Meinung

Bin ich ein Yuppie?

Menschenmenge bei einem Protest für bezahlbaren Wohnraum.
Bezahlbarer Wohnraum für alle - in vielen Innenstädten eine Utopie.

Was Gentrifizierung für junge Leute bedeutet. Ein Erfahrungsbericht

Knut Löbe, funky-Jugendreporter

Ich bin Zugezogener in Berlin – der Hauptstadt der Gentrifizierung. Mehr als 30 Jahre nach dem Mauerfall hat sich hier so einiges geändert. Eine einst lebhafte Hausbesetzerszene wurde durch frisch sanierte Altbauwohnungen ersetzt und die Mieten explodieren längst nicht mehr nur im Stadtkern. Das Stadtbild verändert sich.

Einkommensschwächere Haushalte werden von einkommensstarken Haushalten aus der Innenstadt verdrängt – was die Suche nach einer zentral gelegenen und bezahlbaren Wohnung zu einem Ding der Unmöglichkeit macht. Ebenso gut könnte man nach der allbekannten Nadel im Heuhaufen Ausschau halten. Aber was bedeutet die Gentrifizierung eigentlich für junge Leute? 

Wohnungssuche in deutschen Großstädten heißt: Wohnungsanzeigen sichten, in denen Vermieter horrende Summen an Abschlag für alte Möbel verlangen, und Dutzende Anfragen senden, auf die kaum mal eine Antwort folgt. Wer in Städten wie Hamburg oder Berlin etwas finden möchte, der braucht das Privileg von viel Vitamin B. Ohne die richtigen Kontakte drängelt man sich bei der Massenbesichtigung gemeinsam mit Dutzenden anderen Bewerber*innen durch volle Treppenhäuser, begleitet von der ernüchternden Vorahnung, dass ohnehin der dickste Gehaltscheck den Einzug feiern wird. Wer BAföG bekommt oder gerade mit der Ausbildung begonnen hat, kann eigentlich sofort wieder den Rückzug antreten.

Der Wohnungsmarkt hat mich schon oft genervt. Gleichzeitig frage ich mich: Bin ich womöglich selbst einer dieser Yuppies, die für die Nachfrage nach Wohnungen sorgen, die die Taschen skrupelloser Miethaie füllen und langfristig Menschen aus ihren Kiezen verdrängen? Schließlich bin ich selbst einer der Zugezogenen, die für die Veränderung des Stadtbilds sorgen.

Ein radikaler Lösungsansatz wäre also, das Problem nicht nur anzuerkennen, sondern gleichzeitig auch aktiv das eigene Leben umzugestalten. Das könnte dann aber eben auch bedeuten, eben nicht in die Großstadt zu ziehen. Leider würde dies das Problem der Gentrifizierung aber auch nicht lösen – zumindest nicht, wenn man das Ganze auch nur im Ansatz realistisch betrachtet. Es müssten sich ganz schön viele, von schlechtem Gewissen geplagte Leute der Großstadtflucht anschließen, um der Verdrängung ein Ende zu setzen. Zumal es auch in ländlichen Regionen zu Gentrifzierung kommen kann. 

Fakt ist: Wohnraum ist heutzutage Spekulationsobjekt, es geht um knallharten Profit, und ein Grundrecht, nämlich das Grundrecht auf Wohnraum, wird uns als Luxus verkauft. Ich finde das frustrierend. Wie gut, dass wir die Politik in die Pflicht nehmen können! Zum einen mit unserer Stimme bei der Wahl, aber auch, indem wir selber aktiv werden. In Berlin hat es eine Initiative bereits geschafft, genügend Stimmen zu sammeln, um einen Volksentscheid herbeizuführen.

Die Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ will die Wohnungskrise in der Hauptstadt beenden. Dafür will man private Wohnungsbaugesellschaften enteignen und mit Milliardenbeträgen entschädigen. Der Wohnraum soll anschließend vergesellschaftet werden. Insgesamt geht es um 240.000 Wohnungen in der Hauptstadt. Das Ziel: Mit Wohnraum soll gemeinwirtschaftlich und nicht mehr profitorientiert umgegangen werden. 

Ich bin überzeugt davon, dass mehr Wohnraum in öffentlicher Hand steigende Mieten verhindern kann und gefördertes Wohnen zu bezahlbaren Preisen ermöglicht. Ob es nun jetzt nach dem Volksentscheid wirklich zu einem Enteignungsgesetz kommen wird, wird sich zeigen. Klar ist aber, dass etwas passieren muss, um die Mieten endlich zu deckeln. Schließlich sind rasant steigende Mieten nicht mehr zu rechtfertigen. Mein Zimmer bleibt auch nach der fünften Mieterhöhung immer noch gleich groß.

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