Interview

„Der Umgang mit dem Tod macht das Leben intensiver“

Blumengesteck Beerdigung
Bestatterin - für viele nicht gerade ein Traumjob. Anders ist es bei Hanna - schon seit der 9. Klasse möchte sie den Beruf ausüben.
Bestatterin_Hanna_Reportage
Schon im Alter von 14 Jahren machte Hanna ihr erstes Praktikum im Bestattungsinstitut.

Verstorbene abholen, Beerdigungen organisieren und regelmäßig mit dem Leid von Trauernden konfrontiert sein: Der Traumjob sieht für viele anders aus. Nicht jedoch für Johanna Mauk. Hanna, wie die 26-Jährige von allen genannt wird, arbeitet neben dem Studium in Teilzeit als Bestatterin. funky-Reporter Oskar hat sie mehrere Tage lang begleitet und durfte erfahren, warum sie den Beruf als so erfüllend empfindet.

Oskar Schulz, funky-Jugendreporter

Hanna ist in Eile. Schnell verstaut sie die Urne, das Bild des Verstorbenen, Kerzen und andere Dekoration im Auto. Der Tod eines Menschen ist eine Gelegenheit zum Innehalten und zur Besinnung. Für Hanna bedeutet es oft Stress. Als Bestatterin organisiert sie die Beerdigung und sorgt dafür, dass der Abschied von Verstorbenen störungsfrei abläuft. Vom Büro des Bestattungsinstituts in Schöneberg fährt sie zu ihrem anderen Arbeitsplatz: dem Friedhof. Dort angekommen parkt sie hinter einer kleinen Kapelle. Während sie das Auto mit zwei Praktikantinnen entlädt, findet in der Kapelle noch eine andere Trauerfeier statt. An manchen Tagen herrscht auf Berliner Friedhöfen Schichtbetrieb. In jeder Stunde ist eine andere Beerdigung angesetzt. Hanna selbst betreut nur maximal eine Beerdigung am Tag. 

Die vorherige Trauerfeier ist vorbei, die Gäste verlassen die Kapelle. Während das andere Beerdigungsinstitut noch seine Dekoration abbaut, arrangieren Hanna und ihre Helferinnen schon den Tisch, Blumengesteck und die Urne. Ein paar Dutzend Kerzen werden für die Trauergäste angezündet, die in einer halben Stunde kommen. Das Laken auf dem die Urne steht, wird ein letztes Mal zurechtgezupft. Dann tritt Hanna vor die Tür. Ein paar Angehörige und Freunde haben sich schon vor der Kapelle versammelt. Darunter die Ehefrau des Verstorbenen. Es wird sich gedämpft unterhalten. Hanna begrüßt die ganz in schwarz gekleidete Witwe. Die Anspannung der Vorbereitungen sollte ihr jetzt niemand mehr anmerken. Eine Beerdigung zu organisieren kann anstrengend sein. Diese Belastung von den Angehörigen fernzuhalten, damit sie in Frieden trauern können, das ist ihr Job.

Dass jemand tot ist, kann ich nicht ändern, aber ich kann versuchen den Angehörigen den Weg zu erleichtern und das ist ein schönes Gefühl.

Bestatter*in, das ist für die meisten jungen Menschen ein unwahrscheinlicher Berufswunsch. Der Tod ist ein unbeliebtes Thema in der Gesellschaft. Wer sich dafür abseits von True-Crime interessiert, kann schnell schief angesehen werden. Gerade wenn man jung ist und der Tod eigentlich noch so weit weg ist. Doch Hanna liebt ihre Arbeit und erzählt gerne davon. Wenn sie von einer Beerdigung zu Freunden kommt und gute Laune hat, kann das seltsam wirken: Freut sie sich etwa, dass jemand gestorben ist? „Dass jemand tot ist, kann ich nicht ändern“, erklärt sie, „aber ich kann versuchen den Angehörigen den Weg zu erleichtern und das ist ein schönes Gefühl.“

Hanna begleitet die Angehörigen bei ihrem gemeinschaftlichen Abschluss

Nachdem Hanna den Anwesenden die Corona-Regeln erklärt hat, begleitet sie die aufgelöste Ehefrau in die Kapelle. Die anderen Trauergäste folgen. Am Eingang verteilen Hannas Praktikantinnen Kerzen an die Angehörigen, die sie vor die Urne stellen können. Die Trauerfeier beginnt. Der Pfarrer spricht über das Leben des Verstorbenen und singt Lieder. Während der Trauerrede sitzt Hanna in der letzten Reihe und hört zu. Wenn sich Angehörige eine kirchliche Zeremonie wünschen, sind Bestatter*innen nicht an der Trauerrede beteiligt. Einige von Hannas Mitarbeitenden sind auch als Trauerredner*innen weitergebildet.

