Interview

So klappt die Liebe auf Distanz: „Wir haben mal über eine offene Beziehung gesprochen“

Katharina und Gabriel führen über die Distanz von 760 Kilometern eine Fernbeziehung.
Katharina und Gabriel führen über die Distanz von 760 Kilometern eine Fernbeziehung.

„Wo die Liebe hinfällt …“, heißt es. Aber was, wenn diese Liebe zwei Menschen verbindet, zwischen denen 760 Kilometer liegen? Katharina (20) und Gabriel (22) führen seit fünf Monaten eine Fernbeziehung. Während sie in Berlin Schauspiel studiert, macht er eine Ausbildung zum Biolandwirt in Überlingen am Bodensee. Wie funktioniert Liebe über diese Distanz? Im Interview sprechen Gabriel und Katharina über die Herausforderungen der Fernbeziehung und das Leben in zwei Welten.

Friederike Jost, funky-Jugendreporterin

Wie habt ihr euch kennengelernt und wie kam es dazu, dass ihr nun eine Fernbeziehung führt?
Katharina: Wir haben uns in einer Studenteneinrichtung in Stuttgart kennengelernt und waren zunächst gute Freunde. Aber wir wussten irgendwie beide, dass da mehr zwischen uns ist. Dann haben wir uns verliebt und sind im Semester darauf zusammengekommen. Allerdings ging das Programm, das wir beide dort absolviert haben, nur ein Jahr lang und Gabriel hat anschließend seine Ausbildung am Bodensee begonnen und ich bin zurück nach Berlin gezogen.

Ihr wusstet also von Anfang an, dass eure gemeinsame Zeit in Stuttgart begrenzt ist. Welchen Einfluss hatte das auf eure Beziehung?
Gabriel: Wir haben immer im Moment gelebt und nicht viel über die Zukunft gesprochen, weil uns das natürlich traurig gemacht hat. Aber als wir uns dann am Ende entscheiden mussten, war für uns beide klar: Eine Trennung aufgrund von Entfernung ist keine Option. Wir müssen es auf jeden Fall ausprobieren!

Wie funktioniert eure Fernbeziehung?
Gabriel: Wir facetimen eigentlich so gut wie jeden Tag und ungefähr alle drei Wochen sehen wir uns für ein paar Tage.
Katharina: Viel zu schreiben ist nicht so unser Ding, lieber telefonieren wir abends und erzählen uns gegenseitig von unserem Tag.

Ihr habt euch täglich gesehen, dann nur noch alle paar Wochen. Wie war diese Umstellung für euch?
Katharina: Richtig schwer. Für Gabriel war es leichter, weil er durch seine Ausbildung immer sehr beschäftigt war. Ich musste mir in Berlin erst wieder ein neues Leben aufbauen und überlegen, was ich jetzt studieren möchte. Da habe ich viel an Gabriel gedacht und ihn sehr vermisst.

Hast du die Fernbeziehung bei der Planung deines Studiums berücksichtigt, Katharina?
Katharina: Ich habe vor allem über den Ort nachgedacht. Aber Schauspiel studiert sich einfach besser in Berlin als auf dem Land und das versteht Gabriel auch. Gleichzeitig wusste ich auch, dass er schon immer seine Ausbildung am Bodensee machen wollte. Natürlich hätte ich auch sagen können: Such dir doch lieber was in Brandenburg, das ist viel näher. Aber ich weiß, dass er dort nicht so glücklich wäre wie jetzt am Bodensee.
Gabriel: Es ist eigentlich ganz einfach: Wir möchten, dass der andere glücklich ist und können deswegen auch die Entscheidungen des Partners nachvollziehen.

Was sind die größten Herausforderungen in eurer Beziehung?
Gabriel: Den Kontakt zu halten. Ich bin nicht der Typ, der viel am Handy ist, und deshalb ist Katharina immer diejenige, die anruft. Das führt manchmal zu Diskussionen. Aber wir arbeiten daran! Hart ist es natürlich, sich jedes Mal aufs Neue zu verabschieden. Aber da hilft es uns, direkt wieder einen Termin für den nächsten Besuch auszumachen.

