Interview

Hungerstreikender Simon Helmstedt: „Ich habe unfassbare Angst vor der Klimakrise“

Die Hungerstreikenden vor dem Reichstag
"Ich merke, dass ich nicht daran zurückdenken will, weil es echt hart war."
Simon Helmstedt trat 23 Tage lang in den Hungerstreik.
Simon Helmstedt trat 23 Tage lang in den Hungerstreik.

23 Tage lang war der 22-jährige Simon Helmstedt einer der Hungerstreikenden vor dem Reichstag, die versuchten, im Vorfeld der Bundestagswahlen durch Nahrungsverweigerung die Aufmerksamkeit der Politiker*innen auf sich zu ziehen und mit gezielten Forderungen ein Zeichen für den Klimaschutz zu setzen – ohne Erfolg, wie sich inzwischen gezeigt hat. Während des Streiks wurde medial wortwörtlich kaum von dem Camp der Streikenden abgelassen. Doch wie wird das Ganze im Nachgang bewertet? Im Interview berichtet Simon, wie er die Wochen ohne Essen erlebt hat, wie es ihm heute psychisch geht und warum er nie wieder an einem Hungerstreik teilnehmen würde.

Lukas Breit, funky-Jugendreporter

Seit dem Hungerstreik ist jetzt schon etwas Zeit vergangen. Welche Gedanken kommen dir als Erstes in den Sinn, wenn du an den Streik zurückdenkst?
Ich merke, dass ich nicht daran zurückdenken will, weil es echt hart war. Sowohl geistig als auch körperlich. Der Druck, praktisch immer vor laufender Kamera zu sein, war immens. Von morgens acht Uhr bis teilweise zwanzig Uhr waren die Kameras vor Ort, zwischendurch haben wir Interviews geführt. Es war eine sehr große emotionale Anstrengung.

Hast du dich inzwischen gut vom Hungerstreik erholt?
Ja, mittlerweile geht es wieder. Ich esse immer noch beängstigend viel, aber meine Fokussierung auf das Thema Essen ist wieder etwas zurückgegangen. Ich kann mich auch mal eine Stunde auf etwas anderes konzentrieren. An den ersten Tagen nach dem Hungerstreik habe ich 90 Prozent meiner Zeit in Essen investiert. Mein Körper hat meinen Geist übernommen, das war sehr beängstigend. Ich habe Kochvideos geschaut und ununterbrochen gegessen. Ich hoffe, dass diese Sucht nach Essen in Zukunft wieder etwas zurückgehen wird.

Wie hat deine Familie auf deinen Plan, am Hungerstreik teilzunehmen, reagiert?
Ich bin so erzogen worden, dass die Entscheidungen, die ich treffe, schon richtig sein werden. Da war es dann erstmal auch egal, was meine Mutter persönlich davon hielt. Sie hat ihre Ängste und Bedenken mehr als deutlich gemacht, aber sie stand hinter mir. Der Rest meiner Familie wollte mich davon abbringen.

Hattest du vor dem Hungerstreik Angst vor dem, was auf dich zukommt?
Ich wusste, dass es hart werden würde – aber nicht, wie hart. Ich hatte keine Angst, aber wahnsinnigen Respekt, ganz nach dem Motto: Hungerstreik, wer macht denn sowas? Das macht doch nur Ghandi. Ich habe mich schlussendlich dafür entschieden, weil ich unfassbare Angst vor der Klimakrise habe. Diese Angst war so viel größer als die Angst vor dem Hungern, weil ich ja wusste, dass ich jederzeit aufhören kann. Während des Hungerstreiks war da dann dieser mediale Druck da, mit dem ich nicht gerechnet habe. Wir saßen quasi auf einem Präsentierteller.

War das nicht zu erwarten? Schließlich war das Klima-Camp nur wenige Meter vom Deutschen Bundestag entfernt.
Es war viel früher viel mehr Aufmerksamkeit da, als ich es erwartet hatte. Wir hatten natürlich gehofft, dass wir mediale Aufmerksamkeit bekommen. Aber mit so viel Andrang konnten wir nicht rechnen. Am Anfang hatten wir wöchentlich eine Pressekonferenz, in der letzten Woche zwei.

