Wenn die WG-Mitbewohnerin 62 Jahre älter ist

Ore und Helene sitzen nebeneinander im Wohnzimmer und lächeln in die Kamera.
Die 21-jährige Ore und die 83-jährige Helene wohnen in einer WG.

Jung und Alt unter einem Dach: So funktioniert das Zusammenleben in einer generationsübergreifenden WG.

Lisa Rethmeier, funky-Jugendreporterin

Ore Ogunbiyi ist 21 Jahre alt und wohnt in einer WG. Das ist erstmal nichts Ungewöhnliches, schließlich finden die meisten Studierenden es schön, gesellige Koch- und Spieleabende oder auch die ein oder andere Party in den gemeinsamen vier Wänden zu veranstalten. Doch in Ores WG ist alles ein bisschen anders, denn ihre Mitbewohnerin Helene ist bereits 83 Jahre alt. Wie lebt es sich zusammen, wenn 62 Jahre dazwischenliegen?

Eigentlich wohnt Ore in London und studiert dort Deutsch. Letztes Jahr im September brach sie jedoch zu einem Auslandsjahr nach Wien auf. Neben ihrem Studium machte sie dort ein Praktikum als Sprachassistentin.

Bevor es nach Wien ging, musste natürlich eine Unterkunft her. In London wohnt Ore noch bei ihren Eltern, daher freute sie sich darauf, mal eine etwas andere Wohnsituation kennenzulernen. Eine Freundin erzählte ihr von der Website „Wohnbuddy“, die junge Wohnungsuchende in Wien an ältere Wohnpartner*innen vermittelt. Das Konzept: Senior*innen, die allein wohnen, stellen ihre ungenutzten Zimmer kostengünstig zur Verfügung und bekommen im Gegenzug Unterstützung oder einfach nur Gesellschaft im Alltag.

Von Vorurteilen und Veränderung

Bisher hatte Ore kaum Erfahrungen mit älteren Menschen gemacht. Zu ihren Großeltern hat sie keine enge Beziehung und, wenn sie ganz ehrlich ist, schlummerten in ihr auch einige Vorbehalte gegenüber Senior*innen, die sie in England oft als unfreundlich und nicht besonders offen wahrnimmt. Doch gerade deshalb reizte es sie, sich auf das Wohnexperiment einzulassen, um zur Abwechslung vielleicht auch mal schöne Erlebnisse zu sammeln.

Und dann ging es auch schon an die Planung: Auf der Wohnplattform von „Wohnbuddy“ füllte Ore einen Fragebogen aus, der ihre Interessen, Freizeitaktivitäten und Ansichten auslotete. Gleiches machte auch Helene, ihre zukünftige Mitbewohnerin, und die Mitarbeitenden sowie der Algorithmus, die die Antworten der beiden analysierten, stellten schließlich fest: It’s a match!

Das erste Treffen fand über Zoom statt. „Ich war beim ersten Videoanruf sehr schüchtern. Die ganze Situation war so ungewohnt“, erinnert sich Ore. Doch die zwei verstanden sich auf Anhieb gut und entscheiden sich dazu, zusammenzuwohnen. „Ein Onkel von mir wohnt in Wien. Er hat Helene vor meinem Umzug noch besucht, um zu überprüfen, dass es sich bei ihr nicht um einen Scam, also ein Betrüger*innenprofil handelt“, erzählt Ore lachend.


Doch einige Bedenken blieben. „Ich hatte schon etwas Angst vor dem Wohnkonzept. Nicht nur, weil ich keine Erfahrungen mit älteren Menschen hatte, sondern auch, weil ich als Schwarze Frau mit einer alten, weißen Frau zusammenleben würde. Die unterschiedliche Kultur und der Generationsunterschied machten mir Sorgen,“ gesteht Ore.

Als sie in Wien ankam, ging es Ore nicht gut. Wochenlang war sie sehr müde und viel allein in ihrem Zimmer. Helene sorgte sich und begleitete sie zum Arzt. Dort wurde ein Vitamin-Mangel festgestellt. „Sie hat sich richtig um mich gekümmert“, erzählt Ore.

