„Stick and Poke“-Trend: Tattoos einfach selbst machen?

Ein Mensch wird mit einer Tattoo-Nadel tätowiert
Auf der Suche nach neuen Herausforderungen brachte sich Jan das Tätowieren selbst bei und zählt es nun zu seinen Hobbies.

„Wer hat Bock auf ein Tattoo?“, ruft mein Mitbewohner Jan durch die Küche. Prompt schauen drei Köpfe aus den Zimmern und grinsen breit. „Gut, dann bekommt ihr eben alle eins“, beschließt er. Aufgeregt rennen wir in unsere Zimmer, holen jeweils ein Blatt Papier und einen Stift und dann geht es ans Zeichnen. Wer zuerst kommt, malt zuerst – im wahrsten Sinne des Wortes.  Sophia entscheidet sich für ein Spinnennetz am Handgelenk, Manu möchte ein Ufo, in das eine Schildkröte hineingezogen wird und ich beschließe, dass ein Pflaster mit lächelndem Gesicht nun einen Platz auf meiner Haut bekommen darf. Kurz verstricken wir uns noch in eine Diskussion über die Position unserer Tattoos – und dann geht es auch schon an die Hygienevorkehrungen.

Lara Eckstein, funky-Jugendreporterin

Hygiene geht vor

Unser Küchentisch und das Sofa werden heute zum Tattoo-Studio umfunktioniert. Jan desinfiziert den Tisch und legt eine Ecke mit Frischhaltefolie aus, um alles steril zu machen. Dann bereitet er ein kleines Töpfchen mit schwarzer Farbe vor und packt eine Nadel aus – ebenfalls steril verpackt und nur zur einmaligen Verwendung gedacht. Das Motiv wird auf eine spezielle Tattoo-Folie gezeichnet und gelangt, wie man es von den Wasser-Tattoos aus Kinder-Zeitschriften kennt, durch Tupfen mit einem feuchten Tuch auf die Haut. Jan benutzt keine Maschine, sondern bringt die Tinte manuell unter die Haut. Das bedeutet, dass er die Nadel in kleinen Stößen unter die Haut sticht – diese Technik nennt sich „Stick-And-Poke“. Die Schwierigkeit dabei: Die Farbe immerzu in die gleiche Hautschicht zu befördern.

Vor zwei Jahren begann Jan im ersten Lockdown das Tätowieren an einer Banane zu üben und hangelte sich weiter zu sogenannter „Fake-Skin“, einem Hautimitat aus Silikon. Wenig später wagte er sich dann an echte Haut – zunächst aber nur an seine eigene. „Es ist üblich dann erstmal die eigene Haut zu tätowieren, denn dann fühlst du, was passiert“, verrät er. Das Equipment für sein Selbstexperiment bestellte er online in einem Tattoo-Bedarf-Shop, die Technik eignete er sich ausschließlich über das Internet an.

So sieht Jans Arbeitsplatz aus, wenn er ein Tattoo sticht.

Bei 13 Tattoos ist noch lange nicht Schluss

Jan selbst zählt mittlerweile 13 Tattoos auf seiner Haut, teils professionell, teils selbst gestochen. Doch diese Zahl ist noch lange keine Obergrenze. Jan zeigt mir einen Zettel an der Wand, auf dem  kleinen Zeichnungen zu sehen sind, die zu potenziellen Tattoos weiterentwickelt werden könnten und erzählt mir von weiteren Motivideen, die er unbedingt umsetzen möchte. „Es gibt jedes Mal diesen krassen Moment am nächsten Morgen, nach einem neuen Tattoo: Ich wache auf und realisiere, dass dieses Tattoo dort jetzt für immer bleiben wird. Dann bekomme ich kurz Panik und denke: Was, wenn es mir in 30 Jahren nicht mehr gefällt? Dann schaue ich ein zweites Mal drauf und merke, dass das doch total egal ist, denn jetzt gefällt es mir und das reicht.“

Spontane Tattoo-Ideen, die an Jans Wand hängen.

Neben seiner eigenen Haut tätowiert er auch seine Freundinnen und Freunde – und eben seine Mitbewohnerinnen. Die Motive entstehen meist gemeinsam mit den zu tätowierenden Personen oder werden sogar komplett nach Wunsch umgesetzt. Dabei muss das Motiv nicht zwangsläufig einen tieferen Sinn oder eine persönliche Bedeutung haben: „Am Ende des Tages verstehe ich Tattoos als Köpermodifikationen, die dazu da sind, dass man sich selbst schöner findet. Und so ist es auch bei mir: Ich war eigentlich nie ein großer Fan von meinem Körper, aber seit ich Tattoos habe, mag ich mich sehr.“ Geld möchte Jan für seinen kleinen Kunstwerke nicht haben. Es ist mehr ein Hobby als eine professionelle Dienstleistung.

Dass das Ganze auch Risiken birgt, denen man sich bewusst sein muss, muss ebenfalls klar sein. Die Ausbildung zur Tätowiererin beziehungsweise zum Tätowierer gibt es nicht umsonst und ohne das richtige Fachwissen kann viel schieflaufen und im schlimmsten Fall zu Entzündungen der Haut führen. Es ist ratsam, sich vorab selbst über das Thema zu informieren, beispielsweise welche Tattoo-Farbe gut und frei von giftigen Stoffen ist und wie man Entzündungen durch die richtige Hygiene vermeiden kann. Egal, wie gut du jemanden kennst, der oder die privat Tattoos sticht: Frag lieber zweimal nach und nimm im Zweifelsfall doch etwas Geld in die Hand um ein professionelles Studio aufzusuchen.

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.