht, umzugehen. Wir haben festgelegt, dass in jedem Fach und in jeder Jahrgangsstufe mindestens zwei mediale Produkte verwendet werden müssen, um projektorientiert, produktorientiert und fächerübergreifend zu arbeiten. Ein konkretes Produkt führt immer dazu, dass Kinder auch mit Medien gestalten müssen.
Was wäre so ein konkretes Produkt?
Das sind zum Beispiel digitale Kalender, selbst erstellte Videos, Theaterstücke, Präsentationen mit und ohne Audio, Werkstücke, die mit einem 3D-Drucker erstellt wurden, selbst gebastelte Bluetooth-Lautsprecher. Wir haben Bewässerungssysteme mit Sensorik für unsere Blumentöpfe gebaut. In diesem Jahr hat eine neunte Klasse mit ihrem Podcast zum Thema Rechtsextremismus einen Wettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung gewonnen.
Wie sieht die Schule von morgen aus?
Die Schule von morgen muss ein guter Ort sein, um jungen Menschen Zuversicht und Gelassenheit zu vermitteln. Sie muss aus der Pluralität der Gesellschaft heraus entwickelt werden. Sie muss ein Grundgerüst sein, an dem alle partizipieren dürfen. Sie muss auch Empirie bieten: Kinder dürfen selbst versuchen, Probleme zu lösen. Und angesichts der gesellschaftlichen Polarisierung muss klar vermittelt werden, wie mit Populismus und Extremismus umgegangen werden kann. Denn Schule ist ein Produkt der Demokratie. Und sie muss sich mit allen Mitteln gegen alles wehren, was diese demokratischen Werte unterlaufen möchte.
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