Meinung

Für den Frieden Kämpfen

Demonstration gegen den Krieg
Der Krieg in der Ukraine markierte für viele junge Menschen einen Wendepunkt.

Der Krieg in der Ukraine schockt eine junge Generation, die im Frieden aufgewachsen ist. Viele fühlen sich hilflos und gelähmt. Aber so brutal wie der Krieg junge Menschen in eine neue Zeit wirft, müssen sie anfangen, für den Frieden aktiv zu werden.

Hannah Lettl, funky-Jugendreporterin

Es herrscht Krieg in Europa. Dass ich diesen Satz einmal schreiben würde, hätte ich bis vor kurzem nie für möglich gehalten. Doch nun ist es so weit. Auch drei Wochen nach Beginn der russischen Invasion der Ukraine bin ich noch immer fassungslos, noch immer fühle ich mich hilflos, erschüttert und verloren. So wie mir geht es gerade Millionen von Menschen überall auf der Welt. Nicht umsonst sprach Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner Rede vor dem Bundestag kürzlich von einer „Zeitenwende“.

Vor allem für uns junge Menschen bedeutet dieser Krieg einen historischen Wendepunkt. Denn während die Generation meiner Eltern noch eine Zeit erlebte, in der die Welt mehrmals kurz vor einem weltweiten Atomkrieg stand, war meine Generation die erste, die ohne jeglichen Gedanken an einen Krieg in Europa aufwuchs. Das ist nun vorbei. Auf einen Schlag finden wir uns in einer Welt wieder, in der Pazifismus zum Synonym für Naivität geworden ist. In der Frieden in Europa keine Selbstverständlichkeit mehr ist. In der plötzlich wieder über eine Wehrpflicht diskutiert wird und Aufrüstung kein Tabuthema mehr ist.

Für meine Generation in Europa ist es das erste Mal, dass wir die katastrophalen Folgen eines Krieges direkt und vor unserer Haustür miterleben – sei es beim Anblick der ankommenden Geflüchteten an den Bahnhöfen Berlins, durch die Geschichten unserer ukrainischen und russischen Freund*innen oder den Berichten von Menschen, die mit Hilfsgütern in das Kriegsgebiet fahren. Inmitten dieses Chaos stehen wir und wissen nicht wohin mit uns. Wie über Nacht wurde mein gesamtes Weltbild erschüttert. Ich stelle mir Fragen wie “würde ich zur Bundeswehr gehen, wenn der Krieg auch zu uns kommt?”, “wie kann man Frieden garantieren?” oder “was würde ich machen, wenn ein dritter Weltkrieg ausbricht?”. Egal wie lange ich darüber nachdenke, ich finde keine Antworten.

Während meiner 21 Jahre auf dieser Erde wurden viele Kriege geführt. Doch das erste Mal kenne ich nun Menschen, die aktiv vom Krieg betroffen sind: Familien von Studienkolleg*innen, die vor dem Tod fliehen oder sich sich in ihren Kellern vor den russischen Bombenangriffen verstecken. Ukrainische Freunde von mir, die in den Krieg ziehen um ihre Heimat zu verteidigen und von denen man tagelang auf ein Lebenszeichen wartet.

Jede Nacht gehe ich schlafen und hoffe, dass am nächsten Morgen alles vorbei ist, nur um nach dem Aufwachen zu merken, dass der Schrecken weitergeht. Stündlich treffen weitere Nachrichten vom Krieg ein. Bomben fallen. Zivilist*innen sterben. Es ist eine Zeit, in der sich meine Normalität banal anfühlt. Kaffee machen, zur Uni gehen. Wofür, wenn vielleicht bald eh alles vorbei ist? Auch jede Unterhaltung hat mittlerweile einen bitteren Beigeschmack: Wenn es mal nicht über den Krieg geht, wirkt es fast schon belanglos, darüber zu reden. Aber wenn man über ihn spricht, fragt man sich schon nach kurzer Zeit, wie man denn nun wieder das Thema wechseln kann.

Zwischen all dem Wahnsinn gibt es aber auch Hoffnungsschimmer: Vor dem Rathaus in Breslau, wo ich gerade studiere, stehen tausende Menschen und singen die ukrainische Nationalhymne, die sozialen Medien sind voll mit Hilfsangeboten aus der ganzen Welt und Friedensdemonstrationen säumen die Straßen jeder europäischen Stadt, von Warschau bis nach Barcelona. Es ist diese flächendeckende Solidarität mit der Ukraine, die meinen Glauben an die Menschheit ein wenig zurückkehren lässt.

Nun kommt es aber auch auf uns, die junge Generation, an: Lange war es unser Privileg, in Frieden aufzuwachsen. Doch jetzt müssen wir für ihn kämpfen. Es ist unsere Aufgabe, gegen diesen sinnlosen Krieg aufzustehen und vor allem auch die deutsche Regierung aufzufordern, sich klarer gegen Russland zu positionieren. Wir dürfen es nicht hinnehmen, dass uns das Privileg des Friedens, der so lange und hart erkämpft wurde und der uns so viel ermöglichte, wieder weggenommen wird. Wir jungen Menschen sind in einem friedlichen Europa aufgewachsen und wir müssen dafür sorgen, dass auch die nächsten Generationen dasselbe Privileg genießen können wie wir.

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