Meinung

Pornos schaden dem Sexleben junger Menschen!

Junge mit Kopfhörern schaut verdutzt auf seinen Laptop
Wer ist eigentlich dafür zuständig, Jugendlichen den Umgang mit Pornos zu erklären?

Geschlecht, Kindheitserfahrungen, Vorlieben oder gesellschaftliche Normen: Unser Sexualleben wird von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren beeinflusst. Auch die Pornoindustrie prägt inzwischen die Vorstellungen vieler Menschen massiv, liefert sie der Phantasie doch ein schier grenzenloses Spektrum an Material. In jungen Jahren findet der Konsum von Pornographie jedoch häufig ohne jegliche Aufklärung oder Reflektion statt – ein Problem, das nicht zu unterschätzen ist.

Charlotte Keil, funky-Jugendreporterin

Sex ist bereits in der frühen Kindheit ein Thema: ob als unschuldiges Spiel mit Freund*innen im Kindergarten oder beim Durchlöchern der Eltern mit Fragen, wie man denn überhaupt entstanden sei. Mit steigendem Alter bekommt Sex neben der rein biologischen Dimension dann zusätzlich noch eine weitere Bedeutung: Als Teenager*in lernt man Sex plötzlich als etwas Aufregendes, als etwas Beängstigendes und gleichzeitig Wunderschönes kennen. Die eigene Lust rückt in den Vordergrund und durch den Überschuss an Hormonen gehört Masturbation für viele Heranwachsende fast schon zum Alltag. Die meisten schämen sich jedoch, darüber zu sprechen, selbst wenn sie sich unsicher sind und Fragen haben – etwa was beim ersten Mal zu tun ist. Vor allem mit den Eltern stehen Selbstbefriedigung und Sex auf der Tabu-Themenliste ganz weit oben!

Aufklärung durch Pornos

Wie praktisch, dass man im Internet heutzutage ganz einfach und kostenlos massenweise Videos findet, mit denen man sich als Teenie all seine Fragen selbst beantworten kann. Schon nach ein paar Klicks und der simplen Bestätigung, über 18 zu sein, steht 12-Jährigen ein kaum mehr überschaubares Repertoire an Videos zur Verfügung, in denen Menschen Sex in den wildesten Formen und Farben haben. Und so wird sich umgeschaut. Hier ein bisschen Analsex, da ein bisschen Bukkake und Frauen die sich mit Tränen in den Augen beim Blow-Job übergeben. Anfangs stark beeindruckend, irgendwann irgendwie normal.

Während in den USA dagegen protestiert wird, Kinder in der Schule mit LGBTQ+-Identitäten vertraut zu machen, schauen 11-Jährige Pornos, die sie nicht reflektieren können. Genau da liegt die Problematik der Pornoindustrie und des Porno-Konsums in jungen Jahren: Junge Menschen lernen über Pornos Sexpraktiken ohne Kontextualisierung kennen – also ohne weitere Erklärungen und Erläuterungen.

Sexualkundeunterricht im Schnelldurchlauf

In der Schule erhalten die Teenies meist auch nicht die notwendigen pädagogischen Grundlagen, denn der Sexualkundeunterricht wird häufig im Schnelldurchlauf als Bienchen-und-Blümchen-Thema bearbeitet, um bloß das ganze unangenehme Gerede über Sex außerhalb des Fortpflanzungsaspekts zu vermeiden. Kurz wird das Thema HIV angesprochen, vielleicht gibt es noch ein paar Infos über Anatomie der Geschlechtsorgane und zum Schluss wird dann noch einem Styropor-Dildo ein Kondom übergezogen. Et voilà: Das Thema Sex ist abgehakt und Deutschland kann sich auf die Schulter klopfen und sagen: „Wir haben unsere Kinder vorbereitet!“ Klasse!

Dass die kleinen Girls und vor allem Boys aber zuhause schon heimlich Pornos schauen, wird nicht diskutiert, denn es ist ja schließlich verboten als Minderjähriger Pornos zu schauen – also passiert das natürlich auch nicht. Schön wegschauen scheint hier die Devise zu sein. Richtig angekommen in der Pubertät wird aus der Phantasie bei vielen dann echte Praxis. Das erste Mal steht an. Von gesellschaftlichen Strukturen geprägt, ist es für viele Mädchen eine große Sache, für viele Jungs fast schon eine Pflicht, „es“ so schnell wie möglich zu wollen.

