Interview

Erfahrungen mit der Paartherapie: „Man sollte nie zu früh aufgeben“

Ein Mann und eine Frau umarmen sich
Das Wichtigste sei, nie aufzuhören, neugierige Fragen zu stellen, sagt Lucy.

Immer öfter holen sich auch ganz junge Paare und solche, die noch gar nicht lange zusammen sind, Hilfe bei Paartherapeut*innen. „Das geht?“, werden sich vielleicht einige von euch fragen. Ist das nicht nur etwas für unsere Eltern, die schon seit 20 oder 30 Jahren miteinander leben? Und außerdem – wenn man schon so früh Hilfe braucht, ist das nicht ein Zeichen dafür, dass es einfach nicht passt?

Maleen Harten, funky-Jugendreporterin

Nein, scheinbar nicht. Denn Lucy*, 28 Jahre alt, beweist das Gegenteil. Gemeinsam mit ihrem Freund Jamal*, 27, hat sie sich auf BetterHelp Hilfe gesucht, einer Online-Plattform für Therapie. Kennengelernt haben sich die Deutsche und der Tunesier im Frühjahr 2020 auf Malta, wo sie inzwischen auch wohnen. Einige Zeit später haben die beiden eine eigene Firma gegründet, ein Beratungsunternehmen.

Lucy, gemeinsam mit Jamal bist du im Sommer 2021, nach einem Jahr Beziehung, zu einer Paarberatung gegangen. Was war damals der Grund dafür?
Wir standen damals wirklich kurz vor der Trennung. Aber gleichzeitig wollte ich das auf keinen Fall, weil ich eben auch wusste, was wir aneinander haben. Doch die Auseinandersetzungen, die wir hatten, waren wirklich schlimm und wir steckten in so einem Teufelskreis fest, aus dem wir beide keinen Ausweg mehr wussten. Wir haben uns total heftig gestritten und haben uns beide ständig attackiert gefühlt.

Du hast die Therapeutin auf dem Online-Portal BetterHelp gefunden. wie bist du darauf gekommen und wie funktioniert das?
Ich hatte bisher keine Erfahrung mit, ich sage jetzt mal„klassischer“ Therapie. Von BetterHelp habe ich über Instagram erfahren. Die Therapeut*innen dort sind alle lizensiert. Und was für uns auch noch wichtig war: Es ist möglich, online an einer Sitzung teilzunehmen, weil wir ja auf Malta wohnen, und auf Englisch, weil mein Freund kein Deutsch spricht. Auf BetterHelp zahlt man pro Monat 200 Euro und kann dann vier Sitzungen wahrnehmen. Wir hatten insgesamt fünf, mehr wollten wir dann erstmal nicht. Aber eher, weil es einfach nicht so richtig das war, wonach wir gesucht haben.  

„Wir haben uns hinterher immer besser gefühlt“

Lucy, 28 Jahre

Was an der Beratung hat euch nicht so gut gefallen?
Letzten Endes haben wir einfach erzählt und sie hat nur zugehört. Es war einfach nicht besonders aktiv. Ich hätte mir gewünscht, dass die Therapeutin mehr spezifische Fragen stellt und es viel mehr in die Tiefe geht. Und dennoch haben wir uns hinterher jedes Mal besser gefühlt. Einfach weil es gut war, sich bewusst diese Zeit füreinander zu nehmen.

Habt ihr danach noch nach einer anderen Beratung oder einem anderen Coaching gesucht?
Dadurch, dass wir ja gemeinsam diese Firma gegründet haben, werden wir noch von zwei Business Coaches unterstützt. Ehrlich gesagt haben uns diese Business Coachings fast noch mehr gebracht. Denn dort haben Jamal und ich auch über unsere Kommunikation miteinander geredet, aber die Gespräche waren irgendwie viel ziel- und lösungsorientierter. Dadurch hat sich wirklich etwas zwischen uns verändert, denn wir haben beide gesehen, dass es eben doch Lösungen geben kann.

