#MeinNazihintergrund: Die eigene Familiengeschichte offenlegen


Die Künstlerin Moshtari Hilal und der*die politische Geograf*in Sinthujan Varatharajah haben Mitte Februar in einem Instagram-Live-Talk kritisch gefragt: Wie ist die nationalsozialistische Vergangenheit mit der Gegenwart verzahnt? Wurden die dunklen Kapitel der Geschichte innerhalb deutscher Familien aufgearbeitet? Und wie geht die deutsche Gesellschaft heute mit ihrer Vergangenheit um? Seit der medialen Debatte macht ein neues Hashtag die Runde: #MeinNazihintergrund. Wir erklären, was es bedeutet und erreichen soll.
Nina Sabo, funky-Jugendreporterin

Gebannt sperren wir die Ohren auf, wenn Oma und Opa mal wieder ins Erzählen kommen, wenn sie uns davon berichten, wie es damals war: Damals, als ich deinen Großvater kennenlernte; damals, als deine Mutter geboren wurde; damals, als ich in der Schule war; damals im Krieg. Die Beschreibungen von Orten, Personen, Gerüchen oder skurrilen Situationen sorgen bei uns für großes Gelächter, Sorgenfalten auf der Stirn oder Wut im Bauch.

Wenn unsere Großeltern von früher erzählen, haben wir selbst in diesen Geschichten keinen Platz. Wir sind stille Beobachter*innen und saugen das Erzählte auf. Dabei gibt es eines zu beachten: Unsere Großeltern treten zwar als Zeitzeugen auf, aber ihre Berichte sind immer subjektiv. Erinnerungslücken und Verfremdungen können die Geschichten verzerren und haben meist tiefergehende Gründe. Ein neues Hashtag ruft dazu auf, lieber einmal mehr nachzufragen als zu wenig.


Derzeit kursiert in den sozialen Medien ein neues Hashtag: #MeinNazihintergrund. Wer auf Twitter oder Instagram aktiv ist, wird unter der Hashtag-Suche schnell fündig und zum gleichnamigen Instagram-Account geleitet. Doch was bedeutet der Begriff „Nazihintergrund“ und worauf macht das Hashtag aufmerksam?

Opa? Der war Funker.

Der Begriff „Nazihintergrund“ soll einerseits dazu führen, sich mit der eigenen Familiengeschichte während des Zweiten Weltkriegs auseinanderzusetzen. Häufig wird das Thema in deutschen Familienkreisen umgangen, das alltägliche Leben, Arbeitsposten oder Parteimitgliedschaften in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) werden verschwiegen oder anders auserzählt. Das legt nun auch der Twitter-Account #Nazihintergrund offen.

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Das Narrativ vom deutschen Opa als „Funker“ in der NS-Zeit ist in diesem Zusammenhang ein häufiges Beispiel. Wer danach gefragt hat, was der Großvater unter Hitler im Zweiten Weltkrieg eigentlich gemacht hat, bekam häufig zu hören: „Der Opa? Der war Funker.“ Mit anderen Worten: Die deutschen Großeltern sollen von 1933 bis 1945 ein Leben geführt haben, in denen sie nur kaum oder gar kein Teil des NS-Regimes waren.

Recherchen im Bundesarchiv und historische Quellen können dieses Narrativ widerlegen. Das „Lebendige Museum Online“, kurz Lemo, informiert darüber, wie sehr die Struktur der NSDAP und ihre Verbände die gesamte Gesellschaft „durchdringen und die Bevölkerung sowohl im Beruf als auch in der Freizeit kontrollieren und indoktrinieren“ konnten. Über die Mitgliedschaften in der Partei wird festgehalten, dass „1945 jeder fünfte erwachsene Deutsche einer von insgesamt 8,5 Millionen Parteigenossen [war].“

Es geht darum, einem kollektiven Vergessen entgegenzuwirken

Familiäres Schweigen verdrängt und verleugnet diese Fakten, verzerrte Auserzählungen beschönigen sie. Bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte geht es keineswegs um Schuldzuweisung oder darum, Schuld auf sich zu laden. Es geht darum, einem kollektiven Vergessen entgegenzuwirken, das Thema der familiären NS-Geschichte offenzulegen, darüber zu recherchieren und Transparenz zu schaffen – um eben nicht zu verdrängen oder zu beschönigen, wie es in Deutschland jahrzehntelang der Fall war.

