Meinung

faircheckt: Wie grüne Start-ups (nicht) die Welt retteten

Ein Karton wird bemalt mit: Reduce, Repurpose, Reycle
Revolutionär, oder Greenwashing - Was hat es auf sich mit diesen grünen Start-ups?

In meinem Alltag als „Greenfluencerin“ bekomme ich immer wieder Mails von sogenannten Start-ups. Diese schreiben mir, sie stünden noch ganz am Anfang, aber ihre Geschäftsidee und ihre Produkte seien so großartig, dass man sie einfach unterstützen müsse. Meistens wollen sie den Markt für Duschgel, Nahrungsergänzungsmittel, Einwegbesteck oder Vintagekleidung mit ihrer „disruptiven Idee“ revolutionieren. Neben Geld brauchen sie dafür vor allem eines: gute PR.

Sonja Walke, funky-Jugendreporterin

Inzwischen kann ich die immer gleich klingenden Sätze nicht mehr lesen und die meisten dieser Mails verschwinden schnell aus meinem Postfach. Deshalb möchte ich mal genauer hinschauen, wie das Gründen, Bekanntmachen und Verkaufen solcher Unternehmen mit hohem Wachstumspotential funktioniert – und wie nachhaltig es tatsächlich ist.

43 Prozent der deutschen Start-ups ordnen ihre Produkte und Angebote der „Green Economy“ oder dem „Social Entrepreneurship“ zu. Einige Beispiele dafür sind Firmen wie Oatly, Everdrop oder Too Good To Go, die angetreten sind, um den Markt umzukrempeln: Sie schaffen es, auch diejenigen für Nachhaltigkeit zu begeistern, die freitags nicht auf die Straße gehen, um für das Klima zu demonstrieren, und tragen dazu bei, dass wir Ressourcen schonen. Viele dieser mainstreamfähigen Ideen und Geschäftsmodelle profitieren jedoch gleichzeitig von der aktuellen Überproduktion. Die App Too Good To Go erzielt beispielsweise ihr Wachstum durch die Überproduktion von Lebensmitteln, die man dann „retten“ kann. Damit stabilisiert sie gleichzeitig ein System, in dem Ressourcenverschwendung normal ist.

„Für ein wachstumorientiertes Start-up wie TGTG ergibt sich ein zusätzlicher Widerspruch, laufen die Geschäfte doch um so besser, je mehr Lebensmittel es zu retten gilt“

Greenpeace Magazine 3.21, S.26

Dasselbe könnte man auch über die Kleidertauschbörse Vinted sagen. Die App kann dazu beitragen, den Konsum von Fast Fashion anzukurbeln, indem kürzlich erstandene Teile aus aktuellen Kollektionen dort nach nur wenigen Wochen weiterverkauft werden, um wieder Geld für die nächste Kollektion im Portemonnaie zu haben.

61,2 Prozent der Start-up-Gründer*innen in Deutschland wollen nachhaltig ausgerichtet sein und schnell wachsen. Viele sind der Ansicht, dass Nachhaltigkeit und Wachstum sich nicht ausschließen. Dabei wird durch erfolgreiche Kampagnen die Motivation aus dem Sinnspruch „Be the change you wish to see in the world“ schleichend zu „Buy the change you wish to see in the world“. Eine Revolution durch Konsum also, angeschoben von Risikokapitalgebern? Das bezweifele ich stark. Andererseits bleibt uns kaum eine Alternative. Wenn wir Konzerne wie H&M und Zara weiterhin des „Greenwashings“ bezichtigen, auf der anderen Seite aber Öko-Start-ups dafür kritisieren, dass sie auf Wachstum setzen, dann kommen wir nicht weiter. Anders gesagt: Dann brauchen wir ein neues Wirtschaftssystem – und das ist wohl noch nicht in Aussicht.


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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.