Interview

Queer-Beauftragter der Bundesregierung Sven Lehmann: „Du bist genau so richtig, wie du bist!“

Der Queer- Beauftragte der Bundesregierung Sven Lehmann
funky hat den Queer-Beauftragten der Bundesregierung Sven Lehmann zum Interview getroffen

Sven Lehmann von den Grünen ist seit dem 5. Januar der erste Queerbeauftragte der Bundesregierung. Mit seinem Amt möchte sich der 42-jährige Kölner nun für die Akzeptanz von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt einsetzen. Im Interview verrät er, warum ihm die junge Generation viel Mut für die Zukunft macht und wie die Bundestagsfraktionen auf seine Ernennung reagiert haben.

Gustav König, funky-Jugendreporter

Herr Lehmann, was umfasst ihre Aufgabe als Queer-Beauftragter denn so allgemein?
Meine Aufgabe ist es, gemeinsam mit den Ministerinnen und Ministern der Bundesregierung die Maßnahmen für LGBTIQ- Rechte, die wir im Koalitionsvertrag vereinbart haben, gut und zügig umzusetzen. Genauso wichtig ist die Öffentlichkeitsarbeit, also Aufklärung und Sensibilität für das Thema zu schaffen und wie der Titel schon sagt: Akzeptanz. Und schließlich bin ich Ansprechperson für Organisationen und Verbände. Ich bin also ein Bindeglied zwischen Bundesregierung und queerer Bewegung.

Welche konkreten Ziele haben Sie für die nächsten vier Jahre?
Das Grundziel meiner Arbeit ist, dass in Deutschland – aber auch sonst überall – Menschen ohne Angst verschieden sein können und dabei frei und gleichberechtigt sind. Da gibt es in Deutschland noch sehr viel zu tun, beispielsweise das „Transsexuellengesetz“ abzuschaffen. Es geht auch darum, das Familienrecht moderner zu gestalten, also anzuerkennen, dass es Regenbogen-Familien gibt und sie rechtlich abzusichern. Trotz der Öffnung der Ehe für Paare gleichen Geschlechts können leider noch längst nicht alle Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen auch wirklich gleichberechtigt, frei und sicher leben.

Die Verfahren sind sehr langwierig, teuer und vor allem entwürdigend

Sven Lehmann, Beauftragter der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt

Sie wollen das Transsexuellengesetz durch ein Selbstbestimmungsgesetz ersetzen. Nach dem Gesetzentwurf von Bündnis 90/Die Grünen könnte das bedeuten, dass Jugendliche bereits im Alter von 14 Jahren ihre geschlechtliche Selbstbestimmung erheben können. Ist das nicht viel zu früh, mitten in der Pubertät?
Das Transsexuellengesetz bedeutet, dass trans Menschen, die formal, also in Ausweisdokumenten, in ihrem Geschlecht anerkannt werden möchten, unter anderem zwei psychiatrische Gutachten vorlegen müssen. Fragen zum Masturbationsverhalten und zur Vorliebe von Unterwäsche sind da an der Tagesordnung. Die Verfahren sind sehr langwierig, teuer und vor allem entwürdigend. Wir wollen es diesen Menschen künftig einfacher machen, Personenstand und Namen selbstbestimmt durch eine einfache Selbstauskunft beim Standesamt zu ändern. Fragen der Identität kann eben nur jede*r für sich selbst beantworten. Und das, finde ich, können auch Jugendliche sehr gut. Wir trauen Jugendlichen ja auch zu, zu entscheiden, ob sie sich einer bestimmten Religion oder Partei zuwenden oder nicht. Trans Jugendliche leiden darunter, in der Schule oder im Sportverein mit falschem Namen oder Geschlecht angesprochen werden. Daher sollten Sie auch die Möglichkeit bekommen, das in ihren Ausweisdokumenten ändern zu können. Ein Name lässt sich ja theoretisch auch wieder ändern. Für geschlechtsanpassende Operationen gilt hingegen in den medizinischen Richtlinien in der Regel 18 Jahre als Grenze. Das wollen wir nicht verändern.

Themen wie „Sexuelle Diversität“ oder „Geschlechtliche Vielfalt“ werden in der Schule kaum behandelt. Muss sich das nicht ändern?
Ja, unbedingt! Es gibt zwar mittlerweile modernere Bildungs- und Lehrpläne, die das auch vorsehen, es ist allerdings in der Realität so, dass diese Themen oft unter den Tisch fallen. Aufklärungsprojekte, die in Schulen stattfinden, gibt es heute zwar viel häufiger als früher, aber es müsste viel selbstverständlicher werden, dass sich in Schulbüchern beispielweise ein Mädchen auch in ein anderes Mädchen verliebt oder dass man im Laufe seines Lebens entdeckt, dass man sich in einem anderen Geschlecht wohler fühlt, als in dem, das bei der Geburt zugewiesen wurde.  Dafür braucht es modernere Schulmaterialien. Es braucht aber auch den Raum und die Offenheit dazu, in Kitas und Schulen darüber sprechen zu können. Ich wünsche mir, dass an den Schulen ein Klima der Akzeptanz herrscht und dass schon Kinder und Jugendliche vermittelt bekommen, dass sexuelle Vielfalt zum Leben dazugehört. So sollten junge Menschen aufwachsen.

Mir macht das Hoffnung, dass wir in den nächsten Jahren in einer besseren Gesellschaft leben werden.

