Interview

Zeugen-Jehovas-Aussteigerin Sophie Jones: „Ich habe immer für das Leben danach gelebt“

Porträt Sophie Jones
Sophie Jones lebte bis zu ihrem 18. Lebensjahr als Zeugin Jehovas.

Sophie Jones wuchs als Zeugin Jehovas auf. Mit 18 trat sie aus der christlich fundamentalistischen Glaubensgemeinschaft aus und widmet sich nun ihrer Mission, Aufklärungsarbeit zu leisten.

In ihrem Buch
In ihrem Buch „Erlöse mich von dem Bösen“ schildert Sophie ihre Lebensgeschichte.

Wie schafft man es, den Absprung zu finden, wenn man von Geburt an in einer Sekte lebt? Sophie Jones weiß: Das ist gar nicht so einfach. Die inzwischen 26-jährige Zeugen-Jehovas-Aussteigerin schaffte es im Alter von 18 Jahren, der extremistischen Glaubensgemeinschaft den Rücken zu kehren. Heute hat Sophie es sich zur Aufgabe gemacht, verzweifelten jungen Menschen die Perspektiven zu bieten, die ihr als Jugendliche fehlten. Zu diesem Zweck schildert die Leipzigerin in ihrem Buch „Erlöse mich von dem Bösen“ ihren Weg aus der Sekte und versucht durch ihre Position als Miss Sachsen 2021 mehr Menschen mit ihrer Botschaft zu erreichen: Du bist nicht allein, andere teilen deine Probleme. Im Interview spricht sie darüber, welche Erfahrungen ihr letzten Endes die Augen öffneten, wie es heute um ihren Glauben steht und warum sie sich nach ihrem Ausstieg erst einmal selbst finden musste.

Wie kamst du zu den Zeugen Jehovas?
Ich wurde hineingeboren. Meine Eltern waren beide Zeugen Jehovas und haben mich so großgezogen. Als sich meine Eltern getrennt haben, wurde mein Vater aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Damals war ich im Grundschulalter. Ich bin dann bei meiner Mutter geblieben und so auch weiter mit zu den Zusammenkünften der Zeugen Jehovas gegangen.

Woran glauben die Zeugen Jehovas und inwiefern unterscheidet sich der Glaube vom klassischen Christentum?
Sie verwenden auch die Bibel als Glaubensgrundlage, haben aber eine eigene Übersetzung, in der auch der Name Jehova steht. Jehova ist der Gott. Sie glauben also auch an Jesus, aber nicht an eine Hölle. Sie glauben, dass nach dem Tod alle guten Menschen in einem Paradies auf Erden wiederauferstehen, nach dem Weltuntergang Armageddon. Es gibt eine gewisse Auswahl von Zeugen, die in den Himmel kommen wird. Das ist eine begrenzte Zahl, nur 144.000. Alle anderen werden dann in dem Paradies auf der Erde leben. Und die bösen Menschen sind einfach tot. Sie kommen nicht in eine Hölle und werden auch nicht wiederauferstehen.

Wann wurde dir zum ersten Mal klar, dass du nicht mehr zu den Zeugen Jehovas gehören möchtest?
Das war ein laufender Prozess. Ich hatte schon im Teenager-Alter erste Zweifel, weil ich wahnsinnig viel Druck verspürt habe. Ich wurde in der Schule wegen meines Glaubens ausgegrenzt und gemobbt. Ich war sehr depressiv und unternahm auch mehrere Suizid-Versuche, so im Alter von 13, 14. Ich hatte den Vergleich zu Klassenkameraden, die völlig anders lebten. Ich selbst war wie gehirngewaschen. Ich war so indoktriniert, dass ich der Überzeugung war, dass das, was meine Eltern mir beigebracht haben, absolut richtig ist. Und dann hatte ich lichte Momente, in denen ich das Ganze infrage stellte. Aber darauf folgten gleich wieder Schuldgefühle und ich schämte mich, weil ich es gewagt, meinen Gott zu verraten. Und das hat sich bei mir über Jahre hingezogen. Ich habe immer versucht, meine Zweifel zu unterdrücken. Ich habe mich dann relativ spät, mit 17, taufen lassen. Wenn man sich taufen lässt, dann darf man keinen Kontakt mehr zu Ausgeschlossenen haben. Und da mein Vater ein Ausgeschlossener war, musste ich also mit meiner Taufe den Kontakt zu ihm abbrechen. Da bin ich wieder in ein tiefes Loch gefallen und habe das nicht gut verkraftet. Das war eigentlich der Knackpunkt, an dem ich gemerkt habe: Ich kann so nicht weiterleben. Ab diesem Moment habe ich angefangen, alles noch einmal zu hinterfragen, und bin dann anderthalb Jahre später, mit 18, ausgestiegen.

