Meinung

Aktivismus oder Leberzirrhose? GNTMs verstecktes Potential

Heidi Klum und Kylie Minogue
Wer wohl diese Woche das Glück haben wird, kein Foto zu bekommen?

Am 26. Mai findet das Finale der diesjährigen Staffel „Germany’s Next Topmodel“ statt. Zum 17. Mal wird es nun heißen: „Nur eine kann Germanys Next Topmodel werden.“ Da ich mir keine Alkoholvergiftung wünsche und die Serie kaum nüchtern ertrage, bleibt der Fernseher bei mir donnerstags um 20:15 Uhr lieber aus. Aber verkenne ich dabei vielleicht das Potential der Fernsehsendung, aktivistisch zu sein?

Amelie Bahlert, funky-Jugendreporterin

Ich muss mich outen: Selbst ich, eine Vollblut-Feministin, habe früher sehr gerne Germany’s Next Topmodel geschaut. Inzwischen empfinde ich die Reality-Show eher als Trash-TV mit Trinkspielpotential. Jedes Mal, wenn ich Heidis schrille Stimme „diversity“ oder „personality“ kreischen höre, würde ich mich am liebsten im Alkohol ertränken. Aber selbst, wenn man versucht, diese Sendung zu meiden, wird man jedes Jahr aufs Neue auf jeder zweiten Werbefläche mit Heidis immer stärker retuschiertem Gesicht konfrontiert – es gibt einfach kein Entkommen.

Dabei bin ich es so leid, ein paar Dutzend sehr unsicheren Gleichaltrigen dabei zuzuschauen, wie sie sich halbnackt vor fremden erwachsenen Fotografen auf dem Times Square räkeln, die dann empört sind, wenn die Mädchen sich nicht sexy genug präsentieren. Früher habe ich mir dabei nichts gedacht, donnerstagabends 16-Jährige in Unterwäsche im Fernsehen zu sehen. Inzwischen hat das für mich jedoch einen bitteren Beigeschmack.

Was macht das wohl mit der Psyche, wenn dir eine erwachsene Frau, die deine Mutter sein könnte und dazu noch eine der berühmtesten Frauen Deutschlands ist, gegenübersitzt und sagt, dass dein Körper nicht richtig ist, so wie er ist? Wenn Kamerateams dich auf Schritt und Tritt verfolgen um jeden Schokoriegel mitzufilmen, den du isst? Oder wenn zwei erwachsene Männer deinen Hüft-/ Brust- und Taillenumfang ausmessen, um dir dann zu sagen, dass du zu dick bist? All das vor laufender Kamera mit Millionenpublikum versteht sich.

Zugegeben, das sind Szenen aus den alten Staffeln. Aber das sich solche Momente nicht mehr in aktuellen Folgen finden, ist keine Veränderung, die aus eigenem Antrieb erreicht wurde oder weil Heidi sich so für Inklusivität in der Modeindustrie einsetzt. Solche Szenen gibt es nicht mehr, weil die Glorifizierung von Essstörungen nicht mehr so trendy ist.

GNTM ist Reality-TV mit dem Fokus auf Profit und natürlich keine feministische Sendung, die die Normen der Schönheitsindustrie mit außergewöhnlichen Models herausfordern möchte. Aber was, wenn GNTM genau das sein könnte?

Seit diesem Jahr nehmen auch ältere Frauen an der Show teil – noch nie hatte Heidis PR-Team eine bessere Idee. Die Frauen sind lustig, haben was zu erzählen und man ist sich sicher, dass sie sich bewusst sind, auf was für ein Format sie sich da einlassen. Man kann darauf vertrauen, dass die freizügige Darstellung des eigenen Körpers selbstbestimmt passiert und nicht aus vorauseilendem Gehorsam, weil Heidi aus irgendeinem Grund das Idol so vieler junger Mädchen ist.  

Man sollte den Jugendwahn der Schönheits- und Fashionindustrie nicht noch mehr unterstützen, sondern sogar aktiv dagegenwirken. Mein Vorschlag: Einfach mal ausschließlich ältere Frauen und Männer für diese Show casten. So könnte GNTM sogar aktivistisch sowie lustig werden und nicht in spätestens fünf Jahren gemeinsam mit DSDS oder dem Dschungelcamp im Sumpf des niveaulosen Trash-TVs versinken (falls es da nicht eh schon ist). Ich will Senior*innen in der Fashion- und Beautyindustrie sehen. Warum auch nicht? Denn jetzt mal ehrlich, Anti-Falten-Cremes von 20-Jährigen angedreht zu bekommen ist einfach nur lächerlich.

Außerdem sind wir jungen Leute gar nicht die Zielgruppe all der Luxusmarken, die in die Kamera gehalten werden. Natürlich nicht – statt einer hässlichen Gucci-Tasche kann ich mir immerhin auch einen Kurzurlaub in Spanien leisten. Warum lassen wir diese Produkte dann nicht von den Altersgruppen anpreisen, die es sich auch leisten können, sie zu tragen?

Wenn es in der Modelbranche an etwas mangelt, dann an Renter*innen! Der Schritt wäre radikal. Allerdings könnte GNTM so in Würde altern – und dabei sogar glaubwürdig behaupten, richtungsweisend für die Modeindustrie sein zu wollen. Natürlich würde das für lauter 18-Jährige bedeuten, dass GNTM nicht mehr ihre Influencer-Karriere kickstarten wird. Aber brauchen wir wirklich noch mehr EX-GNTM-Influencer*innen, die anschließend niveaulose Familienkanäle erstellen oder als Karrierehighlight ein Playboy-Shooting vermerken können?

Und wenn es keine Rentnershow gibt, dann bitte, Heidi, erlöse uns von GNTM – oder finanziere mir den nötigen Alkohol, um auch nur eine Folge überstehen zu können.


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