Studienbeginn: Aller Anfang ist schwer

Ein junger Mann sitzt in einem leeren Vorlesungssaal
Aller Anfang ist schwer – auch der Studienbeginn.
Marie Wilken, funky-Jugendreporterin

Darmstadt. Es ist jetzt fast genau ein Jahr her, dass ich mit meiner Mutter und zwei großen Koffern am Ravensburger Bahnhof stand. Ich hatte das Gefühl, dass jede Zelle meines Körpers nervös war. Ich umarmte meine Mutter noch einmal, nahm mein Gepäck und drehte mich weg. Alles, nur jetzt nicht weinen. „Jetzt bin ich wohl erwachsen“, dachte ich, als ich den Zug bestieg. Mein Ziel: Darmstadt, die Stadt, in der ich nun mein Journalismus-Studium begann. 

Im Oktober 2025 ging dann mein Semester los. Meine zwei großen Koffer hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgeräumt: Die Wohnungssuche gestaltete sich auch in der hessischen Studienstadt schwierig, weshalb ich mein Zimmer erst ab November beziehen konnte. Den ersten Monat musste ich also mit verschiedenen Unterkünften überbrücken. Ich lebte in Appartements, Hotels, einer Jugendherberge und schlief auch mal auf dem harten Boden von Freunden, die ich neu kennengelernt hatte. Letzteres würde ich nicht weiterempfehlen. Innerhalb eines Monats zog ich also öfter um als in meinem bisherigen Leben. Vor allem die Tage in der Jugendherberge waren dabei ziemlich gewöhnungsbedürftig, da das Zimmer sehr spartanisch und kühl eingerichtet war. Zumindest hatte ich es mitsamt der drei Stockbetten für mich allein – ich hätte also alle meine neuen Freundinnen und Freunde zu mir einladen können.

Die ersten Begegnungen
Und dann stand die erste Veranstaltung an. Alle neuen Studentinnen und Studenten der Hochschule wurden im Darmstädter Staatstheater begrüßt. Ich stand alleine in einer Traube von Tausenden jungen Menschen, die sich alle zu kennen schienen. Wie konnte das sein? „Oh nein, ich werde alleine enden!“, schoss es mir sofort durch den Kopf. Hatte ich etwa irgendwelche Einführungsveranstaltungen verpasst? Ich schaute mich um. Bei jeder Person, die ebenso verloren aussah, wie ich mich fühlte, entspannte ich mich ein wenig mehr. Und dann fiel mir eine Gruppe Studentinnen und Studenten auf, die direkt hinter mir stand. Und sie kamen mir irgendwie bekannt vor. Genau – das waren doch die Gesichter, die ich schon aus der WhatsApp-Gruppe meines Studiengangs kannte! Ich schaute immer wieder neugierig herüber und musste mich ziemlich überwinden, sie anzusprechen. Aber Bingo: Sie waren es und schon war ich um ein paar Kontakte reicher.

Der erste Morgen in der neuen Heimat war nicht so leicht. Wie war das doch gleich mit dem Erwachsensein? Zu wissen, dass ich niemanden wirklich kenne, war schwer. Ich dachte an meine Familie, die zu dieser Zeit zu Hause zusammen frühstückte – nur ohne mich. Es war ein grauer Herbsttag. Die Stadt war leer. Ich spazierte trotzdem ein bisschen durch die Straßen.

Am Abend fand eine Ersti-Party statt. Sie war nicht weit von meiner ersten Unterkunft entfernt. Ich war jetzt das erste Mal am großen Campus der Hochschule. Es war dunkel und ich bekam auf einmal Respekt vor allem, was vor mir lag. Zum Glück musste ich nicht alleine hineingehen. Durch meine turbulente Wohnungssuche hatte ich ein Mädchen kennengelernt, das mich begleitete. 

