Interview

Rita Maglio von „Better Birth Control“: „Wir wollen Verhütung für alle besser machen.“


Rita Maglio (24) hat mit Jana Pfenning (25) die Petition „Better Birth Control“ ins Leben gerufen. Die Forderungen: Eine größere Vielfalt an Verhütungsmitteln für alle Geschlechter, bessere Aufklärung über das Thema und ein kostenloser Zugang zu Verhütungsmitteln für alle. Nach nur einer Woche hatten die beiden bereits 50.000 Unterschriften gesammelt und mittlerweile 11,8 Tausend Abonnent*innen auf Instagram. Kurz gesagt: Die Kampagne der jungen Studierenden geht richtig durch die Decke. Wofür sich die beiden einsetzen, warum die Petition großen Zuspruch erfährt und welche Herausforderungen auf sie zukommen, hat Rita uns im Interview erzählt.
Von Nina Sabo, funky Jugendreporterin
Rita Maglio ist eine der Gründerinnen von „Better Birth Control“ Foto: Jens Holbein

Kennengelernt haben sich Rita und Jana bei der Arbeit im Europäischen Parlament in Brüssel. Eines Abends, vor Corona-Zeiten, saßen sie gemeinsam mit Arbeitskolleg*innen in einer Bar, als ein hitziges Gespräch zum Thema Verhütung entflammte. In einem Punkt waren sich dabei jedoch schnell alle einig: Am Status Quo der Verhütung muss sich dringend etwas ändern. Kurz darauf fassten Jana und Rita den Entschluss, aktiv zu werden und riefen die Initiative „Better Birth Control“ ins Leben.


Was ist „Better Birth Control“?

Rita:Better Birth Controll“ ist bald ein gemeinnütziger Verein, der bessere Verhütung für alle Menschen fordert. Wir setzen uns dafür ein, dass Verhütung kostenlos und gleichberechtigt wird, Nebenwirkungen reduziert werden, die Palette an Verhütungsmethoden erweitert und die Forschung daran gefördert wird. Wir wollen ein Verein sein, der diese Interessen politisch durchsetzt.

Wie lief der Gründungsprozess ab?

Rita: Es fing damit an, dass Jana und ich uns in Brüssel kennengelernt haben, das war noch vor Corona. Wir waren abends mit anderen Kolleg*innen in einer Bar und irgendwann kam diese Diskussion zum Thema Verhütung auf. Es waren sowohl Frauen als auch Männer aus verschiedenen Parteien dabei und alle haben sich über den Status Quo der Verhütung beschwert. Da kam Jana der Gedanke: „Wenn alle Anhänger*innen verschiedener demokratischer Parteien der Meinung sind, Verhütung muss besser werden, warum geschieht dann politisch nichts?“

Sie hat daraufhin recherchiert, ob es Interessensvertretungen oder Vereine gibt, die sich dafür einsetzen und versuchen, das Thema politisch anzugehen. Einige gab es schon, zum Beispiel Pro Familia und andere Aufklärungsstellen. Diese leisten auf jeden Fall gute Arbeit, stellen aber keine konkreten politischen Forderungen. Irgendwann kam Jana auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mich politisch mit ihr zu engagieren.

Die zwei Gründerinnen von „Better Birth Control“, Rita Maglio (links) und Jana Pfenning (rechts). Foto: Thilo Kunz

In eurem Team sind verschiedenste Disziplinen und Generationen vertreten. Wie kommt das?

Rita: Wir wollen ein diverses Team mit verschiedensten Disziplinen und Personen haben. Es ist uns sehr wichtig, dass die Fakten, die wir weitergeben, wissenschaftlich fundiert und abgesprochen sind. Deswegen haben wir zum Beispiel eine Gynäkologin mit an Board, die uns aus ärztlicher Sicht unterstützt. Dann stehen wir in engem Austausch mit Fabian Hennig, der zu männlicher Verhütung auf gesellschaftlicher Ebene promoviert. Die Frage, was Männlichkeit, also das Bild von Männlichkeit, mit Verhütung zu tun hat, spielt auch für uns eine sehr wichtige Rolle. In Zukunft möchten wir unser Team auch mit Urolog*innen und Medizinstudierenden weiterwachsen lassen.

Warum ist Verhütung ein Thema, das gesamtgesellschaftliches Umdenken erfordert, wie ihr es auf eurer Website formuliert?

Rita: Wenn man sich anschaut, wie lange die Pille jetzt auf dem Markt ist, dann sind das 60 Jahre. Es ist schon angsterregend, wenn man darüber nachdenkt, dass sich in dieser Zeit nichts getan hat. Natürlich war die Pille ein großer Schritt für die Emanzipation der Frau und für die eigenständige Bestimmung über die Reproduktion. Man muss aber bedenken, dass 60 Jahre später ein nächster Schritt geschehen sein sollte.

Es kann nicht sein, dass da Stillstand herrscht.

Rita Maglio über die Entwicklungen der Verhütungsmittel in den letzten 60 Jahren.

Die Verhütung ist essenzieller Bestandteil einer Gesellschaft, denn Sexualität gehört zu jeder Gesellschaft. Der Status Quo, dass wir davon ausgehen, „Frauen haben jetzt die Pille oder andere Verhütungsmittel und damit ist die Sache getan“, der wurde einfach akzeptiert. Da haben auch die großen Player, also die Politik und die Pharmaindustrie nicht drauf reagiert. Anders gesagt, haben sie nicht an alternativen Möglichkeiten weitergearbeitet.

