Hassan ist vor drei Jahren aus dem Jemen geflüchtet. Mit funky sprach er über seine Flucht, das Ankommen in Deutschland und die vielen Veränderungen in seinem Leben.

Von Moritz von Blittersdorff

Die größten „Probleme“ deutscher Jugendlicher haben hauptsächlich mit der Schule oder Freunden zu tun, besser gesagt: es sind in der Regel Alltagssorgen. Wenn man dann aber hört, was ein Geflüchteter als Jugendlicher schon durchmachen musste, ist das alles im Vergleich irrelevant.

Hassan (Name von der Redaktion geändert) ist 18 Jahre alt und wohnt seit knapp zwei Jahren in Pinneberg. Er musste 2015 auf Grund eines Konflikts aus dem Jemen fliehen. Zuerst flog er mit seinen Eltern und seiner zehnjährigen Schwester Yasmin (Name von der Redaktion geändert) nach Belgien, da dort noch Familie wohnte. Allerdings lebte sich seine Schwester nicht wirklich ein, deshalb zog es sie dann im Mai 2016 nach Deutschland, um genauer zu sein nach Pinneberg. Hassan geht im Moment in die 10. Klasse eines Gymnasiums und hat sich prächtig eingelebt. Er versteht sich mit seinen Mitschülern sehr gut und fühlt sich auch insgesamt sehr wohl. Seine Eltern nehmen Deutschunterricht, er selber lernt Deutsch durch die Schule und dadurch, dass er sich mit seinen Freunden unterhält.

„Ich konnte nach fünf Monaten das meiste verstehen und nach ungefähr einem Jahr konnte ich mich auch sehr gut verständigen“, erklärte er. Im Jemen ging Hassan auf eine Privatschule, in der nur Englisch gesprochen wurde. Deshalb kann er fließend Englisch sprechen, was ihm die Situation in Deutschland am Anfang sehr erleichterte. Momentan hat die ganze Familie ein Bleiberecht von zwei Jahren, was ihre schwierige Situation im Jemen bestätigt.

Der 18-Jährige ist sehr glücklich, in Deutschland zu leben. „Es ist hier sicherer und ich habe mehr Möglichkeiten für meine Zukunft“, meint Hassan. Er vermisst seine restliche Familie im Jemen, aber Hassan spricht fast jeden Tag mit seinen Großeltern am Telefon. Zudem veränderte sich sein Alltag komplett. „Ich wohne in einem neuen Haus, habe neue Freunde und die komplette Kultur ist anders.“ Trotzdem sieht er die Flucht als Rettung an und will auch weiterhin hier leben.

Im Jemen gelten nicht dieselben Rechte wie in Deutschland

Viele Rechte, die bei uns als selbstverständlich angesehen werden, existieren im Jemen nicht und werden sogar teilweise missachtet. Beispiele dafür sind der nicht gewährleistete Schutz der Menschenwürde und der körperlichen Unversehrtheit bis hin zur Nichteinhaltung des Völkerrechts. Das Völkerrecht dient der Regelung zwischen Staaten und deren Beziehungen untereinander; es umfasst zum Beispiel Menschenrechte, Handelsrechte oder Rechte zur Migration. All diese Rechte und Gesetze beeinflussen unseren Alltag jeden Tag, von vielen wird das als normal angesehen. Doch wenn man sieht, wie die Situation im Jemen ist, wird einem klar, was für ein Privileg man hat, in Deutschland leben zu können.

Zudem wird Deutschland durch das Prinzip der Gewaltenteilung vor einem Machtmissbrauch durch politische Institutionen geschützt. Politiklehrer Stefan Maul sieht ebenfalls momentan keine Verbesserungen in diesen Punkten im Jemen. Der Bürgerkrieg, der im Jemen herrscht, werfe das Land in seiner Entwicklung am Ende wahrscheinlich sogar noch mehr zurück. Dass die Rechte, die heutzutage in Deutschland gelten, im Jemen umgesetzt werden, würde noch in weiter Ferne liegen, ist sich Stefan Maul sicher. Genaue Prognosen dazu sind jedoch schwierig.

Die Flucht war die einzig richtige Entscheidung

Der Bürgerkrieg im Jemen begann im Juni 2004 mit dem Huthi-Konflikt. Die Huthi sind eine politisch-militärische Bewegung der Zaiditen, einer schiitischen Gruppierung, die den Präsidenten angeblich stürzen wollten. Das behauptete der ehemalige Präsident Ali Abdullah Salih zumindest und beschuldigte den Iran, diese Angriffe geführt und finanziert zu haben. Daraufhin kämpfte das jemenitische Heer weiterhin gegen schiitische Rebellen, weswegen die meisten Menschen geflohen sind.

Hassan sah schon Bomben hochgehen und erlebte den Bürgerkrieg hautnah mit. Er erzählte davon ziemlich entspannt und keineswegs verängstigt – fast distanziert. Er schätzt seine momentane Situation in Deutschland, obwohl noch lange nicht alles perfekt ist. Mit seiner Familie wohnt er nun in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, wo er auf dem Sofa schlafen muss. Sie sind schon seit mehreren Monaten auf der Suche nach einer größeren Wohnung, jedoch hat es bislang noch nicht geklappt. Im Jemen lebte Hassan mit seinen Eltern, seinen Großeltern und seinem Onkel mit Frau und Kindern in einem Haus und hatte keine finanziellen Probleme.

Auf die Frage, ob er noch einmal fliehen würde, antwortete er allerdings sofort mit „Ja, auf jeden Fall!“ Er wird seine Kultur und Religion in Deutschland weiterleben. Dafür muss der 18-Jährige nach dem Abi nicht ins Ausland, um sich weiterzubilden, sondern er kann in Deutschland bleiben. Dazu erklärte er: „Nach meinem Schulabschluss im Jemen wäre ich wahrscheinlich in die USA gegangen, um zu studieren, da es im Jemen nicht viele Möglichkeiten gibt.“

Lest den Kommentar von Moritz zum Thema auf der nächsten Seite.

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