Wie hast du es geschafft, dich auch emotional von den Zeugen Jehovas loszusagen?
Das war sehr schwer, denn das Verhältnis innerhalb der Gemeinschaft ist sehr eng. Man hatte kaum Kontakt nach außen, verbringt auch die Freizeit fast ausschließlich mit anderen Zeugen Jehovas und bekommt beigebracht, dass Zeugen gute Menschen sind, die sich an Gottes Regeln halten. Auf der anderen Seite stehen die Bösen, also alle anderen, die sogenannten Weltmenschen. Die führen einen in Versuchung, so heißt es. Man verliert natürlich das komplette soziale Umfeld, wenn man sich entscheidet, zu gehen, denn man wird dann von den aktiven Mitgliedern und Freunden geächtet. Ich habe mir das schon vorher vorgestellt: Wie sich das anfühlen würde, wenn ich jemanden beim Einkaufen treffe und der mir nicht einmal „Hallo“ sagt, wobei ich einen Monat zuvor mit der Person befreundet war. Ich habe das visualisiert und schon vorher versucht, diesen Schmerz zu fühlen, damit es dann nicht mehr so ein krasser Schock sein würde.

Wohnst du auch noch in der Gegend deiner ehemaligen Gemeinschaft oder bist du so weit wie möglich weggezogen?
Ich bin mit 16 Jahren ausgezogen, weil ich mit meiner Mutter nicht mehr klarkam, und bin in der Nähe von Leipzig in eine eigene Wohnung gezogen. Ursprünglich komme ich aus Werdau, das ist im Westerzgebirge. Ich bin nach meinem Auszug weiter in die Zusammenkünfte gegangen und wurde von der dortigen Ortsversammlung unter die Fittiche genommen. Ich glaube aber auch tatsächlich, dass das der Grund war, warum es mir leichter gefallen ist, endlich auszusteigen. Ich habe die Leute, die ich seit meiner Kindheit kannte, nicht mehr so oft gesehen. Sonst hätte ich es vielleicht nicht geschafft, ich wäre zu stark integriert und emotional gebunden gewesen.

Ich werde niemals wieder religiös werden.

Sophie Jones über ihren Glauben heute

Wenn du an deine Jugend und Kindheit bei den Zeugen Jehovas zurückdenkst, was schockiert dich im Nachhinein am allermeisten?
Ich glaube, eines der schockierendsten Dinge ist das Verbot von Bluttransfusionen. Ich hatte als kleines Mädchen immer einen Blutausweis dabei, auf dem stand, dass ich im Falle des Falles keine Bluttransfusion erhalten dürfte. Wenn mir irgendwas passiert wäre, beispielsweise bei einem Schulausflug, hätte ich das den Ärzten auch genau so gesagt. Dass ich lieber sterben würde, als eine Bluttransfusion zu bekommen. Und das, finde ich, ist das Schlimmste: Dass man den natürlichen Überlebensinstinkt eines Menschen so unterdrücken  und manipulieren kann, dass dieser bereit wäre, freiwillig zu sterben. Und natürlich auch diese Ächtung: Dass man sogar Familienmitglieder verleugnet und bereit ist, nie wieder ein Wort auszutauschen, nur weil sie etwas anderes glauben.