Die Glocken läuten, die Trauerfeier in der Kapelle ist beendet. Die Trauerprozession läuft zur Grabstelle. Voran Hanna und die Ehefrau. Am Grab nehmen die Angehörigen ein letztes Mal Abschied. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Am Ende fragt Hanna die engere Familie, ob sie das Grab selbst mit der Schaufel schließen will. Sie will. Langsam verschwindet die Urne unter den Erdschichten. Die Familie weint. Es ist ein sehr emotionaler Moment, den aber Hanna für einen gemeinschaftlichen Abschluss wichtig findet. „Andere denken, Beerdigungen wären nur traurig. Es ist aber auch immer wieder so schön zu sehen, wie sehr jemand geliebt wurde.“ Nach der Beerdigung fährt Hanna wieder zurück ins Büro.

Die Arbeit ist wahnsinnig hilfreich, um Distanz zu den Alltäglichkeiten zu bekommen.

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Hanna entspricht nicht dem Klischee des dürren männlichen Bestatters, der mit seinen tiefen schwarzen Augenhöhlen selbst dem Tod ähnelt. Sie ist jung, weiblich und fröhlich. Sie macht professionell Musik, backt leidenschaftlich und geht gerne tanzen. Besonders im Alltag helfen ihr die Eindrücke aus dem Job: Der unzufriedene Blick in den Spiegel, der Streit mit der Mitbewohnerin oder der Druck im Studium. Verglichen mit der Frage, was denn bleibt, wenn es mit uns vorbei ist, sind das banale Kleinigkeiten. „Die Arbeit ist wahnsinnig hilfreich, um Distanz zu den Alltäglichkeiten zu bekommen.“ Sich der eigenen Sterblichkeit bewusst zu sein, das ist für Hanna bereichernd: „Es hat mich mutig gemacht. Der Umgang mit dem Tod macht das Leben intensiver.“

Die Beerdigung ist nur die Spitze des Eisberges von Hannas Arbeit

Wenn eine Person zu Hause stirbt, rufen die Angehörigen das Bestattungsinstitut von Hanna an. Vor Ort klärt sie ab, ob sie den/die Verstorbene*n gleich abholen lassen soll. „Viele Menschen wissen nicht, dass man Verstorbene bis zu 36 Stunden zuhause behalten kann. Dann haben Verwandte noch die Chance, sich direkt zu verabschieden.“ Die/der Verstorbene wird danach in den Versorgungshof gebracht. Dort wird er unter anderem von Hanna gewaschen, angekleidet und in den Sarg gelegt. „Viele Freunde fragen mich, ob ich die Toten schminke. Meistens sind das ältere Menschen, die sich noch nie im Leben geschminkt haben. Also fangen wir damit nur für die Beerdigung auch nicht an.“  Nachdem der/die Tote versorgt ist, kümmert sich Hanna um die Beerdigung. Zusammen mit den Angehörigen legt sie das Datum fest und plant ein Bestattungsritual nach den jeweiligen Wünschen der Angehörigen.

Trauer ist ein Rucksack, den man vielleicht für immer mit sich trägt. Als Bestatterin kann man wenigstens dabei helfen, dass der Rucksack richtig sitzt und nicht drückt.


Wichtig ist für Hanna, die Angehörigen in jeden Schritt einzubinden. Kleidet man die/den Verstorbene*n zusammen ein? Wollen die Angehörigen dabei sein, wenn der Sarg geschlossen wird? Wollen sie dem/der Toten noch etwas in den Sarg mitgeben? Es ist ein Balanceakt, die Rahmenbedingungen eines Bestattungsrituals zu schaffen und gleichzeitig die Angehörigen in einem selbstbestimmten Trauerprozess zu unterstützen. Hannas Beerdigungsinstitut legt darauf besonderen Wert. „Trauer ist ein Rucksack, den man vielleicht für immer mit sich trägt. Als Bestatterin kann man wenigstens dabei helfen, dass der Rucksack richtig sitzt und nicht drückt“, hat eine Kollegin Hanna einmal erklärt.