Im Gebäude angekommen, holten wir uns etwas zu trinken und kamen schnell auch mit anderen Erstis ins Gespräch. Irgendwo neu zu sein, ist schwer. Doch ist stellte fest: Gespräche auf „Ersti-Veranstaltungen“ sind es hingegen gar nicht. Was studierst du? Wie kamst du darauf? Was willst du damit mal machen? Woher kommst du? Wie heißt du eigentlich? So ungefähr klang fast jedes Gespräch. Denn eines hatten wir alle gemeinsam: Wir suchten alle Anschluss. Ich lernte an diesem Abend viele neue Leute kennen. Die meisten habe ich seitdem nie wieder gesehen, einige treffe ich aber regelmäßig in der Stadt. Ich freue mich immer, zu erfahren, wie es ihnen seitdem ergangen ist.

In der Woche darauf begann dann endlich das Programm meines Studiengangs. Ich lernte die Räume, Kommilitonen und Professoren kennen. Ich hatte meinen ersten festen Stundenplan. Mich hat es ziemlich gut erwischt: Freitags und montags hatte ich nur alle zwei Wochen ein Seminar. Somit konnte ich jedes zweite Wochenende zu meinen Eltern fahren. Mit jedem Tag wurde mir die Umgebung vertrauter und ich freute mich, endlich mein eigenes Leben beginnen zu können.

Bin ich nun erwachsener?
Am Anfang fühlten sich die Tage endlos an. Es waren so viele neue Eindrücke, die auf mich einprasselten. Ich wollte von Anfang an richtig dabei sein und jede Chance nutzen, mir mein neues eigenes Leben aufzubauen. Ich hatte das Gefühl, dass sich das Studium lange ziehen würde.

Doch dann verging das erste Jahr schneller, als mir lieb war. Von Woche zu Woche wurde das Verhältnis zu meinen neuen Freundinnen und Freunden besser. Aus ersten oberflächlichen Vorstellungsrunden wurden tiefgründige Gespräche. Ich lernte sie sogar auf einer Ebene kennen, die ich von meinen Freunden zu Hause nicht kannte. Wir trafen uns abends, um einen Film zu schauen, etwas zu kochen oder gingen auf eine Party. Ich lernte, was es bedeutet, „frei“ zu sein und das machen zu können, was ich möchte. Die ersten Monate fühlten sich unbeschwert an: Ich ging auch mal an einem Mittwoch auf eine Party, unternahm in einer Woche jeden Abend etwas oder probierte meine erste „Laterne“, ein hessisches Getränk aus Apfelwein und Kirschlikör in einem Maßkrug. Meine Mutter hätte gesagt, dass ich meinem Körper auch mal eine Pause gönnen solle – aber meine Mutter war in Ravensburg, während ich das Darmstädter Studentenleben lebte. Die sorglose Zeit endete erst, als sich die ersten Prüfungen ankündigten – und umso glücklicher war ich, vorher viel erlebt zu haben. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, denke ich an die schönen Dinge. Ebenso dazu gehörten jedoch gerade zu Beginn auch Abende, an denen ich weinend im Bett lag und meine Freundinnen und meine Familie vermisste. „Aller Anfang ist schwer“, pflegte meine Mutter mir in diesen Momenten am Telefon zu sagen. Rückblickend hat es dann gar nicht so lange gedauert wie befürchtet, bis ich mich an all das Neue gewöhnt habe. Ich bin froh, wie alles gekommen ist. Mein erster Gedanke im Zug hat sich nun bewahrheitet – mit meinen neuen Erfahrungen bin ich ein Stück erwachsener geworden. Und dazu zählen schöne Momente ebenso wie ein trauriger Abend im Bett, den ich gemeistert habe. Inzwischen liegen nur noch fünf Semester vor mir, die ich nicht einmal alle in Darmstadt verbringen werde. Wenn die Zeit genauso schnell vergeht wie im ersten Jahr, dann will ich jeden Moment genießen.

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