Die beiden Frauen fanden schnell einen gemeinsamen Rhythmus und Ores Bedenken verflogen. „Am Abend unternehmen wir gerne mal etwas zusammen. Wir trinken ein Glas Wein oder sehen fern“, so Ore. Manchmal lesen sie auch einfach nebeneinander im Wohnzimmer, Helene hat ihr schon einige Bücher geliehen. Auf der anderen Seite hat Ore aber auch viel Freiraum. Am Wochenende ist Helene oft bei ihrer Familie in Bad Fischau, dann hat sie die Wohnung ganz für sich allein. Überhaupt ist die alte Frau sehr aktiv und gar keine Stubenhockerin, sie macht häufig Kurse an der Volkshochschule und geht viel spazieren.

Wir haben schon sehr unterschiedliche Lebensrhythmen. Manchmal esse ich gerade zu Abend und Helene geht schon ins Bett.

Ore Ogunbiyi

Unterschiedliche Lebensphasen – unterschiedliche Gewohnheiten

Was Ore und Helene aber vor allem verbindet, ist die Musik. „Wir beide lieben Musik. Wir waren schon dreimal zusammen bei einem klassischen Konzert“, erzählt Ore. Unterschiede bemerkt sie vor allem in Sachen Kultur. Einmal machte Helene sich über sie lustig, weil sie so oft ihre Frisur änderte. Und auch beim Essen gehen die Geschmäcker auseinander: Anfangs haben sie noch zusammen gegessen, dabei jedoch schnell festgestellt, dass ihre Vorlieben so gar nicht zusammenpassen. Ore liebt scharfes Essen, Helene mag es mild. Und auch etwas anderes hält sie oft davon ab, abends gemeinsam zu essen: „Wir haben schon sehr unterschiedliche Lebensrhythmen. Manchmal esse ich gerade zu Abend und Helene geht schon ins Bett“, erzählt Ore lachend.

Wirkliche Konflikte gibt es bei den beiden aber nicht. Doch die letzte Zeit war etwas schwerer, denn Helene hat seit einem Monat große Probleme mit ihrer Hüfte. Sie kann nicht lange stehen, weshalb Ore den Abwasch übernimmt und auch ab und zu für sie einkaufen geht. Durch die Schmerzen von Helene veränderte sich auch der Alltag in der WG – sie reden nicht mehr so viel wie früher und ein Stück der Leichtigkeit fehlt. Manchmal hat Ore auch das Gefühl, durch dieses Wohnkonzept bestimmte Erfahrungen zu verpassen. Andere aus ihrer Uni gehen zusammen mit ihren Mitbewohner*innen feiern und lernen viele neue Menschen in ihrem Alter kennen – das geht mit Helene nicht.

Mit Offenheit und Neugier voneinander lernen

Dafür kann Ore kann sich auch an besonders schöne Abende zurückerinnern: „Einmal habe ich ihr Uno beigebracht. Wir haben gespielt, Glühwein getrunken und viel gelacht“, erzählt sie. Ore schätzt viel an Helene: „Ich merke ihr an, wie gerne sie sich um mich kümmert. Und sie hat immer was zu erzählen. Die Geschichten aus ihrem langen Leben sind sehr spannend. Genauso gerne, wie sie erzählt, hört sie mir aber auch zu.“ Helene erzählte Ore, dass sie bislang noch keine enge Verbindung mit einem Schwarzen Menschen hatte. Sie ist sehr neugierig und will alles über ihr Leben in London erfahren.

Mittlerweile ist Ores Zeit in Österreich fast vorbei. Ore nimmt viel aus der Zeit mit. Den kulturellen Unterschied und die Hautfarbe hat sie lange als Hindernis gesehen. Doch durch Offenheit und Neugierde ließen sich die selbstauferlegten Hürden überwinden. Helene hat es geschafft, Ores Vorurteile gegenüber der älteren Generation aufzulösen. Was bleibt, ist das schöne Gefühl, einander bereichert zu haben. Insgesamt schaut sie gerne auf die Zeit mit Helene zurück und kann sich vorstellen, in Zukunft noch einmal in einer generationsübergreifenden WG zu wohnen. Doch vorher will sie in eine WG mit Menschen ihres Alters ziehen.

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