Meinung

faircheckt: „Und, wo engagierst du dich sonst noch so?“

Klimakrise, Rassismus und Migrationspolitik. Viele Probleme, viel Verantwortung. Aber auch wir brauchen manchmal Pausen.

Fragt ihr euch manchmal auch, wie ihr so leben könnt, dass unser Planet auch für die nächste Generation noch bewohnbar ist?  In ihrer Kolumne „faircheckt“ beschäftigt sich Sonja von nun an alle vier Wochen mit Themen aus dem Bereich der sozialen Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit, klärt über umweltschonende Alternativen zu herkömmlichen Produkten auf und nimmt auch die ein oder andere unbequeme Problemzone unseres gesellschaftlichen Lebens unter die Lupe. Ihr Motto: Man muss nicht gleich perfekt sein, nur informieren sollte man sich.

Sonja Walke, funky-Jugendreporterin

Es ist ein kalter Wintertag und ich stehe zusammen mit anderen Engagierten an einem Tapeziertisch auf einem mittelgroßen Platz in einer mittelgroßen deutschen Stadt, um auf die Probleme der Fast-Fashion-Industrie aufmerksam zu machen. Der Typ neben mir unterhält sich gerade mit einer älteren Dame, die sich beschwert, früher sei alles besser gewesen, da war noch kein Palmöl in der Gelatine, dagegen müsse man doch etwas unternehmen. Meine Lust auf eine Unterhaltung mit Mitdemonstranten sinkt von Minute zu Minute. Ich frage mich, was ich als Introvertierte überhaupt hier mache.

Irgendwann ist die Dame fertig mit Lamentieren und weil gerade keine gesprächsfreudigen Passanten mehr parat sind, fängt der Typ an, sich mir zu unterhalten. Zum Glück fragt er nicht: „Und, was machst du so?“ Das ist eine Frage, vor der es mir seit dem Abiball graut. Dafür hat er eine anderen Gesprächseinstieg in petto, die ähnlich viel Unbehagen in mir auslöst: „Und, wo engagierst du dich sonst noch so?“

Äh, wie jetzt? Naja, also, ich schreibe, erkläre ich ihm, und manchmal gehe ich auf Demos. Er zählt mir vier Vereine und einen Gnadenhof auf, bei denen er sich engagiert, und sagt, dass er gerade überlegt, noch ein weiteres Projekt zu unterstützen. Mir klappt die Kinnlade herunter und ich frage mich: Wie schafft er das neben seinem Job?

Es ist Mitte Dezember und ich habe gerade ein paar Erledigungen in der Stadt gemacht, als mein Handy vibriert: eine Nachricht von einer Freundin, die mit mir auf eine Demo gehen will. Ich würde sie gerne treffen, denn die Sache ist mir wichtig – aber ich kann einfach nicht. Es handelt sich um eine Gegendemo zu einem Thema, bei dem schon der Gedanke daran reicht, um meine Nerven blank liegen zu lassen. Ja, Demos können Kraft geben; das wissen vermutlich alle, die schon einmal auf einer waren und festgestellt haben: Ich bin nicht allein mit meinem Wunsch nach Veränderung. Aber Aktivismus und die damit einhergehende ständige Auseinandersetzung mit allem, was in dieser Welt schiefläuft, können auch erschöpfen. Das Tückische daran ist: Weil es uns eine Herzensangelegenheit ist, verausgaben wir uns oft, ohne es zu merken. Dabei reicht es natürlich auch nicht, sich ausschließlich online zu engagieren. „Richtiger“ Protest findet auf der Straße statt, so hat es sich in unseren Köpfen eingebrannt.

Wir, die „Generation Greta“ – stets bemüht, einem Bild zu entsprechen, das die Medien oder unsere eigenen Instagramfeeds von uns zeichnen – gehen gerne über unsere Grenzen hinaus. Je öfter, desto besser. Denn wir erkennen, so meinen wir, im Gegensatz zu früheren Generationen unsere eigene Verantwortung an – nur nicht die gegenüber uns selbst. Aber vielleicht sollten wir genau das als essentiellen Teil von Aktivismus begreifen: die Pausen, die es braucht, um sich wieder am Protest beteiligen zu können. Und wenn die mal etwas länger dauern, dann sollten wir uns auch das zugestehen.

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.