Andererseits wird mit dem neuen Hashtag der Begriff „Migrationshintergrund“ problematisiert. Auf diesen wird nämlich – im Gegensatz zum „Nazihintergrund“ – medial sehr häufig verwiesen, um einer Person meist negative oder spezielle Eigenschaften zuzuschreiben. So handelt es sich bei Störenfrieden in Berlin Neukölln nicht etwa um „Jugendliche“, sondern um „Jugendliche mit Migrationshintergrund“. Doch Diskriminierung geht auch in die andere Richtung. Beim Gründerehepaar von BioNTech, Özlem Türeci und Uğur Şahin, steht so beispielsweise der Begriff „Vorzeige-Migrant*innen“ im Raum.

„Fast jeder zweite Zeitungsbeitrag über Gewaltkriminalität verweist auf die Herkunft der Tatverdächtigen.“

In der Berichterstattung über Straftaten fällt das laut Mediendienst Integration besonders auf: „2019 verweist jeder dritte Fernsehbeitrag und fast jeder zweite Zeitungsbeitrag über Gewaltkriminalität auf die Herkunft der Tatverdächtigen. In der Fernsehberichterstattung hat sich der Anteil, verglichen zu 2017, fast verdoppelt.“ Besonders signifikant ist die Nennung der Herkunft bei Messerdelikten: „Laut einem Lagebild der saarländischen Polizei sind rund 70 Prozent solcher Delikte Deutschen anzulasten. […]. Handelt es sich um deutsche Gewalttäter, werde die Herkunft in kaum einem der untersuchten Fernseh- und Zeitungsbeiträge erwähnt.“

Heute wird der Begriff ‚Migrationshintergrund‘ als stigmatisierend empfunden.“

Die Neuen Deutschen Medienmacher*innen darüber, wie der Begriff „Migrationshintergrund“ medial verwendet wird.

Warum das problematisch ist, erläutern die Neuen Deutschen Medienmacher*innen (NdM): „Heute wird der Begriff oft als stigmatisierend empfunden, weil damit mittlerweile vor allem (muslimische) ‚Problemgruppen‘ assoziiert werden.“ Außerdem lässt der Begriff vermuten, dass die angesprochenen Personen selbst zugewandert sind, was laut Mediendienst Integration häufig nicht der Fall ist: „Rund 31 Prozent der Menschen mit ‚Migrationshintergrund‘ sind in Deutschland geboren.“

Die NdM schlagen als gute Alternativen „Menschen aus Einwandererfamilien“ oder „Menschen mit internationaler Geschichte“ vor. Das neue Hashtag regt also auch einen kritischen Umgang mit dem Begriff an. Die Künstlerin Moshtari Hilal und der*die politische Geograf*in Sinthujan Varatharajah erklären: Mit dem Begriff „Nazihintergrund“ findet „eine Umkehr vom Begriff ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘ [statt]. Wir markieren damit den Teil der Gesellschaft, der sonst ständig und völlig selbstverständlich andere markiert. […]. Wir wollen diese Rollen und ethnografischen Analysen vertauschen.“


Jede*r, der*die über Personalien verfügt, kann im Bundesarchiv übrigens auf eigene Faust recherchieren, ob für die eigene Familie Parteimitgliedschaften, Abteilungszugehörigkeiten oder Korrespondenzen in der NS-Zeit vorliegen. Wer möchte, kann im nächsten Schritt seine Recherchen über #MeinNazihintergrund teilen und an diesem wichtigen gesellschaftlichen Diskurs teilhaben.

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