Interview

Bedingungsloses Grundeinkommen: „Wir leben jetzt bewusster und genießen intensiver“

Das Bedingungslose Grundeinkommen sichert ein regelmäßiges EInkommen. Was damit gemacht wird, ist den Gewinner:innen selbst überlassen.
Das Bedingungslose Grundeinkommen sichert ein regelmäßiges EInkommen. Was damit gemacht wird, ist den Gewinner:innen selbst überlassen.
Judith Abrahams, funky-Jugendreporterin

Stell dir vor, du bekommst für eine gewisse Zeit jeden Monat eine feste Summe Geld – ganz ohne Bedingungen. Du musst nicht arbeiten, um es zu verdienen, und es wird einfach auf dein Konto überwiesen. Klingt verlockend? Genau das ist die Idee hinter dem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE), über das aktuell heiß diskutiert wird. Martin Schiller* ist verheirateter Familienvater und lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern im östlichen Ruhrgebiet. Er hat ein solches Grundeinkommen gewonnen und berichtet im Interview darüber, wie sich sein Leben dadurch verändert hat.

Wie erging es Ihnen, als Sie erfuhren, dass Sie zu den wenigen Auserwählten gehören? Welche Gedanken gingen Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?
Martin Schiller: Die Freude war groß, als ich am Tag nach der Verlosung eine E-Mail mit der Gewinnbenachrichtigung erhalten habe. Bei der Auslosung selbst hatte ich den Namen meiner Tochter in der Liste übersehen und deshalb gar nicht mit einem Gewinn gerechnet. Erst als mich der Verein „Mein Grundeinkommen“ anrief und die letzten Fragen klärte, war ich mir sicher, dass wir tatsächlich gewonnen hatten.

Haben Sie im Verlauf des Experiments Veränderungen in Ihrem Alltag feststellen können? Wenn ja, in welcher Form?
Da meine Frau und ich beide im öffentlichen Dienst tätig sind, haben wir beschlossen, alles so beizubehalten, wie es vor dem Gewinn war, und in unserer gewohnten Arbeitsweise fortzufahren.

Haben Sie das Gefühl, dass sich durch den zusätzlichen finanziellen Spielraum Ihre Freiheit oder Möglichkeiten erweitert haben? Wenn ja, in welchen Bereichen?
Wir haben den Gewinn in der Familie verteilt. Einen Teil haben wir für die Zukunft unserer Töchter reserviert, die acht und neun Jahre alt sind, um ihre Ausbildung und ihr Studium zu unterstützen. Ein weiterer Anteil fließt in gemeinsame Freizeitaktivitäten. So haben wir uns beispielsweise die RUHR.TOPCARD gekauft und damit verschiedene Freizeitbäder, Parks und Kinos besucht. Uns ist bewusst, dass diese Erlebnisse vom Grundeinkommen bezahlt werden. Es tut uns gut, wir genießen diese Momente, und wir merken, dass es langfristig unsere Lebensqualität verbessert.

Wie haben Ihre Familie und Ihre Freunde auf Ihr neues finanzielles Fundament reagiert?
Alle im engeren Familienkreis haben sich sehr für uns gefreut und sich über das Konzept des Vereins „Mein Grundeinkommen“ informiert. Es gab keine kritischen oder ablehnenden Stimmen.

Hat das Grundeinkommen Ihre Einstellung zu Arbeit und Karriere beeinflusst? Wenn ja, wie?
Nein, wir haben an unserer beruflichen Situation nichts verändert. Weder Teilzeitarbeit noch eine berufliche Auszeit stehen für uns zur Debatte.

Inwiefern hat diese Erfahrung Ihre Wahrnehmung in Bezug auf soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Ungleichheit verändert?
Wie der Name „bedingungsloses Grundeinkommen“ es schon verrät, verstehen wir es auch: Jeder und jede in unserer Gesellschaft kann sich unabhängig von Herkunft, sozialem Status oder anderen Unterschieden – bedingungslos – bei dem Verein bewerben. Die Gewinnerin oder der Gewinner kann damit tun, was er möchte, ohne Vorgaben oder Nachweise. Ob jemand es mehr „verdient“ als eine andere Person, spielt dabei keine Rolle. Das Grundeinkommen ist für alle gedacht. Natürlich gibt es immer Neid, sobald die Gewinnerinnen und Gewinner öffentlich und transparent gemacht werden. Interessanterweise hat das Grundeinkommen jedoch dazu geführt, dass wir als Familie tendenziell sogar eher bereit dazu sind, anderen freiwillig etwas Geld zu geben, wenn wir sie als besonders bedürftig wahrnehmen.

Haben Sie und Ihre Familie neue Interessen oder Hobbys entwickelt, die Sie ohne das Grundeinkommen vielleicht nicht entdeckt hätten?
Wir leben jetzt bewusster und genießen einzelne Erlebnisse intensiver. Unser Ziel ist es, ein gesamtes monatliches Grundeinkommen an den „Förderverein Zukunftswald“ zu spenden, der im Sauerland die Wiederaufforstung zerstörter Waldflächen unterstützt. Dort können wir selbst junge Bäume pflanzen, was eine schöne und sinnvolle Aktivität ist. Auch die Idee, einen Teil des Grundeinkommens in Aufforstungsprojekte zu investieren, bedeutet für uns eine sinnvolle Investition in die Zukunft. Dieses Erlebnis wollen wir auch bewusst als Familienerlebnis gestalten.

Würden Sie anderen empfehlen, an dem Programm teilzunehmen?
Unsere ganze Familie macht jetzt bei dem Programm des Grundeinkommens mit. Natürlich kann man selbst entscheiden, ob solche Projekte unterstützt werden oder ob man an dem Gewinnspiel teilnehmen möchte, um ein Grundeinkommen zu erhalten. Aber unabhängig von einem Gewinn stehe ich voll hinter der Idee des Grundeinkommens.

Bedingungsloses Grundeinkommen – Ihrer Meinung nach ein gesellschaftliches Zukunftsmodell? Oder überwiegen die Risiken?
Das ist schwer zu beurteilen, weil in unserer Gesellschaft leider oft Neid und Missgunst vorherrschen. Vielen Menschen fällt es schwer, anderen etwas zu gönnen oder sich über deren Erfolge zu freuen. Trotzdem freue ich mich persönlich für jeden, der das Grundeinkommen erhält.

*Name von der Redaktion geändert

Über „Mein Grundeinkommen“

Über „Mein Grundeinkommen“

  • Der Verein „Mein Grundeinkommen“ wurde im Jahr 2014 gegründet. Er finanziert sich über Crowdfunding.
  • Seit seiner Gründung hat der Verein 1.974 Grundeinkommen verlost, utopische und realistische Grundeinkommen.
  • Ziel dabei ist es, eine gesellschaftliche Debatte voranzutreiben und die Auswirkungen des Bedingungslosen Grundeinkommens zu erforschen.
  • Das Konzept: Man hat die Möglichkeit an Verlosungen teilzunehmen und eine regelmäßige, bedingungslose Zahlung zu erhalten.
  • Die Intention des Vereins ist es, für soziale Sicherheit zu sorgen, gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen und ein solidarisches Wirtschaftssystem aufzubauen.
  • Die Teilnahme ist kostenlos. Einzige Voraussetzung ist die Registrierung auf der Website.

 

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