Die ersten Male gehen dann vielleicht noch moderat los. Doch mit zunehmender Erfahrung wird die Missionarsstellung für viele junge Pornokonsumenten irgendwann langweilig. Ohne Ahnung von Vorbereitungen werden dann bald schon weitere Sexpraktiken ausprobiert, die man – woher auch sonst – nur aus den Pornos kennt.

Pornos vermitteln ein falsches Bild der Realität

Analsex finden doch schließlich alle geil, oder nicht? In den Pornos stöhnen die Frauen doch  immer und selbst wenn es wehtut, wollen sie doch, dass es weitergeht. Dass Mädchen beim Sex halt manchmal Schmerzen haben ist doch ganz normal – so haben es Jungs und Mädchen aus den Pornos gelernt. Ist halt so. Und wenn Frauen keine Lust haben, kann man sie immer noch zum Sex überreden – in den Pornos funktioniert’s zumindest immer. Und ein Blow-Job ist zur Befriedigung des Mannes da, da passiert‘s dann halt schon mal, dass der Frau die Augen tränen kommen oder sie würgen muss.

Ganz zu schweigen von der falschen Perspektive, dass es beim Sex primär um die Lust des Mannes geht und er ganz selbstverständlich die dominierende Rolle spielt, fehlt bei den jungen Konsumierenden schlichtweg die Fähigkeit, Pornos richtig zu reflektieren. Sie lernen nicht, dass Pornos inszeniert sind und häufig nichts mit Geschlechtsverkehr im echten Leben zu tun haben oder dass der Austausch mit dem/der Sexpartner*in darüber hinaus eine unabdingbare Rolle spielt und ohne Konsens sowieso nichts laufen sollte.

Schärfere Kontrollen für Pornos?

Doch wie kommen wir als Gesellschaft aus diesem Schlamassel wieder heraus? Wie schaffen wir es, dass junge Menschen nicht mit einem vollkommen unrealistischen und im Zweifelsfall frauenverachtenden Bild von Sex aufwachsen? Eine bessere Verifizierung des Alters könnte vielleicht ein erster Ansatz sein, wenn er auch nicht der einzige sein darf. Denn wer als hormongesteuerter Teenie Zugang zu Pornos bekommen will, der kriegt ihn auch – ein Umweg mehr oder weniger spielt da keine Rolle.

Natürlich könnte man auch versuchen, die Pornoindustrie grundsätzlich schärfer zu kontrollieren und Filmemacher*innen etwa dazu verpflichten, besser über Inhalte aufzuklären und Videos zu kontextualisieren. Angesichts der Macht der milliardenschweren Pornoindustrie wäre solch ein drastischer Eingriff wohl jedoch auch nur schwer umsetzbar. Zudem sprächen entsprechende Vorgaben vermutlich auch gegen die künstlerische Freiheit.

Besser über Sex aufklären

Demnach liegt es meiner Meinung nach bei den Eltern und vor allem in der Verantwortung der Schulen, vernünftig und kritisch über das Thema Sex und Pornographie aufzuklären. Konkret bedeutet das für mich, dass Lehrer*innen im Unterricht viel stärker auf verschiedene Sexualpraktiken, die dazugehörige Vorbereitung und vor allem auf die Relevanz von Konsens eingehen müssen. Diese Themen sollten im Lehrplan verbindlich verankert werden, sodass Lehrkräfte nicht einfach – wie bis jetzt – extrem oberflächlich unterrichten können und ihren Schüler*innen so eine wichtige Wissensgrundlage verwehren, mit der sie Pornos aufgeklärter und reflektierter konsumieren könnten.

Zu Ende gedacht, müssten Lehrerinnen und Lehrer für solch einen reformierten Sexualkundeunterricht vermutlich auch selbst entsprechende Fortbildungen besuchen. Doch das hätte bestimmt auch sein Gutes. Zum einen weil ich behaupten würde, dass viele heutige Lehrer*innen früher selbst bestimmt auch keinen guten Sexualkundeunterricht besuchen konnten und durch eine Fortbildung über gewisse Themen vielleicht auch noch das ein oder andere Nützliche für das heimische Schlafzimmer dazulernen könnten. Zum anderen, weil ich schlicht und einfach die Vorstellung fantastisch finde, dass sich stocksteife Pädagog*innen in einem Raum voller Kolleg*innen damit auseinandersetzen müssen, was ein Strap-On ist, wie Rimming funktioniert oder was eigentlich unter dem Begriff Cumshot zu verstehen ist.

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