Meinung

Gen Z – Straight outta Schrebergarten?

Motorradfahrer versus Stricken
Früher Rebell*in auf Roadtrip, heute strickend auf der Coach. Sind wir eine spießige Generation?
Oskar Schulz, funky-Jugendreporter

„Du bist so spießig“. Früher haben das viele Eltern zu hören bekommen. Heute ist es oft umgekehrt. Der Nachwuchs will nicht mehr mit auf die kanarischen Inseln fliegen und hat am Freitagabend nichts besseres vor als einen Spieleabend. Die Eltern sind ratlos und spürbar verunsichert, wenn der studierende Sohnemann sich nicht jedes Wochenende abschießt. Was ist da los?

Über Silvester war ich mit Freund*innen in einer kleinen Holzhütte an der dänischen Ostsee. Fünf Tage lang kochten wir zusammen, gingen am Strand spazieren und widmeten uns abends der Lektüre. An wilden Abenden spielten wir Karten bei einem Glas Wein. Nun ja, auch wir sind in der Pandemie mindestens zwei Jahre gealtert.

Als ich zuhause meine gesammelten Hühnergötter sorgfältig inspiziere und sie auf dem Fensterbrett platziere, trifft es mich: Hier sieht‘s ja aus wie bei meinen Großeltern. Bin ich spießig geworden? Sind vielleicht auch meine Freunde, ja unsere Generation ein wenig spießig?  

Klar, nicht alle aus meiner Generation sammeln Steine mit Löchern. In der Pandemie musste ein jeder neue Hobbies für sich entdecken. Mein Freund Ole näht jetzt, mein Bruder heimwerkelt leidenschaftlich und seine Freundin Kelsey sitzt Freitagabends puzzelnd zuhause.

Sind wir wirklich Generation Greta?  

Corona hat viele Aktivitäten begünstigt, die man vor allem zuhause und allein machen kann – und die dem klassischen Bild der jungen Rebell*innen scheinbar widersprechen. Die jungen Rebell*innen, das war die 68er-Generation um Studierendenführer Rudi Dutschke. Das waren die Punks der 70er und 80er. Das sind Ikonen wie „The Doors“-Sänger Jim Morrison und „Nirvana“-Frontmann Kurt Cobain. Live fast, die young. Nicht so ganz mit Puzzeln und Hühnergöttern zu vergleichen.

Aber niemand bezeichnet sich selbst gern als spießig. Spießig, das ist Reihenhaus, selbstverständlich inklusive Cocker Spaniel und getrimmtem Rasen. Und auf keinen Fall meine Generation. Oder?

Ein Blick aus der eigenen Bubble verschafft ein klareres Bild: Mit 23 Prozent wurde die FDP bei der letzten Bundestagswahl zur stärksten Partei unter den Erstwählenden gewählt. Die renommierte Shell Jugendstudie hat 2019 vor der Pandemie die Einstellungen, Wünsche und Sorgen der Jugendlichen (12-25 Jahre) in Deutschland untersucht. Dort heißt es: „Tugendhaftigkeit und Tüchtigkeit sind für nahezu alle Jugendlichen positiv besetzt (…). Respekt vor Gesetz und Ordnung (…) gehören für alle jungen Menschen zu den wichtigen Leitbildern.“ Ein wenig spießig hört sich das schon an.

Früher war nicht alles besser

Gesellschaftliche Missstände wie der Klimawandel oder Rassismus werden zwar von einer Mehrheit der Jugend als große Probleme erkannt, leider engagiert sich lediglich ein kleiner Teil aktiv. Nur eine Minderheit geht mit „Fridays for Future“ auf die Straße, 80 Prozent der Jugendlichen hingegen können sich 2021 laut einer Studie kein Leben ohne Autos und tierische Produkte vorstellen.

Aber war das in anderen Generationen wirklich so anders? Im Deutschland der späten 60er Jahre wurde vor allem gegen den Vietnamkrieg, Imperialismus und für eine Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit demonstriert. Nur haben das bei weitem nicht alle getan. Erinnern tun wir uns dann aber genau an diese laute Minderheit. Weil sie etwas bewegt haben. So wie man sich an Greta Thunberg und die anderen Aktivisten hoffentlich erinnern wird.
Alles schön und gut, aber wieso haben so viele meiner Generation trotzdem Hobbies straight outta Schrebergarten? Man hätte zu Coronazeiten doch auch gut etwas anderes machen können.  

Sauerteig als Protest

Obwohl also selbst in meiner Generation Nachhaltigkeit von der breiten Masse nicht bewusst und kompromisslos gelebt wird, erreichen „grüne“ Trends über Social Media einen Großteil der jungen Menschen. In der Klimakrise ist der private Konsum für einige zu einem der wichtigsten Austragungsorte jugendlicher Rebellion geworden. Dieses Konsumverhalten übernehmen dann viele mehr, ohne dass die ursprüngliche Absicht entscheidend für sie ist. Früher kannte ich nur meine Großmutter, die gerne strickte. Heute gibt es in meinem Freundeskreis längere Gespräche über Wolle und Garn. Wer Socken stopft, muss keine neuen kaufen. Was früher spießig war, bekommt unter anderen Umständen eine ganz neue Bedeutung.

Ebenfalls großen Einfluss auf die „neue Spießigkeit“ hat der spürbare Fortschritt im Kampf gegen toxische Verhaltensweisen. Vor zwanzig Jahren hätte mein Freund Ole, der so gerne näht, vielleicht nicht über seine neue Leidenschaft gesprochen. Oder er hätte durch das Absorbieren der gesellschaftlichen Geschlechterrollen erst gar nicht damit begonnen.

Vielleicht ist es das, was die Rebellion meiner Generation ausmacht: Das zu tun, worauf sie Bock hat, ohne Rücksichtnahme auf längst veraltete Rollenmodelle. Vielleicht bedeutet jung sein heute, für Lebensmodelle jeglicher Art Respekt und Toleranz zu zeigen, solange sie niemandem schaden. Um sich frei zu fühlen, muss man sich heute nicht mehr in der Lederjacke aufs Motorrad schwingen. Man muss nicht mal mit Greta auf die Straße gehen. Es reicht, ganz „spießig“ ein Sauerteigbrot in den Ofen zu schieben.


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