Würdest du sagen, dass der psychische Druck stärker war als die physischen Schmerzen?
Auf jeden Fall! Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich noch einmal an einem Hungerstreik teilnehmen werde. Ich kann mir aber vorstellen, beispielsweise für zwei Wochen eine Art Heilfasten zu machen. Da geht man in sich, um sich zu reinigen. Vielleicht gehe ich dabei allein in den Bergen wandern. Das ist körperlich etwas ganz anderes. Der Stress beim Hungerstreik war enorm.

Was hast du während des Hungerstreiks zu dir genommen?
Die ersten zwölf Tage habe ich 300 Milliliter verdünnten Fruchtsaft über den Tag verteilt zu mir genommen. Das deckt ungefähr ein Zwölftel des täglichen Zuckerbedarfs des Menschen. Dazu haben wir noch Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel zu uns genommen. Nach den ersten zwölf Tagen habe ich die Vitamine abgesetzt.

Wie kam es zur Idee eines Hungerstreiks?
Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass Repression im Zuge der Klimakrise nicht mehr wichtig ist. Dass diese so viel bedrohlicher ist, als es persönliche Vorstrafen jemals sein könnten. Dass es in 20 Jahren bereits Hungersnöte in Europa geben wird, ist für mich schlimmer als eine Gefängnisstrafe. Es sterben heute schon unzählige Menschen an den Folgen der Klimakrise, was könnte schlimmer sein? Wie kann ich mir bei solchen Zukunftsprognosen überhaupt erlauben, zu studieren? Das sind Fragen, die ich mir stelle. Diese Fragen habe ich für mich beantwortet, indem ich immer radikaler geworden bin. Ich wusste, dass der Hungerstreik das effektivste Mittel ist, um einen politischen Wandel herbeizuführen, der jetzt sehr dringend gebraucht wird. Von dem Streik an sich habe ich zuerst von Mephisto gehört, dem Lokalradio der Universität Leipzig. Die meisten Teilnehmenden des Hungerstreiks kannte ich bereits von vorherigen Aktionen.

Was hat dich radikalisiert? Wie wurde aus dem „normalen“ Demo-Besucher ein Hungerstreikender?
Ich habe das Konzept des zivilen Ungehorsams über eine Podiumsdiskussion mit Carola Rakete kennengelernt. Da fiel unter anderem auch der Name „Extinction Rebellion“. Ich habe mich anschließend weiter damit befasst und bin dann auf die Berliner Ortsgruppe gestoßen. Eine Woche darauf habe ich an einem Aktionstraining von Extinction Rebellion teilgenommen. Hinzu kam, dass ich wegen Corona mein FSJ in Mexiko frühzeitig abbrechen musste und hier in Deutschland ebenfalls kaum arbeiten konnte. So hatte ich sehr viel Zeit für den Vollzeit-Aktivismus. Ich bin sehr schnell sehr tief in die Strukturen vorgedrungen. Mit der Zeit habe ich den Mut gefunden, stärkeren zivilen Ungehorsam zu praktizieren. Das Konzept des zivilen Ungehorsams bedeutet, dass man bewusst Grenzen übertritt, um politischen Wandel herbeizuführen. Im Rahmen dessen bin ich ziemlich schnell radikaler geworden, aber dabei immer auf einer bürgerlichen Ebene geblieben. Damit meine ich, dass ich beispielsweise noch Personalien angegeben habe und „nur“ kleinere strafbare Aktionen begangen habe, wie zum Beispiel Hausfriedensbruch. Ich war damals etwa zwölf Stunden täglich aktivistisch unterwegs. Als ich schließlich in den Danni (Anm. d. Red.: Dannenröder Wald) gefahren bin, habe ich die nicht bürgerliche Seite des Aktivismus kennengelernt. Dort habe ich von Seiten des Staates Gewalt gegen friedliche Demonstrierende miterlebt. Das hat mich stark geprägt. Seitdem sind der Staat und insbesondere die Polizei bei mir untendurch. Wenn ich heutzutage die Polizei sehe, habe ich eher Angst, als dass ich mich beschützt fühle.

Was war der Grund für die Entscheidung, den Hungerstreik nach über drei Wochen zu beenden?
Uns war klar geworden, dass wir das Gespräch nicht bekommen würden. Wir haben uns gedacht: Was bringt das Streiken dann noch? Dieses Leiden weiter auszuhalten, lohnte sich einfach nicht mehr. Deswegen habe ich nach 23 Tagen aufgehört. Ich war zu dem Zeitpunkt bereits so schwach, dass ich nicht mehr allein aufstehen konnte. Ich musste ununterbrochen überwacht werden. Ich konnte nirgends allein hinfahren, ich hätte es nicht bis zur S-Bahn geschafft. Die Lage war so ernst, dass ich jederzeit ins Krankenhaus hätte kommen können.