Ist die mittlerweile größere Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt in der jungen Generation deshalb ausgeprägter, weil diese auch politischer ist?
Wenn ich in den Schulen bin und erwähne, dass ich einen Mann habe, dann bekomme ich kein Tuscheln mehr zu hören, wie ich das noch von früher kenne, sondern eher positive Reaktionen wegen der Offenheit. Das habe ich in letzter Zeit beobachtet. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass in der Pop-Kultur, beispielsweise in Serien wie „Princess Charming“ oder „Sex Education“, eine ganz große Vielfalt selbstverständlich und unproblematisch vorgelebt wird, was sicherlich einen großen Einfluss auf junge Menschen hat. Ich finde es großartig, dass sich Jugendbewegungen wie „Fridays for Future“ auch mit Fragen der Demokratie und Vielfalt auseinandersetzen und sich solidarisch mit der queeren Bewegung zeigen. Es ist eine äußerst politische Generation, die sich um all diese Themen kümmert, und das macht sie auch solidarisch. Mir macht das Hoffnung, dass wir in den nächsten Jahren in einer besseren Gesellschaft leben werden.

In der Realität ist es trotzdem nicht immer leicht, sich zu „outen“. An wen oder welche Institutionen können sich junge Menschen wenden, wenn sie in der Familie nicht auf Akzeptanz stoßen?
Es ist  unsagbar schwer für  junge Menschen, aushalten zu müssen,  wenn sie in der Familie nicht akzeptiert werden, weil sie queer sind. Da möchte ich den betroffenen Jugendlichen sagen: Du bist genau so richtig, wie du bist! Die anderen müssen sich ändern, nicht du! Und ich empfehle den Jugendlichen auch, sich beraten zu lassen, beispielsweise bei Jugendzentren und Beratungsstellen vor Ort, die oft auch per Chat und anonym beraten. Was mir bei meinem Coming-out zum Beispiel sehr geholfen hat, war, mit Menschen zusammen zu sein, die meine Erfahrungen teilen, sich gemeinsam auszutauschen und vor allem auch dazu zu stehen, wie man selbst ist.

Sie sind der erste Queer-Beauftragte in einer Bundesregierung. War dieses Thema in den vergangenen Jahren zu unwichtig oder waren die Regierungen zu intolerant?
Ich finde es sehr gut, dass die neue Ampel-Koalition gesagt hat: Uns sind die Freiheitsrechte, die Grund- und Menschenrechte queerer Menschen so wichtig, dass wir diese  in den Koalitionsvertrag aufnehmen. Die CDU/CSU stand da leider in den letzten 16 Jahren immer auf der Bremse. Ich finde es ermutigend, dass sich nun drei Parteien zusammengefunden haben, die bei diesem Themenfeld wirklich in eine Richtung laufen

Die AfD hat meine Amtsernennung mal wieder zum Anlass genommen, homo- und transfeindliche Hetze von sich zu geben.

Sven Lehmann, Bündnis 90/Die Grünen

Werden Sie von allen Parteien im Bundestag ernstgenommen?
Von der AfD nicht. Die AfD hat meine Amtsernennung mal wieder zum Anlass genommen, homo- und transfeindliche Hetze von sich zu geben. Das ignoriere ich aber. Ich kenne diese Partei nicht anders als hasserfüllt und diskriminierend. Von den demokratischen Parteien habe ich sehr viele Glückwünsche und viel Anerkennung bekommen. Internationale Zustimmung gab es übrigens auch. Das ist ein sehr gutes Zeichen.

Kann man sagen, dass das Thema sexuelle Vielfalt eher im linken Spektrum der Parteien diskutiert wird als im rechten?
Das ist eine spannende Frage. Queerfeindlichkeit gibt es leider in allen gesellschaftlichen Schichten. Traditionell waren es immer linke und liberale Parteien, die sich für Frauenrechte einsetzten und auch immer schon queeren Themen widmeten. Heute höre ich aber leider auch manchmal aus linken Kreisen, LGBTIQ-Rechte seien eher ein Wohlstandsproblem. Das ist natürlich falsch, denn Diskriminierung ist ein großes soziales Problem, sie kann krank machen oder zum sozialen Abstieg führen.

Man kann aus Deutschland heraus nicht die Gesetze in anderen Staaten ändern, aber man kann Druck machen und Einfluss nehmen.

Wird das Thema „Sexuelle Diskriminierung“ von der Bundesregierung auch bei Staatsbesuchen angesprochen?
In einigen Staaten gilt für  Homosexualität immer noch die Todesstrafe, viele Staaten verfolgen sie strafrechtlich oder hetzen gegen die queere Bewegung. In Europa sind das zum Beispiel Polen und Ungarn. Ich finde es gut, dass die neue Außenministerin Annalena Baerbock kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um Menschenrechtsverletzungen geht. Man kann aus Deutschland heraus nicht die Gesetze in anderen Staaten ändern, aber man kann Druck machen und Einfluss nehmen. Das sollte die Außenpolitik auch tun.

Gibt es einen Austausch mit der Kirche zum Thema Diversität, und wenn ja, welche Haltungen werden aufeinandertreffen?
Als Abgeordneter pflege ich diesen Austausch schon seit vielen Jahren und man muss sagen, dass  sich vor allem an der Basis schon viel verändert hat. Problematisch sind nach wie vor die alten Dogmen der katholischen Kirche. Wer sich als homosexuell outet, kann dort heute immer noch seinen Job verlieren. Einige deutsche Bischöfe sind heute allerdings schon wesentlich offener für queere Menschen als der Vatikan. In der Bundesregierung führen wir einen Dialog mit den Kirchen mit dem Ziel, das kirchliche Arbeitsrecht an das staatliche anzupassen. Niemand darf seinen Job verlieren, weil er liebt, wen er liebt.

Hier findet ihr bundesweite Beratung für junge LGBTQI-Themen:
https://lambda-online.de/

funky Instagram Banner

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.