Erfahrungsbericht: Nie wieder Alkohol?

Alkohol wird in rote Partybecher eingeschenkt
Für viele gehört Alkohol zum Feiern einfach dazu. Was aber, wenn man sich dagegen entscheidet?

„Habt ihr auch Alkoholfreies?“ – Eine Frage, die ich in den letzten zwei Jahren unzählige Male gestellt habe. Seit dem Frühjahr 2020 trinke ich gesundheitsbedingt keinen Alkohol mehr. Was das in einer Partykultur wie unserer bedeutet, musste ich erst lernen; ein Erfahrungsbericht.

Matheo Berndt, funky-Jugendreporter

Am Anfang stand, wie bei so vielen Geschichten unserer Zeit, der Lockdown. Der kam mir gerade recht: Ich trank zu diesem Zeitpunkt erst seit ein, zwei Wochen keinen Alkohol, dass alle zuhause saßen machte vieles leichter. Es gab keine Partys, keine Clubs, nichts zu verpassen, quasi ein Kinderspiel.

Erst, als die Isolation vorbei war und das Leben wieder begann, traten die ersten Probleme auf. Ich war vor allem zwei Dinge: müde und schüchtern. Nicht nur fehlte mir auf einmal der Mut, zu tanzen oder mich mit Fremden anzufreunden, auch hatte ich spätestens um Mitternacht das starke Bedürfnis, nach Hause und ins Bett zu gehen.

Eine Erkenntnis musste ich erstmal schlucken: Alkohol ist keine Charaktereigenschaft – oder sollte keine sein. Meine Humorpalette war zwar nicht leer, aber geschmälert. Bei einer schlechten Neuigkeit konnte ich nicht mehr im Scherz „Ich brauch nen Drink“ zu meinen Freunden sagen, Radlerwitze kamen gar nicht erst in Frage, wo ich doch nicht mal mehr das trank. Ich stand vor der Aufgabe, etwas Interessantes an mir zu finden, ohne von der letzten Party zu erzählen.

Wenn ich mit guten Freund*innen unterwegs war, wussten alle Bescheid. Schwierig wurde es eher, wenn ich neue Leute traf. Einmal nahm ich eine Bekannte auf dem Gepäckträger mit. „Willst du was von meinem Wein?“ „Nein, danke. Ich trinke nicht.“ „Aber der Wein ist total lecker!“ „Ehrlich, nein danke.“ „Aber morgen ist Wochenende! Hab doch mal Spaß! Ich sag’s auch keinem!“

Ein Jahr später zog ich zum Studium nach Köln und die Ersti-Woche gestaltete sich schwierig. Niemand kannte sich, aber bei einem Thema konnten alle mitreden: Welches Kölsch ist das beste? Wer kann einen Tornado? Welche Uni schmeißt die besten Partys? Alle hatten ihren gemeinsamen Nenner gefunden – nur mich schloss dieser nicht mit ein. Auch die von der Fachschaft organisierte Campus-Rallye drehte sich primär ums Trinken: Staffellauf an den Uniwiesen, während man auf der Strecke ein Bier trinken musste, Flunkyball vor dem Hauptgebäude, mit Bier einen Song gurgeln. Natürlich kann man das alles auch mit Limo spielen, aber mitgebrachte Getränke aus dem Rucksack zu kramen, während alle anderen aus den Kästen der Fachschaft bewirtet wurden, war kein tolles Gefühl – von den skeptischen Seitenblicken, die „Spießer“ zu sagen schienen, ganz zu schweigen. Laut sagte es niemand, aber die Message war klar. Student*in zu sein, das hieß vor allem eines: Feiern.

In meiner neuen Freund*innengruppe sah das zum Glück anders aus. Ich war nicht der Einzige, der nicht trank, und auch sonst trafen wir uns öfter in Cafés oder der Mensa als zum Biertrinken. Wenn es allerdings eine Party oder einen gemeinsamen Clubausflug gab, war ich gehemmt. Ich ließ mir Ausreden einfallen oder ging nach dem Vorglühen unter einem Vorwand wieder nach Hause – so richtig traute ich mich nicht mehr in die großen Menschenmengen mit den lauten Bässen. Auf dem Abiball einer Freundin sprang ich dann über meinen Schatten und fand mich auf der Tanzfläche wieder, fühlte mich aber so fehl am Platz, dass ich gleich wieder zurücksprang. Vor der Tür versuchte mir eine Gruppe Jungs einen Shot anzudrehen, weil sie ihren reingeschmuggelten Alkohol loswerden wollten. Erst nachdem ich einen der Abiturienten anhauchen musste, um zu beweisen, dass ich wirklich nicht trank, wurde ich in Ruhe gelassen.

Es ist wohl eher ein Ich-Problem als eines des Nüchtern-Seins an sich, aber der Gedanke, wieder richtig feiern zu gehen, schüchtert mich ein. Generell lässt sich das Gefühl, immer ein wenig ausgeschlossen zu sein, nur schwer abschütteln, selbst wenn alle auf der Party es komplett normal finden, dass manche Leute eben nicht trinken. Es ist, als befänden sich die anderen stets in einer unsichtbaren Blase, der man nur von außen zusehen kann, und in solchen Momenten wünschte ich, ich könnte mir auch ein Bier aufmachen.

Generell trifft man auf viel Verständnis und wenige Ausnahmen, allerdings ist es immer wieder erschreckend, wie sehr Alkohol als Teil unserer Gesellschaft und für viele auch als Teil der Persönlichkeit verankert ist. Wenn gar gesundheitsschädliche Exzesse von leichten Alkoholvergiftungen bis hin zu Krankenhausaufenthalten verharmlost oder glorifiziert werden, sehe ich darin ein großes Problem.

Was ich vor allem gelernt habe, ist, dass es nicht wehtut, einfach mal nach Hause zu gehen. Wenn die Stimmung gut ist, bleibe ich auch gerne mal bis morgens auf Partys, aber wenn mir nüchtern langweilig ist, gehe ich halt. Alkohol in angemessenen Maßen kann großen Spaß machen, ist aber nicht für jeden etwas und für manche auch keine Option. Events, bei denen der einzige Spaßfaktor der Pegel ist, sind eben nichts mehr für mich – und das ist okay.

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