Kam es im Zuge dieser Entscheidung zu großen Differenzen innerhalb der Gruppe?
Der Teil der Gruppe, die den Hungerstreik nach unserem Abbruch verschärft hat, war der Meinung, dass damit eine Dilemma-Situation erzeugt würde. Wir dachten uns, dass es ein viel stärkeres Statement sei, wenn die Kanzlerkandidat*innen nicht vorbeikommen und wir mit dem Hungerstreik aufhören. Es gab schlichtweg zwei unterschiedliche Ansätze. Wir haben stundenlang diskutiert, ob ein trockener Hungerstreik der Klimabewegung in diesem Moment hilft oder nicht.

Bei der abschließenden Pressekonferenz am 23. September warst du merklich emotional. Wie ging es dir nach drei Wochen Hungerstreik psychisch?
Ich war definitiv reizbarer. Es gab nur Extreme: Entweder ich war super gehyped und energetisch aufgeladen oder sehr lethargisch, genervt und wütend. Meine Gefühlswelt war deutlich intensiver. Wenn mich Worte bewegt haben, so wie das bei der Pressekonferenz der Fall war, hat man mir das auch angesehen. Dann habe ich auch mal vor den laufenden Kameras geweint. Psychische Probleme habe ich aber zum Glück keine davongetragen.

Was meinst du: Hat sich der Hungerstreik gelohnt oder ist er gescheitert?
Er ist definitiv nicht gescheitert. Ich glaube, dass wir in der links-grünen Gesellschaftsschicht viel Staub aufgewirbelt haben. Es war unmöglich, diesen Hungerstreik nicht mitzubekommen. Es gab Debatten darüber, ob so etwas notwendig ist. Wir haben öffentlichkeitswirksam sehr viel in Gang gesetzt. Gleichzeitig fühle ich mich auch so, als hätte ich nichts erreicht, weil keine unserer Forderungen erfüllt wurde.

Was waren eure Forderungen?
Wir hatten zwei Forderungen. Einmal das Gespräch mit den drei Kanzlerkandidat*innen Baerbock, Scholz und Laschet. Unsere zweite Forderung war der Bürger*innen-Rat, der uns zu einer hundertprozentig regenerativen Landwirtschaft führen sollte. Das Gute an dieser Forderung ist, dass der Bürger*innen-Rat konkrete Maßnahmen entscheiden soll, und nicht wir als „Öko-Terroristen“. Wir sagen stattdessen: Fragt doch mal die Bürger*innen und lasst sie Entscheidungen treffen. Das hat eine ganz andere demokratische Legitimation, als wenn wir direkt den sofortigen Kohleausstieg fordern würden.

Kritische Stimmen behaupten, dass ihr ein fatales Zeichen für jüngere Menschen setzt, da ein Hungerstreik ja körperlich langfristige Schäden mit sich bringen kann. Was entgegnest du da?
Wir haben nie jemanden dazu aufgefordert, mit uns zu streiken. Wir haben sogar aktiv Leuten davon abgeraten und kommuniziert, dass ein Hungerstreik keine leichte Sache ist, die man unvorbereitet durchstehen kann. „Fridays for Future“ hätte das zwar ehrlicherweise eventuell aufnehmen können, aber sie haben sich uns gegenüber nicht unterstützend gezeigt, eher im Gegenteil.

Wie bewertest du die ausbleibenden Reaktionen der Politiker*innen?
Ehrlicherweise hatte ich schon damit gerechnet, dass wir ein Gespräch erreichen und den Bürger*innen-Rat nicht. Ich war deshalb schon enttäuscht. Das zeigt, dass die Politik nicht gewillt ist, der jungen Generation zuzuhören und mit ihr zu reden. Sie waren nicht bereit, von ihrem Thron herunterzukommen und öffentlich darüber zu reden, dass alle Parteiprogramme nicht mal ansatzweise zukunftsfähig sind. Das hat mir gezeigt: Wir müssen den Wandel herbeiführen, nicht die Politik!

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