Vor drei Jahren besang Namika ihren Lieblingsmenschen und sorgte damit für den Ohrwurm des Sommers. Ihr frisch gepresste Album „Que Walou“ macht schon wieder Sommerlaune – und ist dabei berührend persönlich. Wir haben mit der Sängerin gesprochen.

Von Margarethe Neubauer

Namika, das bedeutet „die Schreibende“. Was liebst du daran, Geschichten zu erzählen?
In erster Linie erzähle ich meine eigenen Geschichten, deshalb fällt es mir auch so leicht. Ausgedacht sind meine Texte eigentlich nie. Ich liebe es auch, mit Wörtern zu spielen, ich komme ja aus dem Hip-Hop. Jeder einzelne Rapper ist ein Wortjongleur und ich habe meinen ganz eigenen Stil. Das ist halt Namika-like.

Oft sind deine Texte sehr persönlich, beziehen sich auf konkrete Ereignisse in deinem Leben. Was empfindest du, wenn du so intime Themen mit einem großen Publikum teilst?
Schon mein altes Album hatte Tiefgang, aber auf „Que Walou“ ist es krasser. Vor allem wegen der persönlichen Story mit meinem Vater (Der Vater ließ die Familie früh mit Schulden zurück. – Anm. der Red.). Ich wusste nie, wer er war. Ich habe mich gefragt: Wer ist dieser Mann, warum war er nicht da für uns? Für mich war es befreiend, über das Thema zu schreiben. Das habe ich für mich gemacht. Aber auch, um Leuten Mut zuzusprechen, die aus ähnlichen Verhältnissen kommen wie ich. Die Verhältnisse, aus denen du kommst, sind kein Hindernis, um Glück zu finden.

Obwohl deine Musik diverse Einflüsse prägen und du Props aus der Rapszene erhältst, hat dir dein erster Hit den Pop-Prinzessinnen-Stempel verschafft. Wie boxt man sich am besten aus so einer Schublade?
Pop-Prinzessin – von mir aus! Ich meine: What a nice problem to have. Ich will mich gar nicht aus der Schublade boxen. Klar gibt es Pop-Songs, bei denen sich mir die Nackenhaare aufstellen, das ist Mikrowellenmusik. Aber wenn Musik auf Wahrhaftigkeit beruht, dann wird sie auch berühren.

Apropos berühren – die prominenteste Protagonistin deiner Songs ist immer wieder die Liebe. Warum tun wir uns eigentlich so schwer damit?
Das liegt wohl an unserem heutigen Zeitgeist. Durch die Digitalisierung ist es supereinfach, jemanden zu daten. Du gehst auf deine App – zack-zack, finde ich gut – Herzchen. Wir haben eine Riesenauswahl und gehen deshalb kaum auf tiefgründige Gespräche ein, geben einander keine Chance.

Zum Glück gehört auch Feminismus zu unserem Zeitgeist. Du sagtest mal, du willst „das Weibliche in die Rap-Sparte bringen“. Wie denn?
Ich bin eine Frau, ich mache meine Musik – und fertig. Dafür brauche ich kein Konzept. Ich mache ich mir keine Gedanken, ob das superfeministisch ist. Weder laufe ich aufreizend durch die Stadt noch bin ich eine Kampffeministin. Als Frau gegen Männer zu schießen wäre auch scheiße, es geht ja im Feminismus um Gleichberechtigung.

In dem Song „Hände“ ist auch dein Gangsta-Rap Kollege Farid Bang zu hören, der nicht gerade für gefühlvolle Texte bekannt ist. Wie kam es zu dem ungewöhnlichen Feature?
Farid habe ich zufällig in Düsseldorf getroffen. Wir saßen gemeinsam im Auto, haben uns Songs vorgespielt. Auch „Hände“, den Song über meine Großmutter. Farid, dieser riesige Bär, saß die ganze Zeit still auf dem Beifahrersitz und sagte dann: „Weißt du eigentlich, dass wir dasselbe Schicksal haben?“ Danach habe ich ihn eingeladen, eine Strophe für seine Oma zu schreiben. Ich war übertrieben berührt – so habe ich ihn noch nie gehört. Schön, dass es ihm da gelingt, eine Frau so zu würdigen.

Andererseits steht Farid wegen Antisemitismus-Vorwürfen heftig in der Kritik. Bewertest du eure Zusammenarbeit nun anders?
Für mich und meine Musik ist das etwas, wovon ich mich krass distanziere. Ich will keinen Hass verbreiten. Im Gegenteil: In meiner Musik geht es um Liebe. Wir haben einen übertrieben schönen Song gemacht, er hat sich da auf mich eingelassen. Aber wie andere ihre Musik gestalten, liegt nicht in meiner Macht. Das ist Farids Nische, sein Film. Und ich bin nicht seine Erziehungsberechtigte. Wenn er mit den Konsequenzen leben kann, dann ist das sein Bier. Er weiß, dass ich das nicht gut finde. Aber es ist eben sein Business-Konstrukt.

Aber er kann sich auch nicht einfach hinter seiner Figur, hinter seiner „Kunst“ verstecken. Das ist doch wahnsinnig problematisch.
Dann müssten wir Battle-Rap generell diskutieren. Seine Zeile ist geschmacklos ohne Ende – aber in einem Rap-Kontext ist das nicht wortwörtlich zu nehmen. Rap funktioniert wie ein Actionfilm. Da würde man auch niemanden für bestimmte Szenen verklagen.

 

Titelbild: David Daub