Interview

Benjamin Melzer über seinen Weg vom Mädchen zum Mann

Heute ist Benjamin der, der er sein möchte. Der Weg dahin war jedoch nicht einfach.
Heute ist Benjamin der, der er sein möchte. Der Weg dahin war jedoch nicht einfach.
Benjamin wurde als Yvonne geboren. Mit Anfang 20 begann er dann der Mensch zu werden, als der er sich schon immer gefühlt hatte. In seinem Buch „Endlich Ben. Transgender – Mein Weg vom Mädchen zum Mann“ berichtet der inzwischen 33-Jährige über den kräftezehrenden Weg seiner Geschlechtsangleichung.
Von Marti Mlodzian, funky-Jugendreporter

Gibt es etwas, das du dir mit 15 Jahren gerne gesagt hättest?

Da wusste ich noch gar nicht, was los ist. Ich war noch in diesem Struggle: Was passiert eigentlich mit dir? Bist du jetzt lesbisch? Als ich wusste, ich bin im falschen Körper, hätte ich mir jemanden gewünscht, der mir hilft. Jemanden, der mir meine Fragen beantworten kann, der genau das durchmacht, was ich jetzt durchmache. Denn solche Fragen beantwortet dir niemand.

Was würdest du einem Mädchen raten, das sich so fühlt wie du, als du 16 warst?

Das ist schwierig. Man kann in dieser Situation nicht einfach sagen: Hey, sei locker und rede darüber. Vielleicht: Es wird besser. Öffne dich, fasse Mut und sprich mit jemandem darüber. Ich glaube, in der heutigen Zeit ist es auch ein bisschen einfacher, sich Hilfe zu suchen. Anders als zu meiner Zeit.

In deinem Buch schreibst du auch über dein Coming-out. Welche Tipps würdest du einem Jugendlichen geben, der sich outen möchte?

Ich war von meinen Gefühlen übermannt. Es ist aus mir herausgesprudelt, ich bin direkt zu meiner Mama gefahren. Ich bin unter Tränen zusammengebrochen und sie gleich mit, obwohl sie noch gar nicht wusste, was los war. Für mich war das der richtige Weg. Was ich heute vielen rate: Zeigt es doch einfach, es gibt ja verschiedene Videos zu dem Thema. Das kann Freunde, Eltern und das ganze Umfeld gut an die Thematik heranführen. Gerade wenn man so kurz davorstehst, sich zu outen, ist es einfach schwierig, es dann auch auszusprechen.

Wie bist du auf deinen Namen Benjamin gekommen?

Ich bin der Meinung, Eltern geben Namen. Darum habe ich mich mit meiner Mama beraten, meiner engsten Vertrauten. Ich habe gefragt: Was für Namen gefallen dir denn? Sie sagte, dass sie den Namen Benjamin schon immer schön fand. Da habe ich gedacht: Ben, Benjamin, das passt doch irgendwie zu mir.

Die geschlechtsangleichenden Operationen sind ein weiteres Thema in deinem Buch. Wie funktionieren diese Operationen?

Die erste und wichtigste Operation ist die Mastektomie, also die Entfernung der Brüste. Du hast die ganze Zeit etwas an dir, das nicht zu dir gehört. Du trägst einen Zwiebel-Look an Klamotten, auch wenn es warm ist, weil du es irgendwo einfach kaschieren willst. Es gibt sicher viele Kliniken, die machen alles in einer Sitzung, aber ich habe mich für die gesündere Variante entschieden, nämlich das step by step zu machen. Der Körper hat nicht unbedingt die Möglichkeit, an vielen Stellen gleichzeitig zu heilen, er soll sich auf eine Stelle konzentrieren. Dann müssen Gebärmutter und Eierstöcke entfernt werden. Dann kommt der künstliche Penisaufbau, und da der alleine nicht funktioniert, gehören da auch noch eine Erektionsprothese sowie die Herausbildung des Hodensacks dazu. Es ist schon ein ordentlicher Eingriff, es ist kein Kinderspiel.

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Wie hast du dich vor den Operationen gefühlt?

Wenn ich speziell an die Brust-OP denke, da war ich voller Vorfreude. Bei der großen OP – ich nenne den Penisaufbau immer die große OP, weil die auch wirklich lange dauert – hatte ich schon Schiss. Als ich auf dem Tisch lag und festgeschnallt wurde, war ich noch bei vollem Bewusstsein. Und dann hieß es: Der Doktor ist im Haus, es kann losgehen. Ich habe noch zu der Anästhesistin gesagt: Passen Sie gut auf mich auf. Da hat sie mir über die Wange gestreichelt und gesagt: Das mache ich. Das hat mir ein gutes Gefühl gegeben. Deswegen rate ich auch allen: Leute, nehmt die Warteliste in Kauf, wartet lieber länger und geht in eine vernünftige Klinik.

Wenn du eine Sache an der Gesellschaft ändern könntest, was wäre das?

Dieses Labeln. Ich bin für alle der Transmann, aber ich bin viel mehr. Das geht nicht nur mir so, sondern auch allen, die irgendwie polarisieren. Alle, die anders sind, die ihr eigenes Ding machen. Wenn sich jemand ein rosa Tutu anzieht und einen Conchita-Wurst-mäßigen Bart hat: Lasst ihn! Der tut doch keinem was.

Du wirst oft als Transgender-Aktivist bezeichnet. Was heißt das für dich?

So werde ich immer betitelt, ich selber würde das nicht machen. Ich hasse auch das Wort „Transgender“. In der LGBT-Community sehe ich mich nicht. T ist mein Weg, dieser Trans-Weg, den ich jetzt aber hinter mir gelassen habe. Ich bin heute ein Mann. Und mehr nicht. Und wenn ich andere inspiriere, indem ich einfach ich selbst bin, ist das super.

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funky Redaktion

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.