Interview

Prof. Dr. Sighard Neckel: „Scham schützt unsere eigene Integrität“

Junge Frau hält Hand vor ihr Gesicht
Scham hat eine wichtige gesellschaftliche Funktion.
Prof. Dr. Sighard Neckel
Prof. Dr. Sighard Neckel über die gesellschaftliche Relevanz von Scham.

Wer kennt es nicht: Eine unbehagliche Situation lässt dich nervös werden, gefühlte tausend Augenpaare sind auf dich gerichtet, die Röte schießt dir in den Kopf. Kurz gesagt: Du schämst dich! Aber wofür eigentlich und vor wem? Wäre es nicht einfacher, frei von Zwängen und Schamgefühlen zu leben?

Knut Löbe, funky-Jugendreporter

Sighard Neckel hat die Antworten parat. Er ist Professor für Soziologie an der Universität Hamburg und beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Ursachen und Funktionen von Gefühlen. Im Interview erklärt er, warum Scham keinesfalls aus der Gesellschaft verschwinden dürfte.

Herr Neckel, wie genau lässt sich Scham erklären und worauf geht das Gefühl zurück, das wir alle schon einmal erlebt haben?
Schamgefühle entstehen meistens unter dem Blick wirklicher oder vorgestellter Dritter, die etwas an mir bemerken könnten, was ich eigentlich gerne verbergen möchte. Dann befürchte ich, dass andere möglicherweise ein negatives Bild von mir bekommen könnten. Scham ist daher ein soziales Gefühl, weil es eben nicht alleine in mir aufkommt, sondern die Voraussetzung hat, dass ich entweder tatsächlich einen anderen Akteur vor mir habe oder mir vorstelle, Dritte könnten etwas Unvorteilhaftes von mir sehen. In einer solchen Situation, so sagt man soziologisch, trifft zweierlei aufeinander: das ideale und das reale Selbstbild. Also zum einen, wie ich sein möchte, zum anderen das, wie ich tatsächlich in einer bestimmten Situation bin. Wenn das reale Selbstbild nicht dem entspricht, was ich anderen gegenüber verkörpern möchte, entsteht das altbekannte Gefühl, am liebsten im Boden versinken zu wollen – eben weil ich aus dem Blick der anderen verschwinden möchte.  Anlass für das Schamgefühl ist immer ein Verstoß gegen bestimmte Normen. Aber Achtung: Der eigentliche Auslöser des Schamgefühls ist nicht ein Normenverstoß selbst, sondern die Vorstellung, dass andere von diesem Verstoß wissen. Das ist ein Hinweis darauf, dass das Schamgefühl immer mit einer bestimmten Furcht verbunden ist, nämlich in den Augen anderer an Achtung, Anerkennung und Wertschätzung zu verlieren. Scham ist ein Gefühl der Bloßstellung, und dieses Gefühl ist mit der Angst verbunden, kein anerkanntes Mitglied in meiner Bezugsgruppe mehr zu sein. 


„Wir können uns keine Gesellschaft der Schamlosigkeit wünschen“

Hält man sich aus dieser Furcht heraus an gesellschaftliche Normen?
Richtig. Scham dient der sozialen Kontrolle zwecks Einhaltung bestimmter Normen. Aus der Angst heraus, beschämt zu werden, halte ich mich an bestimmte Regeln, damit ich von anderen nicht blamiert werde. Die Bestrafung, die ansonsten winkt, ist keine gesetzliche oder juristische Strafe, sondern passiert im alltäglichen Umgang mit anderen, indem sie sich zum Beispiel über mich lustig machen oder mit Herabsetzung auf mich reagieren. Scham als eine soziale Kontrollinstanz ist allerdings nur eine Facette dieses komplexen Gefühls. Scham ist auch ein Wertgefühl. Sie hindert mich daran, mich nach außen völlig zu entblößen, und sollte auch andere daran hindern, mich bloßstellen zu wollen. Die Zurückhaltung, die mir das Schamgefühl auferlegt, dient also auch dazu, die Integrität einer Person zu bewahren. Beide Aspekte zusammen spielen eine große Rolle und haben eine wichtige Funktion für das Zusammenleben von Menschen. Wir können uns keine Gesellschaft der Schamlosigkeit wünschen, weil Menschen dann ohne Rücksichtnahme auf die Empfindungen anderer und auch ohne die Angst vor dem eigenen Achtungsverlust  einfach tun und lassen würden, was sie wollen. Zugleich kann Scham aber auch durch Beschämungen hervorgerufen werden, um Abweichler, Außenseiter, Minderheiten oder Fremde herabzuwürdigen. All dies macht das Schamgefühl so schillernd und vielgestaltig.

Scham dient der sozialen Kontrolle zwecks Einhaltung bestimmter Normen.