Was macht deiner Meinung nach eine Sekte aus?
Eine Sekte erkennt man an verschiedenen Merkmalen. Zum Beispiel am Schwarz-Weiß-Denken: Dass nur die Mitglieder gut und alle anderen Menschen böse sind. Dann an der Isolation nach außen, dass sie tatsächlich eine geschlossene Gruppe sind und kaum Kontakte zu Leuten von außerhalb haben. Außerdem die Endzeiterwartung, also der Glaube an den Weltuntergang ist ein typisches Sektenmerkmal, wie auch das Heilsversprechen. Das gibt es eigentlich in allen Sekten – dass sich die Mitglieder für die Elite der Menschheit halten und glauben, sie hätten eine ultimative Lösung für alle Probleme gefunden. Das ist im Fall der Zeugen Jehovas die Bibel und der Glaube an das Paradies. Hinzu kommt die hierarchische Struktur, dass es meist so etwas wie einen Sektenführer gibt. Bei den Zeugen Jehovas sind es mehrere. Es gibt eine Gruppe von Männern, die sitzen in New York in der Weltzentrale und regeln alles von oben. Und dann ist die Gedanken- und Gefühlskontrolle natürlich ein wichtiges Merkmal. Es wird so viel mit Scham, Schuldgefühlen und dem Gewissen gearbeitet, dass die Menschen kaum noch eine eigene Persönlichkeit haben. Stattdessen orientiert sich alles immer an einem Regelwerk. Damit geht auch ein hoher Druck einher, wenn man diese Regeln nicht erfüllt. Hier auch das Stichwort Kontrolle: Die Mitglieder versuchen, sich untereinander zu kontrollieren. Wenn sich eine Person nicht an die Regeln hält, wird diese vor der Gruppe verpetzt, gemaßregelt und es gibt Sanktionen.

Glaubst du heute noch an Gott?
Nein. Ich glaube, dass es eine höhere Macht gibt, aber eher so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit oder auch Karma. Ich glaube, wenn du versuchst, ein guter Mensch zu sein, sieht das Universum das irgendwie. Und dass die Menschen, die schlimme Dinge tun, irgendwann ihre Strafe kriegen. Aber ich werde niemals mehr wieder religiös werden, einfach weil ich von Religionen gar nichts halte. Man kann für sich selbst glauben, ohne Vorgaben. Ich bete manchmal, aber zu keinem Gott, sondern zum Universum.

Wie stehst du heute zu den Themen Liebe und Sexualität?
Für mich war es immer ein krasser Punkt, dass die Zeugen Jehovas das Thema Homosexualität als Krankheit ansehen und denken, dass man diese Neigung mit ganz viel Studieren und Bibellesen heilen könnte. Es ist aber gleichzeitig so, dass man mit jemandem vom anderen Geschlecht nicht im selben Raum sein oder viel Kontakt haben darf – man könnte ja in Versuchung geraten. Das führt dazu, dass sich viele gleichgeschlechtlich ausprobieren. Ich habe das auch gemacht, mit einer Freundin. Wir wurden erwischt und mussten dann bis ins kleinste Detail vor ihren Eltern, vor meiner Mutter und vor zwei der Ältesten der Versammlung berichten, was wir gemacht haben, ob uns das gefallen hat und wie oft wir das gemacht haben. Dadurch kannst du dich als Jugendliche gar nicht richtig entwickeln. Es ist schließlich normal, sich mal auszuprobieren. Aber wenn du lernst, dass schon ein Kuss schlecht ist, kannst du dich sexuell nicht entwickeln. Als ich dann draußen war, musste ich auch erst einmal herausfinden: Was will ich persönlich? Natürlich hatte ich mittlerweile Sex vor der Ehe. Ich bin schon offen, aber trotzdem habe ich im Vergleich zu anderen in meinem Alter eher eine konservative Haltung.

Was genießt du am meisten, seitdem du raus bist?
Alles! Dass ich meine eigenen Entscheidungen treffen kann und mein Leben so gestalten kann, wie ich es möchte. Dass ich mich nicht mehr an irgendwelche Regeln oder Vorstellungen anderer Leute zu halten habe, wie sie mich denn gerne hätten. Ich bin jetzt ein freier Mensch und kann selbstbestimmt leben.

