Meinung

Wie politisch ist Mode?

Sechs Frauen stehen auf einem umzäunten Basketballplatz.
Senden wir durch unsere Outfits eine politische Botschaft?

Mode und Politik – zwei Lebensbereiche, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören. Doch welche Kleidung jemand trägt, kann auch Aufschluss über politische Einstellungen geben: vom T-Shirt mit eindeutigem Statement bis hin zu ganzen Stilrichtungen, die schnell Aufschluss darüber geben, welchem politischen Spektrum jemand zuzuordnen ist.

Xenia Beitz, funky-Jugendreporterin

Es gibt wohl keine deutsche Stadt, in der die Welt der Mode und die Welt der Politik so nah beieinander liegen wie Berlin. Auf der einen Seite: die Hauptstadt die Stadt der Fashion Victims. So gilt Berlin mittlerweile schon seit Jahren als Keimzelle für die neuesten Trends: Von klobigen Schuhen im 90er-Look bis hin zu auffallend weit geschnittenen Hemden, Shirts und Pullovern – hier wird in Sachen Mode der Ton angegeben.

Auf der anderen Seite: Die Welt der Politik, in der im Bundestag und Kanzleramt tagtäglich wichtige Entscheidungen für das ganze Land gefällt werden. Es ist eine Welt, welche sich mit ernsten Themen wie der Klimakrise, Kinderarmut und der internationalen Konfliktlösung beschäftigt. Und diese beiden Welten haben mehr gemeinsam, als man zunächst vermuten mag.

Mode als politische Stimme

Wie sagt man so schön: „Kleider machen Leute“. Schon zu früheren Zeiten war Mode ein Ausdruck der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. So ließ sich die Standeszugehörigkeit und damit verbundene Rechte und Privilegien in fast jeder Epoche an der Kleidung von Personen erkennen. Auch in der jüngeren Vergangenheit waren Mode und Politik stets miteinander verbunden. 1948 etwa verpackte der US-amerikanische Präsidentschaftskandidat Thomas Dewey politische Aussagen geschickt in Mode. So ließ der Politiker eigens zur Wahl T-Shirts mit dem Slogan: „Dew it with Dewey” bedrucken.

Sogenannte Statement-Shirts sind die einfachste und deutlichste Art, politische Äußerungen mittels Kleidung öffentlichkeitswirksam zur Schau zu stellen. Doch auch ein bestimmter Modestil kann zum Statement werden. In den 1970er- und 1980er-Jahren war der Punk ein solches Beispiel.

Ausstaffiert mit zerrissenen Kleidungsstücken, die durch Sicherheitsnadeln zusammengehalten und mit Nieten geschmückt wurden, Lederjacken, die häufig provokante Slogans und Anarchie-Symbole zur Schau trugen und bunte Frisuren, nicht selten zum Irokesen-Schnitt gestylt, konnte man die politische Gesinnung wortwörtlich von Weitem erkennen. Auf diese Weise bekannten sich viele junge Menschen deutlich als linkspolitisch und brachten mit ihrer Kleidungswahl ihre Frustration und ihre Kritik am politischen Establishment der Zeit zum Ausdruck.

Die Hippie- und Flower-Power-Bewegung der 68er-Generation verstand es ebenfalls, politische Forderungen nach sexueller Befreiung und einer Beendigung des Vietnam-Kriegs mittels eigenem Kleidungsstil in Szene zu setzen. Eindeutige Erkennungsmerkmale waren die weite Kleidung mit buntem Blumen- oder Ethnomuster, Lederstiefel, Schlaghosen, bunte Haarbänder und die klassische „John-Lennon-Brille“.

Die Fashionindustrie hat etwas zu sagen

Aber schauen wir doch mal, was heutzutage so über die Straßen und Laufstege spaziert. Aktuelle Themen mit politischen Bezügen zu Feminismus oder der #Metoo-Bewegung und Rassismus werden von der Mode aufgegriffen und von ihr weiterverbreitet. Die Designerin Maria Grazia Chiuri etwa ließ in einer Dior-Fashion-Show alle Models mit dem bedruckten Shirt „We should all be feminists” über den Catwalk laufen.

Besondere Aufmerksamkeit erregten auch die Golden Globes 2018, wo die meisten Stars schwarz gekleidet den roten Teppich betraten. Sie setzten damit ein Zeichen gegen sexuelle Belästigung in der US-Unterhaltungsindustrie. Schon länger bekannt für politische Statements in der Mode ist Vivienne Westwood. Die mittlerweile 89-jährige Modedesignerin hatte schon immer etwas zu sagen, auch in der häufig als oberflächlich wahrgenommenen Fashionbranche. Ob Klimawandel, Brexit, Freiheit oder Menschenrechte: Auf dem Laufsteg macht sie mit ihrer Mode auf viele Themen aufmerksam.

Die Rolle von Kleidung in der Politik

Doch nicht nur auf dem Laufsteg ist Mode politisch, sondern auch – Überraschung – direkt in der Politik. Beispielsweise lassen sich Politiker vermehrt Bärte wachsen, wenn sie ihre Zugehörigkeit zum linken Spektrum betonen möchten. Mit hochgekrempelten Hemd-, Blusen- oder Jackenärmeln soll signalisiert werden: Ich bin bürgernah, ich kann anpacken.

Ein berühmtes Beispiel ist auch Joschka Fischer, der bei seiner Vereidigung als hessischer Umweltminister weiße Nike-Turnschuhe trug – und sich damit deutlich von anderen Politiker*innen abhob. Mit seinen blitzenden Tretern zeigte er: Ich bin jung, ich bin rebellisch, ich provoziere gerne die konservativeren Parteien. Eine Verknüpfung zwischen Mode und Politik ist kaum offensichtlicher als hier. 

Es wird deutlich, dass die beiden Welten Mode und Politik eng miteinander verbunden sind. Mode kann ein Mittel sein, um eine politische Meinung kundzutun oder um auf ein aktuelles Thema aufmerksam zu machen, denn ja, Kleidung hat eine Aussage. Aber genau an diesem Punkt kommt die Macht der Mode schon an ihre Grenzen, denn für Veränderungen braucht es dann doch mehr als „nur“ das Tragen eines ausdrucksstarken Shirts.

Wir brauchen Veränderung in der Fashion-Industrie

Abgesehen davon ist natürlich auch die Fast-Fashion-Industrie zu hinterfragen. Statt nur auf dem Laufsteg auf die großen Weltgeschehnisse aufmerksam zu machen, wäre etwas mehr Selbstkritik in der Branche durchaus wünschenswert. Entsprechenden Bekundungen dann auch handfeste Taten folgen zu lassen, beispielsweise für faire Bezahlung der zahlreichen Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken zu sorgen oder wirksame Maßnahmen für einen geringeren CO₂-Ausstoß umzusetzen, wären noch wichtigere Schritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Veränderung in der Mode-Industrie.

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