Gibt es unterschiedliche Formen der Scham?
Ich unterscheide zwischen moralischer und sozialer Scham. Wir kennen das Schamgefühl, wenn wir etwas Unrechtes getan haben. Da geht Scham sehr stark mit Schuldgefühlen einher, weil es moralische Normen sind, die das Schamgefühl hervorgelockt haben. Soziale Scham entsteht, wenn ich mich an bestimmte soziale Konventionen nicht halte. Wenn ich beispielsweise falsch angezogen oder zu dick bin oder ich nicht so gut reden kann, wie andere das tun – das alles sind ja keine moralischen Normenverstöße. Das kann man unschön finden, ist aber nicht moralisch falsch. Gerade bei Jugendlichen spielt die soziale Scham eine große Rolle, wenn man sich nicht an die konventionellen Gruppennormen gehalten hat. Außerdem sind Kinder und Jugendliche häufiger mit Gefühlen von Scham und Peinlichkeit konfrontiert, weil sie die Normen erst lernen müssen und sie ihre ersten Gruppenerfahrungen sammeln.

„Das Schamgefühl gehört zu den ‚Basisemotionen‘“

Lässt sich dieses Gefühl steuern oder gar abtrainieren?
Das Schamgefühl gehört zu den sogenannten „Basisemotionen“. Alle Kulturkreise kennen Scham und Beschämung. Es ist ein Gefühl, das insofern angeboren ist, als dass wir eben von Natur aus soziale Wesen sind. Der Mensch ist kein „Nestflüchtling“, sondern ein „Nesthocker“: er ist auf andere Menschen angewiesen und entwickelt sich und seine Fähigkeiten nur in der Interaktion. Gleichwohl ist Scham nicht einfach biologisch erklärbar, vielmehr wirken biologische und kulturelle Faktoren zusammen. Die konkreten Anlässe einer Beschämung variieren unendlich in der Historie und den menschlichen Kulturkreisen und auch in verschiedenen sozialen Milieus. Gefühle lassen sich insgesamt nur bis zu einem gewissen Grad steuern. Gefühle tragen immer etwas Unwillkürliches in sich, das sich der Steuerung entzieht. Das ist auch beim Schamgefühl so.

In unserer Wettbewerbsgesellschaft spielt der Vergleich eine große Rolle.

Wird Scham mit mehr Lebenserfahrung weniger?
Manifeste Scham tritt vor allem unter Heranwachsenden auf. Man lernt als Jugendlicher ja erst, sich im Gruppenleben zu bewegen, und stößt dabei vielfach auf Probleme, Schwierigkeiten und Widerstände. Dies ist häufig mit Schamgefühlen verbunden. Außerdem experimentiert man als heranwachsende Person herum, weil man herausfinden möchte, wer man eigentlich ist und sein möchte. Das bedeutet auch, dass man bei diesen Experimenten mit dem eigenen Selbst scheitern kann: Ich tue so als ob, merke aber, dass ich das gar nicht bin. Dann schäme ich mich möglicherweise auch vor mir selbst. Im Erwachsenenleben ist man für gewöhnlich nicht mehr so stark in einer biografischen Findungsphase. Erwachsene geben ihre Schamgefühle aber häufig auch gar nicht erst zu. Scham ist immer auch eine Empfindung von Schwäche und Verletzbarkeit – Erwachsene möchten aber stark und souverän erscheinen. Aber natürlich ist ganz klassisch der Körper einer Person auch im Erwachsenenalter immer wieder ein Gegenstand von Scham und Peinlichkeit. Dazu kommt der gesellschaftliche Erfolg oder Misserfolg als Anlass von Beschämungen. In unserer Wettbewerbsgesellschaft spielt der Vergleich eine große Rolle. Und das nicht nur im Berufsleben. Social Media wie Instagram oder Facebook sind regelrechte Kraftwerke von Scham und Beschämung. Man möchte anderen zeigen, wie toll man ist, was man wieder Großartiges erlebt hat, und das eigene Leben als eine Kette von Erfolgen und schönen Erlebnissen darstellen. Zwar weiß jeder, dass das ein Spiel ist. Trotzdem spielen es sehr viele mit, und das hinterlässt bei jedem Einzelnen auch viele negative Gefühle.