Würdet ihr sagen, eine Fernbeziehung hat auch Vorteile?
Katharina: Im Seminar haben wir 24/7 aufeinander gehockt. Da kann man sich schon mal auf die Nerven gehen. Jetzt ist die Zeit, die wir miteinander verbringen, viel wertvoller geworden. Wir streiten uns beispielsweise gar nicht und versuchen immer das Beste aus unserer Situation herauszuholen.

Hattet ihr schon mal Zweifel an eurer Beziehung? Wie seid ihr damit umgegangen?
Gabriel: Ganz am Anfang wusste ich nicht, ob eine Fernbeziehung etwas für mich ist, weil ich schon viele negative Geschichten von Freunden gehört habe. Da kamen schon Zweifel auf. Was ist, wenn die Fernbeziehung nicht funktioniert? Wir haben sehr viel darüber geredet und letztendlich die Dinge aus der anderen Perspektive betrachtet: Was wäre, wenn es funktioniert? Schließlich lieben wir uns! Mittlerweile klappt unsere Fernbeziehung auch echt gut. Wenn es Probleme gibt, reden wir offen darüber.
Katharina: Es gibt ein Gedicht, das wir beide sehr mögen. Manchmal sagen wir es auf. Das gibt uns Kraft.

Habt ihr schon mal über Beziehungsalternativen nachgedacht?
Katharina
: Wir haben mal über eine offene Beziehung gesprochen, aber im Moment brauchen wir das nicht. Aber für die Zukunft schließen wir es nicht komplett aus.

Ihr lebt in zwei unterschiedlichen Welten. Seid ihr euch manchmal ein bisschen fremd, wenn ihr euch länger nicht gesehen habt?
Gabriel: Nein, gar nicht.
Katharina: Es braucht manchmal einen kleinen Moment, bis man sich wieder vollständig an die Person gewöhnt hat. Das geht aber sehr schnell und dann ist alles wie immer. Wenn wir uns küssen, ist es so, als ob wir uns nie verabschiedet hätten.

Fühlt ihr euch in der Welt des anderen wohl?
Gabriel: Ja, sehr! Ich bin eine anpassungsfähige und tolerante Person, egal wo ich bin. Wenn ich bei Katharina bin, habe ich alles, was ich brauche. Und je öfter ich in Berlin bin, desto wohler fühle ich mich dort. 
Katharina: Gabriels Bauernhof, auf dem er arbeitet, war definitiv etwas Neues für mich. Aber ich liebe es, zu sehen, wie er in der Arbeit aufgeht, und es freut mich natürlich auch für ihn. Auf Dauer wäre das Landleben eher nicht so meins, aber für ein paar Tage fühlt es sich wie ein kleiner Urlaub oder eine Pause von Berlin an.

Was sind eure Zukunftsperspektiven?
Katharina: Ich überlege, aus Berlin wegzuziehen. Und wenn ich umziehe, dann auf jeden Fall in den Süden Deutschlands. Wir planen aber nicht viel im Voraus, sondern leben im Moment und machen uns keine Gedanken. Manche Fernbeziehungen brauchen ein Ziel, so was wie: In zwei Jahren leben wir zusammen. Aber für uns funktioniert das auch so.

Was würdet ihr anderen raten, die sich einer ähnlichen Situation befinden?
Gabriel: Kommunikation darf kein Problem sein. Man muss über alles reden können und dem anderen aber auch zu 100 Prozent vertrauen. Und man sollte Kompromisse eingehen. Wir treffen uns oft in Städten, die auf halber Strecke liegen. So investieren beide in das Wiedersehen und keiner muss den langen Weg auf sich nehmen. Aber wir sehen uns natürlich auch oft bei dem anderen zuhause.
Katharina: Wir mussten auch lernen, uns nicht mit anderen Paaren zu vergleichen. Manche telefonieren täglich stundenlang, andere sehen sich nur alle paar Monate, und das reicht auch. Es gibt keine Norm. Das gilt für uns und letztendlich auch für alle Beziehungen.

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