Seit der Schulzeit ist Bestatterin ihr Berufswunsch – bis zur Diagnose

Mit 14 entdeckte sie ihre Leidenschaft in einem Schulpraktikum. Eigentlich wollte Hanna zur Gerichtsmedizin. Als das aus Altersgründen nicht klappte, fing sie ihr Praktikum in einem Bestattungsinstitut im ländlichen Bayern an. Als sie mit dem Abitur fertig war, entschied sie sich trotzdem zunächst gegen die Arbeit als Bestatterin. Bestatterin, das war zwar seit dem Praktikum ihr Berufswunsch, trotzdem zwang sie sich etwas anderes zu machen: „Wenn ich jetzt in diesem Kaff bleibe, ziehe ich nie wieder weg“, dachte sie damals. So begann Hanna Kommunikationswissenschaften in Jena zu studieren. In dieser Zeit wird bei ihr Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert. Die Nervenkrankheit zwingt sie schubweise tagelang ins Bett. Sie ist schnell müde und erschöpft. Ihr eigentlicher Berufswunsch Bestatterin rückte in weite Ferne. Ob sie das noch aushält, psychisch oder körperlich, sie wusste es nicht.

Vor drei Jahren zog sie für ihren Master nach Berlin. Da entschied sie, dass sie es einfach wieder als Bestatterin probieren muss. Eine formale Ausbildung zur Bestatterin braucht man in Deutschland nicht zwingend. Bis heute arbeitet sie in Teilzeit neben der Uni bei dem Bestattungsinstitut. Das Ergebnis überraschte sie: „Nirgends geht es mir so gut wie hier. Auch meine körperlichen Symptome wurden besser“. Wie bei vielen Krankheiten gibt es auch bei MS einen Zusammenhang zwischen der Psyche und dem Körper.

Eine Beerdigung ist nicht nur zum Trauern, sondern auch ein Moment, um sich zu erinnern und das Leben zu feiern.

Und so kümmert sie sich nun um alles, was mit einer Beerdigung verbunden ist: Sie organisiert die Dekoration und den Ablauf der eigentlichen Bestattung. Gleichzeitig betreut sie die Angehörigen intensiv. Ruft auch mal ganz ohne Grund an und erkundigt sich nach ihnen. Darüber hinaus kämpft sie am Schreibtisch mit dem bürokratischen Albtraum, der mit dem Tod eines Menschen in Deutschland verbunden ist.

Trauer auszuhalten muss man lernen. Auch der Trauer anderer zu begegnen, kann ein unangenehmes Gefühl sein. Für die meisten Menschen ist es unvorstellbar, mit dieser Trauer täglich konfrontiert zu sein. Anfangs glaubte Hanna, dass sie als Bestatterin arbeiten kann, gerade weil sie noch keinen schlimmen Todesfall erlebt hat. Schnell lernt sie dann jedoch Mitarbeitende kennen, die genau deshalb in dem Beruf ihre Erfüllung finden: Sie haben nahe Angehörige verloren und dadurch die Wichtigkeit von Trauerarbeit schätzen gelernt. Als Familienangehörige von Hanna verstarben, war sie durch ihre Arbeit vorbereitet. Sie wusste, wie wichtig es ist, Trauer zuzulassen.

Im Vergleich zu ihren Aufgaben als Bestatterin wirken die Inhalte im Studium belanglos. „Hat man es mit einem existenziellen Thema wie dem Tod zu tun, lässt das einen nicht mehr los.“ Nach ihrem Masterabschluss will sie in Vollzeit als Bestatterin arbeiten. Für ihre eigene Beerdigung hat sie konkrete Vorstellungen. „Es muss auf jeden Fall Prosecco, Cremetorte und Indie-Musik geben. Es soll gefeiert, aber natürlich auch geweint werden, denn immerhin bin ich ja weg“, verrät sie lachend. „Eine Beerdigung ist nicht nur zum Trauern, sondern auch ein Moment, um sich zu erinnern und das Leben zu feiern.“

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