Es kann nicht sein, dass da Stillstand herrscht. Wenn man sich die Sustainable Development Goals anguckt, steht da sogar, dass bis 2030 alle Menschen weltweit Zugang zu Verhütungsmöglichkeiten haben sollen. Freier Zugang – der ist ja nicht einmal in Deutschland etabliert! Wir sind weit davon entfernt, solche Ziele einzuhalten. Und da wollen wir ansetzen und weiterdenken.

Hat sich seit 60 Jahren Pille denn wirklich nichts verändert? Ein paar neue Möglichkeiten zu verhüten gibt es doch schon, oder?

Rita: Ja, natürlich sind neue Methoden wie die Spirale oder der Kupferball auf den Markt gekommen und das ist auch gut so. Wenn man sich allerdings mal anschaut, dass für Männer außer der Benutzung eines Kondoms nur die Vasektomie eine Möglichkeit ist, dann ist es ein Armutszeugnis, dass dort keine Entwicklung zu sehen ist.

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Rita: Was man auch noch sehen muss, ist, dass alle Verhütungsmethoden bei Frauen Nebenwirkungen haben können. Ich finde es absolut verständlich, wenn eine Frau nicht weiß, womit sie verhüten soll. Zum einen ist bei hormoneller Verhütung die Liste an Nebenwirkungen sehr lang. Zum anderen ist ein invasiver Eingriff, also sich zum Beispiel eine Spirale einsetzen zu lassen, eine große Entscheidung. Ich finde, es kann nicht sein, dass wir zwischen diesen Methoden auswählen müssen, weil wir sonst keine anderen Alternativen haben.

Welche Rückmeldungen habt ihr bis jetzt bekommen?

Rita: Wir haben viel Lob, positives Feedback und Anregungen bekommen. Wir waren wirklich überrascht, dass das Ganze so positiv aufgenommen wurde und sich so viele Menschen von uns verstanden fühlen. Natürlich gibt es hier und da mal negative Stimmen. Zum Beispiel wurde kritisiert, dass wir kostenlose Verhütung fordern. Manchmal heißt es auch, dass Gleichberechtigung doch schon herrsche. Es gibt solche vereinzelten Stimmen, aber genau mit diesen Menschen wollen wir in einen Austausch treten.

Was uns auch wichtig ist: Wir wollen auf keinen Fall sagen, Männer sind daran schuld, dass Ungleichheit herrscht. Nein, sind sie nicht, denn sie haben ja keine anderen Möglichkeiten. Wir wollen uns mit den Männern gemeinsam dafür einsetzen, dass sie mehr Rechte über ihre Reproduktion im Sinne der Verhütungsmittel bekommen.

In den Kommentarspalten eurer Instagram-Beiträge fühlen sich einige von euren Forderungen angegriffen. Wodurch kommt das zustande?

Rita: Vielleicht liegt das daran, dass wir mit dem Gleichberechtigungsprozess auch ansprechen, dass Frauen sich, was die Verhütung betrifft, oft allein gelassen fühlen. Vielleicht fühlen sich manche dabei ertappt und sehen dann, dass sie ihre Partnerin nicht genug unterstützt haben. Es gab ein paar unschöne Kommentare, aber ich glaube, das hängt auch damit zusammen, dass einige ihre sehr starke Meinung zum Feminismus haben und das alles in eine Kategorie werfen.

Es ist auch wichtig zu sehen, dass dieser Wandel in den Köpfen noch gar nicht geschehen ist. Wir wollen mit unserer Arbeit darüber aufklären, dass Verhütung beide etwas angeht. Das betrifft auch die Debatte, wer bei der Verhütung die Verantwortung trägt. Ich glaube, diese Mentalität oder das Denken in Geschlechterrollen spielt dabei auch eine große Rolle.

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Welche Aufgaben stehen euch noch bevor?

Rita: Wir wollen ein organisierter Verein werden, unser Team wachsen lassen und natürlich weiterhin Unterschriften sammeln. Das ist ganz wichtig, denn diese Unterschriften sind unser Druckmittel auf die Politik und die Pharmaindustrie. Wir hatten bereits ein Gespräch auf europapolitischer Ebene mit einem Mitglied des Europäischen Parlaments und wollen auch auf nationaler Ebene Gespräche führen, zum Beispiel mit Politiker*innen aus dem Gesundheits- und Familienausschuss, die für Gleichstellung zuständig sind. Ein großes Ziel wäre auch mit Zuständigen aus dem Familien- und Gesundheitsministerium zu sprechen.

Auch die Aufklärungsarbeit ist ein wichtiges Ziel. Bei Instagram haben wir die verschiedenen Verhütungsmittel bereits vorgestellt und das wollen wir auch in Zukunft weiterverfolgen. Zum Beispiel möchten wir über die Entstehung der Pille und den weiblichen Zyklus aufklären, wofür Interviews mit Expert*innen, Videoprojekte und Fotoreihen in Planung sind.  

Warum ist es dir wichtig, dass sich junge Menschen mit „Better Birth Control“ auseinandersetzen?

Rita: Wir verfolgen ein gemeinnütziges Ziel, weil wir Verhütung für alle besser machen wollen, auch für nicht-binäre und transsexuelle Menschen. Wir sind der Meinung, dass dieses Ziel nur gemeinsam erreicht werden kann, wenn sich genug Menschen dafür stark machen. Als Einzelpersonen oder Team von zehn Leuten können wir zwar einiges erreichen, aber natürlich sind wir auf die Unterstützung anderer angewiesen. Die Petition zu unterstützen, indem man sie unterschreibt und teilt, kann uns bei der Politik und Pharmaindustrie Gehör verschaffen. Vielleicht wird sich für Menschen in unserem Alter nicht viel ändern, aber gerade für die nachfolgenden Generationen ist es wichtig, jetzt laut zu werden, sodass sie die Möglichkeit haben, gleichberechtigt und nebenwirkungsfrei zu verhüten.

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