Paartherapeut Eric Hegmann: „Es geht nie um die blöden Socken“

Zwei Menschen, die aufeinander auf dem Sofa liegen
Paartherapie hilft – damit ihr auch in Zukunft gerne miteinander kuschelt (c) cottonbro/pexels

Mit der Therapie die Beziehung retten? Ein Interview mit dem Hamburger Paartherapeuten Eric Hegmann über die Probleme, mit denen Paare zu ihm kommen.

Maleen Harten, funky-Jugendreporterin

Ihr seid erst seit Kurzem zusammen und schon tun sich die ersten Probleme auf? Vielleicht, weil sie eine offene Beziehung will, du aber nicht, oder weil er noch auf Tinder unterwegs ist, obwohl ihr doch eigentlich exklusiv seid? Aber keine Sorge – es gibt Hilfe. Denn auch jüngere Paare holen heute immer häufiger den Rat von Paartherapeut*innen ein. Einer von ihnen ist der Hamburger Eric Hegmann, Paartherapeut und Gründer der „Modern Love School“, wo Paare und Singles per E-Learning gecoacht und begleitet werden. Der 56-Jährige arbeitet mit den Methoden der Emotionsfokussierten Paartherapie, der Traumatherapie EMDR und mit systemischen Ansätzen für Paar- und Sexualtherapie. Auch als Autor hat sich Hegmann einen Namen gemacht, unter anderem mit Selbsthilferatgebern wie „Die Traumprinz-Falle“ und auch als Chefredakteur des beziehungsweise-Magazins. In den Sozialen Medien ist er auf Youtube mit einem eigenen Kanal und auf Instagram aktiv. Im Interview erzählt er, wieso die meisten Konflikte unlösbar bleiben und warum zunehmend junge Menschen bei ihm auf der Couch sitzen.

Paartherapeut Eric Hegmann (c) Robert Hilton

Herr Hegmann, können Sie einmal erzählen, an welchem Punkt in der Beziehung Paare in der Regel zu Ihnen kommen?
Leider meistens viel zu spät. Die Paare haben sich aneinander abgearbeitet und sind frustriert. Häufig wurde über Jahre vergeblich versucht, einen Konflikt auf der Sachebene zu lösen und sich gegenseitig mit immer neuen Argumenten zu bewerfen, obwohl der Auslöser eigentlich ein emotionales Thema ist. Es geht nämlich nie um die blöden Socken, es geht darum, was es mit der Person macht, die sie Tag für Tag wegräumen muss. Letztlich geht es immer um die gleichen Fragen: Ist unsere Verbindung sicher? Passen wir noch zusammen? Liebst du mich wirklich, wenn du dich doch so verhältst? Nimmst du mich überhaupt noch wahr?

Wie läuft denn so eine „klassische“ Therapiestunde bei Ihnen ab?
Natürlich gibt nicht diese eine klassische Stunde, es ist immer ganz individuell und kommt darauf an, wen ich vor mir sitzen habe. Aber zwei Fragen stelle ich zu Beginn häufig: Was, denken Sie, wünscht sich Ihr Partner, was sich durch die Paartherapie verändern soll? Und: Was glauben Sie, in welchen Situationen fühlt sich Ihre Partnerin von Ihnen am meisten geliebt? Das wichtigste zu Beginn ist, Vertrauen herzustellen, sodass sich beide darauf einlassen können, wieder Nähe herzustellen. Denn aus der Distanz lässt sich keine Beziehung retten. Nur Nähe führt zu Nähe, aber die muss jeder erst einmal wieder wollen.

Gibt es Ihrer Meinung „unlösbare“ Probleme oder hängt das immer vom Menschen ab?
Die meisten Konflikte sind tatsächlich nicht lösbar. Das hört sich komisch an, ist aber so. Viele Paare haben sich bereits über lange Zeit an unlösbaren Konflikten abgearbeitet und versuchen Kompromisse zu finden, die aber letztlich beide unzufrieden zurücklassen. Es ist dabei viel erfolgsversprechender, wenn Konflikte so verhandelt werden, dass mal der eine, mal die andere genau das bekommt, was er oder sie möchte. Sich immer in der Mitte zu treffen bedeutet, dass beide irgendwann zur Überzeugung kommen, ihre Bedürfnisse würden nie ganz erfüllt. Der Ratschlag, Beziehungen bestünden immer aus Kompromissen, ist daher ebenso falsch wie: Bleibt auf der Sachebene!

„Aus der Distanz lässt sich keine Beziehung retten“

Eric Hegmann

Wie viele Paare trennen sich nach einer Paartherapie?
Das zähle ich nicht mit, denn darum geht es ja auch nicht. Für manche ist eine Trennung die Möglichkeit, Raum für eine Beziehung zu schaffen, die sie glücklich machen kann. Meine Aufgabe sehe ich darin, Paaren zu helfen, jene Gespräche zu führen, die sie nicht führen können, aber dringend führen müssten.

Zunehmend suchen auch jüngere Paare die Therapie auf. Was sind Ihre Hypothesen dafür?
Sich Unterstützung zu suchen, sich coachen zu lassen hat in den letzten Jahren den Makel verloren. Im Gegenteil, es scheint sich mehr und mehr Größe und Bereitschaft zum Lernen zu zeigen. Außerdem kennen viele Jüngere auch bereits berufliches Coaching oder Coaching zur persönlichen Weiterentwicklung, weshalb der Zugang zur Paartherapie vielleicht auch nochmal niedrigschwelliger geworden ist. Viele junge Paare fragen mich daher auch nach einem fortlaufenden Beziehungscoaching. Sie verstehen die Sitzungen als eine Art Workshop, um Krisen vorzubeugen.

Haben sich in den vergangenen Jahren die Themen in der Therapie verändert?
Die Themen nicht, aber das Wissen über Methoden und Werkzeuge aber schon. Begriffe wie „Inneres Kind“ als Synonym für frühere Verletzungen verwenden viele Klientinnen und Klienten bereits bei der Terminbuchung.

„Unbewusste Schutzstrategien können die Partnersuche sabotieren“

Eric Hegmann

Wieviel kostet eine Therapiestunde bei Ihnen und kann eine Paartherapie auch von der Krankenkasse übernommen werden? 
Paartherapie wird leider grundsätzlich nicht von gesetzlichen Krankenkassen übernommen, weshalb die Sitzungen privat bezahlt werden müssen. Eine Stunde bei mir kostet zwischen 120 und 150 Euro. Für diejenigen, denen das zu teuer ist, biete ich kostengünstige Online-Seminare an.

Sie sind nicht nur Paartherapeut, sondern auch Single-Coach. Mit welchem Anliegen wenden sich Singles an Sie und wie können Sie hier helfen?
Es kommen Menschen zu mir, die nach einer langfristigen Beziehung suchen oder auch unter Liebeskummer leiden. Was ich nicht tue: Ich biete keine Unterstützung beim Ansprechen oder Flirt-Tipps an, sondern mein Schwerpunkt liegt ganz klar in der Verarbeitung von Trennungs- und Verlusterfahrungen. Dafür biete ich unterschiedliche therapeutische Werkzeuge an, bis hin zur Traumatherapie EMDR. Denn meiner Erfahrung nach sind es vor allem unbewusste Schutzstrategien, die in langen Single-Phasen oder nach einer Trennung erlernt wurden und schlussendlich eine erfolgreiche Partnersuche sabotieren.

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