„Man denkt ja immer, man muss weg von der Person, weil dort das Problem liegt.“

Lucy, 28 Jahre

Was waren wichtige Erkenntnisse, die du aus den Beratungen gewonnen hast?
Auch wenn die Beratung bei BetterHelp jetzt nicht super hilfreich war, hat das einfach sehr viel ins Rollen gebracht. Denn nach dem Business Coaching habe ich mir auch nochmal eine Beratung nur für mich alleine gesucht, wo ich mich mit mir auseinandersetzen konnte. Alles zusammen – die Paarberatung, das Business Coaching und das Einzelcoaching – hat total viel bewirkt. Meine Haupterkenntnis ist sicherlich, dass man an wirklich vielen Konflikten arbeiten kann und nie zu früh aufgeben sollte. Man denkt ja immer, man muss weg von der Person, weil dort das Problem liegt. Aber ich habe für mich realisiert, wie viel auch einfach an mir liegt, an meinen Themen und daran, wie ich mich verhalte. Und allein dadurch kommuniziere ich jetzt schon ganz anders mit ihm. Und tatsächlich haben wir seitdem nicht wieder solche schlimmen Auseinandersetzungen gehabt. Wir kommen einfach nicht mehr in diese Spiralen hinein.

Warum, meinst du, suchen immer mehr junge Menschen Paartherapeuten auf?
Ich glaube, es wird generell mehr über seelische Gesundheit gesprochen als noch vor ein paar Jahren. Vielleicht haben hier die sozialen Medien einen Einfluss, weil sich dort auch berühmte Menschen zunehmend öffnen, ihre Gedanken und Gefühle preisgeben. Dadurch sehen die Follower*innen beispielsweise, dass es okay ist, Depressionen zu haben und das der Welt zu erzählen. So eine Plattform wie BetterHelp hat zudem einfach ein sehr gutes Marketing, die Werbung und die Kampagnen sind gut gemacht, sie sprechen jüngere Menschen an und man denkt einfach: Ach, warum sollte ich da nicht auch mal hingehen? Sich Hilfe zu suchen wird einfach viel normaler.  

„Man sollte die andere Person niemals unterbrechen!“

Lucy, 28 Jahre

Hast du Tipps für andere Paare, die in einer ähnlichen Situation stecken?
Also meine Tipps wären, dass man zuerst an sich selbst arbeiten sollte. Vor der Paarberatung kann man auch erstmal selbst zu einem Coaching oder einer Therapie gehen. Aber vielleicht hilft es auch, erst einmal nur Tagebuch zu schreiben, um sich so der eigenen Triggerpunkte bewusst zu werden.

Ich denke, dass man davon wegkommen sollte, das ganze Problem im Partner zu sehen. Mir hat es auf jeden Fall sehr geholfen, erstmal nur auf mich zu schauen. Das hat dann im Umkehrschluss auch der Beziehung gutgetan und die Konflikte entkrampft.

Ich würde anderen Paaren raten, wirklich an der gemeinsamen Kommunikation zu arbeiten. Ein Punkt, der vieles direkt verändert, ist, sich gegenseitig immer ausreden zu lassen. Auch wenn das hart ist, sollte man die andere Person niemals unterbrechen, denn dadurch schaukelt sich alles immer viel zu schnell hoch.

Ganz wichtig ist meiner Meinung auch, sich diese Neugierde in Hinblick auf den anderen zu bewahren. Auch wenn man denkt, man wüsste schon alles – ist es ganz wichtig, neugierige Fragen zu stellen: Was sind deine Träume, deine Wünsche, wie schaust er auf das Leben? So bleibt man weiterhin im Austausch.

Aber was ich noch ganz wichtig finde zu sagen: Natürlich darf man die Beziehung beenden, wenn es einfach nicht mehr gut tut und toxische Dynamiken im Spiel sind. Mir persönlich hat es geholfen, mich auf mich zu fokussieren, aber sicherlich gibt es auch Situationen, wo das nichts bringt und man gehen sollte, um sich selbst zu schützen.

*Namen von der Redaktion geändert

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