„Unsere soziale Platzierung hängt von vielen Faktoren ab, auf die wir selber gar keinen Einfluss haben.“

Wie können wir überwinden, dass Menschen Scham aufgrund ihres sozialen Status empfinden?
Gehen wir zum Beispiel einmal in der Geschichte des Christentums zurück, sehen wir, dass Armut  nicht immer mit Scham verbunden war. Der Arme hatte gewissermaßen seine eigene Würde, weil Gott ihn kannte. Das ist in der modernen Gesellschaft anders. Hier herrscht die Annahme vor, dass jeder selbst für seinen Platz in der Gesellschaft verantwortlich ist. Soziologisch muss man sagen, dass diese Annahme falsch ist. Unsere soziale Platzierung hängt von vielen Faktoren ab, auf die wir selber gar keinen Einfluss haben. Das fängt mit der Familie an, in die wir hineingeboren werden, vom Stadtviertel, in dem wir aufwachsen, und von den Schulen,  die wir besuchen. Trotzdem wird heute häufig gesagt, am Ende sei doch jeder selbst für seine Lage verantwortlich. Daraus folgt, dass diejenigen, die keinen anerkannten Platz in der Gesellschaft finden, mit der Wahrnehmung konfrontiert sind, der Grund für ihre Situation sei ihr eigenes Versagen. Das weckt natürlich Unterlegenheits- und Minderwertigkeitsgefühle und kann dazu führen, dass wir uns im Vergleich mit anderen unserer Existenz schämen.

Was man dagegen machen kann?
Das beste Mittel dagegen ist, Armut zu bekämpfen. Armut ist immer eine Lage, in der man von anderen Menschen abhängig ist. Diese existenzielle Abhängigkeit – von Institutionen, von Behörden, von Ämtern, vom Mitleid anderer – verletzt gerade bei Erwachsenen den Anspruch, für sich selbst sorgen zu können und selbstständig zu sein. Früher hatte die Kirche Deutungsmacht über unser Schamgefühl. Wer hat sie heute? Die Kirche gehört heutzutage nicht mehr dazu. Das Schamgefühl war früher oftmals mit dem Begriff der Sünde verbunden. Ich will nicht sagen, dass die Kirche heutzutage gar keinen Einfluss mehr hat. Heute sind es aber vor allem gesellschaftliche Instanzen, die Einfluss auf unser Gefühlsleben nehmen. Wir haben in der Gesellschaft beispielsweise eine klar erkennbare Skala von unten und oben. Das allein schon führt dazu, dass diejenigen, die oben auf der Skala stehen, sich als „besser“ empfinden. Wenn ich aber mit Tausenden anderen in gleichförmigen Mietskasernen in einer Stadtrandsiedlung wohne, dann ist jedem klar, dass das eine schlechtere Position in der Gesellschaft ist, die im Vergleich zu anderen nicht mithalten kann. Das provoziert Schamgefühle, aber auch sogenannte „Scham-Wut-Spiralen“. Das Schamgefühl richtet sich ja gegen das eigene Selbst: Man kommt sich klein und mickrig vor. Das ist eine unangenehme und oft unerträgliche Gefühlslage, aus der ich mich befreien kann, indem ich meine Gefühle aggressiv nach außen richte, gegen diejenigen, die mir das wirklich oder vermeintlich angetan haben. Allein schon die klar sichtbare Skala von oben, Mitte und unten reicht für solche Gefühlsbewegungen aus. Sie sorgt dafür, dass es auf der einen Seite die Überheblichkeit und Selbstgewissheit derjenigen gibt, die tatsächlich denken, sie hätten sich alles selbst zu verdanken. Und auf der anderen Seite stehen die Niedergedrücktheit und verborgene Scham der Menschen, die es nicht so weit geschafft haben. Für Jugendliche spielen Social Media dabei eine besondere Rolle. Alle Social-Media-Kanäle produzieren Vorbilder, Ideale und Maßstäbe, denen man genügen soll. Je mehr solche Maßstäbe erzeugt werden, umso mehr Anlässe gibt es, sich selbst als unzulänglich und mangelhaft zu empfinden. Für die heutige Lebenswelt von Jugendlichen ist das von ziemlich großer Bedeutung.

Haben Sie Tipps, wie man lernen kann, mit Scham umzugehen?
Das ist eine schwierige Frage. Zu Beginn sagte ich ja, dass Scham eine soziale Sanktion ist und zugleich ein individuelles Wertgefühl. Man sollte sich dieses Wertgefühl der Scham nicht rauben lassen. Es hat schon seinen Sinn, dass wir Scham empfinden. Scham schützt unsere eigene Integrität und die Integrität anderer Menschen. Das Schamgefühl sorgt dafür, dass es zwischen Menschen eine gewisse Distanz gibt, und die ist wichtig, damit wir uns als Individuen entwickeln können. Auch kann man die Verkürzung einer persönlichen Distanz nur dann als etwas Wertvolles erleben, wenn es diese Distanz zuvor gegeben hat. Und die erlebnisreichste Verkürzung von Distanz ist dann eben die Intimität. Bei der Beschämung als einer Art sozialer Kontrolle sollte man versuchen, sich nicht von den augenblickshaften Urteilen und Bewertungen anderer vollkommen abhängig zu machen. Wenn man meint, ich entgehe der Scham, je mehr ich mich anderen anpasse, dann verliert man sich selbst und entgeht ihr am Ende doch nicht, weil man dann eben dafür beschämt werden kann, dass man gar nichts Besonderes hat.

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