Interview

Rico Nasty im Interview: „Ich habe in ständiger Angst gelebt“

Sängerin Rico Nasty

Viele Künstler streben danach, ein Alleinstellungsmerkmal zu haben. Rico Nasty hat gleich mehrere. Ihre Musik und gerade ihr im Dezember veröffentlichtes Album „Nightmare Vacation’’ stellen das unter Beweis. Trap-, Punk- und Rap-Fans sind sich einig: Ricos Sound ist nicht nur vielfältig, sondern vor allem ehrlich, laut und empowernd. Im Interview spricht sie über ihre Verbindung zu Gott und die Schattenseiten des Reichtums.
Omeima Garci, funky-Jugendreporterin

Der erste Song auf deinem neuen Album heißt Candy. Womit versüßt du dir deine Tage?
Geld. Ich hatte wirklich harte, lange Tage, an denen ich viel Zeit investiert habe. Und wenn sich das auszahlt, ist das ein schönes Gefühl. Deswegen singe ich auch „You can call me crazy but you can never call me broke”. Ich habe es oft erlebt, dass mich Leute verrückt oder komisch nannten, weil ich mein eigenes Ding durchziehe. Ich kriege viel Hass ab. Wenn ich mir aber am Ende des Tages meine Aussicht anschaue, mein Kind und meine Mutter anschaue, die glücklich ist, dann sollen die mich gerne so nennen. Es interessiert mich nicht.

Der meiste Hass kommt von Menschen, die dich beneiden.
Ich denke, es sind einfach Leute, die mich nicht mögen. Das heißt nicht automatisch, dass diese Leute Hater sind, sie verstehen nur meine Musik nicht und sie werden sie auch nie verstehen. Aber ich weiß, dass es da draußen genug Menschen gibt, die es tun.

In dem Song geht es auch darum, dass du deinen Freundinnen immer zur Seite stehst, selbst wenn sie Fehler machen. Hat das einen persönlichen Hintergrund?
Ja. Ich habe in meiner Karriere viele fragwürdige Dinge gemacht. Nicht jede Entscheidung, die ich gefällt habe, war die richtige. Die Leute um mich herum haben mich trotzdem geliebt, weil sie wussten, dass ich es, selbst wenn ich Fehler machte, in dem Moment so wollte. Das hat mir sehr geholfen. Ich habe auch das Gefühl, dass es für viele Frauen kein wirkliches Vorbild gibt, das ihnen Kraft gibt. Deswegen bin ich immer für meine Freundinnen da. Da ist es mir auch egal, ob eine Freundin ihren Typen betrügt – wenn er meint, ihr weh tun zu müssen, bin ich bei ihr. Wir brauchen alle solche Freundinnen, die auch da sind, wenn man mal einen Fehler macht. Als Frau, und gerade als schwarze Frau, scheint es oft so, als dürfe man sich keine Fehler erlauben. Deswegen braucht man Freunde und Familie, die einen in jeder Situation unterstützen.

Fehler müssen gemacht werden, damit man vorankommt, sonst lebt man nur in Angst und kommt nicht weiter.
Genau so habe ich die letzten Jahre gelebt. Ich habe in ständiger Angst gelebt. Angst davor, Fehler zu machen. Angst davor, Dinge zu sagen, denen andere nicht zustimmen würden. Angst davor, etwas zu tun, womit ich jemandem auf die Füße treten könnte. Ich hatte Angst davor, für mich selbst einzustehen, weil ich nicht wollte, dass ich wie jemand aussehe, der wütend ist. Ich hatte Angst, mein Geld auszugeben und am Ende nichts zu haben. Oder es auszugeben und festzustellen, dass mich Leute dafür auf eine bestimmte Art und Weise anschauen. Ich hatte Angst davor, dass Leute mich oder meine Familie wegen meines Geldes verletzten. Wenn man so viel Geld hat, will man nicht mal mehr die Wohnung verlassen. Man kann nicht mehr mit Leuten shoppen gehen, weil sie erwarten, dass man alles bezahlt. Das Leben wird einfach komisch. Man verliert seine Freiheiten. Man versucht, seine Freiheit im „frei sein“ zu finden. Nichts ist so schön, wie es scheint.

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Wenn man mit wenig aufwächst, hat man die Illusion, dass Geld alle Probleme löst. Wann wurde dir diese Illusion genommen?
Als ich mich mit meiner Mutter gestritten habe. Ich dachte damals, ich könnte ihr ein paar Tausender geben und das würde die Dinge schlichten. Meine Mutter sagte mir jedoch, das würde gar nichts ändern. Ich würde damit einfach nur mein schlechtes Gewissen beruhigen, weil das auch die einzige Möglichkeit für mich sei, Dinge wieder gut zu machen. Aber so denkst du nun mal, wenn du 19 bist. Du versuchst alles zu kaufen. Wenn jemand sauer war, gab ich denen Geld und sie waren es nicht mehr. Ich habe gelernt, dass ich erwachsen werden musste. Alles, was meine Mutter wollte, war Zeit mit mir. Luxustaschen interessieren sie nicht, wir kommen von ganz unten, so etwas hatte nie Priorität. Meiner Mutter ist es wichtig, dass ich zuhause bin. Bei ihr.

Aus deinen Songs hört man raus, dass du in schwierigen Zeiten zu Gott betest und im Allgemeinen gläubig bist. Wer hat dir deinen Glauben nahe gebracht?
Meine Mutter und mein Vater. Meine Eltern sind beide religiös. Mein Vater ist Muslim und meine Mutter Christin. Ich hatte nie das Gefühl, mich für eine der beiden Religionen entscheiden zu müssen. Da ich die meiste Zeit bei meiner Mutter verbracht habe und meinen Vater nur am Wochenende sah, erfuhr ich nicht ganz so viel über den Islam. Ich denke auch, dass es falsch ist, eine Religion „nur am Wochenende“ auszuüben. Am Samstag hat mir mein Vater Suren aus dem Koran vorgelesen und am Sonntag war ich dann mit meiner Mutter in der Kirche.

Was ist Gott für dich?
Durch beide Religionen habe ich gelernt, dass Gott Intuition heißt. Du bekommst ein Gefühl dafür, was gut und was falsch ist. Wenn du das in deinem Herzen spürst, dann spricht Gott zu dir. Darauf musst du vertrauen. Auch wenn es um Musik geht. Du kannst Gott nicht sehen, aber das größte Geschenk, dass er uns gegeben hat, ist das Geschenk der Intuition.

Wenn man von unten kommt und plötzlich reich ist, kann man schon mal den Boden unter den Füßen verlieren. Was hilft dir dabei, bescheiden zu bleiben?
Ich mache jeden Tag Fehler. Es ist auch komisch, so zu tun, als sei das Leben immer nur gut zu einem. Ich bin sehr transparent in dem was ich tue. In meiner Familie bin ich die einzige, die berühmt ist, was mich auch dazu bringt, ein gutes Vorbild sein zu wollen. Du musst einfach Gutes tun, um Gutes zurück zu bekommen.

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.