Wie sieht dein Alltag heute aus, was machst du so?
Ich mache viel Aktivismus, habe mein Buch geschrieben und bin immer mal wieder auf Lesungen und Veranstaltungen. Dann bin ich Miss Sachsen 2021 und habe eigentlich immer etwas zu tun und viele neue Projekte im Kopf. Ich verbringe gerne Zeit mit meinen Freunden, auch wenn ich das Gefühl habe, Priorität hat meine Mission: Ich möchte etwas verändern, ich möchte mit meiner Erfahrung anderen Menschen helfen. Und das nimmt einfach wahnsinnig viel Zeit in Anspruch. Außerdem arbeite ich als Bibliothekarin. Aber tatsächlich nimmt alles, was ich nebenbei mache, mehr Zeit in Anspruch als mein Hauptberuf.

Ich möchte anderen das Vorbild sein, das ich nie hatte.

Sophie Jones über ihre Mission

Und warum ist es dir so wichtig, mit deinen Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen?
Ich habe mich immer superschlecht gefühlt, auch, als ich draußen war. Ich habe mich nie getraut, über das zu sprechen, was ich erlebt habe – auch nicht Jahre nach dem Ausstieg. Ich hatte immer das Gefühl, dass irgendwas mit mir nicht stimmt, dass ich das Problem bin. Ich habe mich geschämt, konnte nicht glücklich sein und nicht zu mir stehen. Und dann habe ich mich auf YouTube geoutet und das hat mich befreit. Ich hätte so was, was ich jetzt mache, auch gebraucht, als ich jugendlich und schwer depressiv war. Es hätte mir viel gebracht, zu merken, dass ich nicht alleine bin und dass es andere da draußen gibt, die dieselben Probleme haben. Ich möchte den Menschen, die in der Situation sind, in der ich damals war, das sein, was ich damals gebraucht hätte. Ich sehe mich auch in der Verantwortung, weil es mir verhältnismäßig gut damit ergangen ist. Es gibt viele andere, die leiden immer noch. Denen möchte ich eine Stimme geben.

Hast du nach deinem Ausstieg eine Therapie gemacht, um das alles aufzuarbeiten?
Direkt danach nicht, aber das hätte ich definitiv machen sollen. Aber ich habe das gar nicht als Möglichkeit gesehen. In meinem früheren Leben war das nie so präsent, dass man sich Hilfe suchen kann. Im Nachgang ärgert mich das total, denn das hätte mir natürlich wahnsinnig geholfen, besser damit umzugehen. Aber ich habe mir später dann einen Psychologen gesucht, einfach weil ich mich mal durchchecken lassen wollte, ob es mir gut geht, ob es noch was gibt, das in mir rumlungert – ich habe das ein oder andere Trauma mitgenommen, das ist einfach so. Ich finde es wichtig, einen Zugang zu seinem innersten Ich zu finden und auch an sich zu arbeiten.

Hast du rückblickend auch schöne Erinnerungen an die Zeit bei den Zeugen Jehovas?
Ja, es war ja als Kind nicht alles schlecht. Vor allem diese enge Gemeinschaft, dass man das Gefühl hat, man ist auserwählt und hat eine große geistige Familie. Man hat sich immer als etwas Besonderes wahrgenommen. Das war in der damaligen Situation schön. Aber mit dem Wissen von heute hat es einen negativen Beigeschmack.

Du wurdest ja in diesem Jahr Miss Sachsen. Warum hast du da mitgemacht und was bedeutet dir die Auszeichnung?
Ich habe eigentlich nur mitgemacht, um eine größere Plattform für meine Aufklärung zu gewinnen. Es geht heute nicht mehr nur um die Optik, sondern auch um die persönliche Geschichte der Frauen und ihre Mission. Und da habe ich mich direkt angesprochen gefühlt. Im Nachgang würde ich es nicht noch einmal machen. Ich habe umwerfende tolle Frauen kennengelernt, aber hinter dem Titel steht eigentlich nichts dahinter.

Wie geht es für dich weiter, was ist geplant?
Ich liebe das Schreiben und arbeite gerade an einem Thriller. Und eigentlich würde ich auch supergerne noch ein Buch über Depressionen schreiben. Es gibt viele Menschen, die darunter leiden, aber es ist wie mit der Sektenaufklärung: Viele trauen sich nicht, darüber zu sprechen, auch wenn es im Umfeld Betroffene gibt. Ich würde auch darüber gerne mehr aufklären und dabei helfen, dieses Thema zu enttabuisieren.

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