Zündstoff Polyamorie – lieben oder lassen?

Drei Menschen im Bett
Im Gegensatz zur Monogamie ist es in der Polyamorie normal, emotionale Bindungen zu mehr als einer Person einzugehen.

In einem Punkt sind sich wohl alle einig: Es wird immer Menschen geben, mit denen man sich uneinig ist. In dieser Rubrik diskutieren junge Menschen über Themen, die für ordentlich Zündstoff sorgen.

Gerade in langfristigen Beziehungen kommt für viele Paare häufig der Punkt, an dem sich eine der Parteien oder beide fragen, wie natürlich es eigentlich ist, sich lebenslang nur auf eine Person festzulegen. Ist Monogamie einfach ein überholtes Wunschmärchen, das realitätsferne Romantikschnulzen und (kirchlich) konservativ geprägte Vorstellungen kreiert haben? Oder machen monogame Beziehungen nach dem Motto „Wir zwei gegen den Rest der Welt“ im Endeffekt doch glücklicher?

Ein Gegenentwurf zum Konzept der allseits bekannten Monogamie ist die Polyamorie. Bei diesem Modell geht es um die bewusste Entscheidung, Liebesbeziehungen zu mehreren Personen gleichzeitig im Einverständnis aller Beteiligten eingehen zu dürfen. Polyamorie bezieht sich dabei aber nicht nur auf sexuelle Handlungen, sondern bedeutet in den meisten Fällen, dass sich die beteiligten Personen auch auf romantische und tiefergehende Beziehungen mit mehr als einem Partner oder einer Partnerin einlassen. Doch was spricht dafür, was dagegen?

PRO: Freiheit als natürliches Grundbedürfnis

Sarah Melziarek, funky-Jugendreporterin

Jeder Mensch ist frei. Inzwischen sollte den meisten klar sein, dass Besitzergreifung in einer Beziehung fehl am Platz ist. Allerdings bedeutet Monogamie meist per se der Verlust vieler Freiheiten und geht mit Besitzansprüchen einher, möglicherweise auch unbewusst. Bei der Polyamorie bleiben trotz Beziehung alle Freiheiten erhalten, wodurch sich der oder die Einzelne weiterhin frei entfalten kann. Langeweile, ein Gefühl der Einengung oder Fremdgehen: Diese Probleme treten in polyamorösen Beziehungen zu großer Wahrscheinlichkeit gar nicht erst auf. Und besteht der Grundsatz wahrer Liebe nicht darin, dem Partner oder der Partnerin uneigennützig nur das Beste zu wünschen und zu gönnen?

Ungefähr jeder Dritte in Deutschland ist mindestens schon einmal fremdgegangen, wie eine Studie der Partnervermittlungsbörse Elite Partner im Jahr 2020 aufzeigte. Könnte diese Zahl nicht  für die Theorie des polyamoren Beziehungsmodells sprechen? Ein Großteil der Wissenschaft geht davon aus, dass der Mensch bis zum Zeitpunkt der Sesshaftigkeit mit mehreren (Sexual-)Partnerinnen und -Partnern in Gruppen zusammenlebte. Dadurch bestand ein stabiles Netz für Nachkommen, das nicht nur einen Vater, sondern gleich mehrere Menschen in die Verantwortung zog und so bessere Überlebenschancen sicherte. Im Zuge der Sesshaftigkeit und der Einführung der Ehe wurde Monogamie zur Norm, was vor allem patriarchale Strukturen begünstigte: die Frau als Besitzeigentum des Mannes. Historisch gesehen entspricht Monogamie nicht der menschlichen Natur und trug vielmehr zur Unterdrückung der Frau bei. Auch die Pädagogin, Paar- und Sexualtherapeutin Gertrud Wolf bestätigt im Interview mit der „Deutschen Welle“: „Menschen sind von Natur aus nicht monogam.“

Während es in der Polyamorie völlig normal ist, mehrere Menschen anziehend zu finden, wird diese Denkweise in der Monogamie tabuisiert. Letzteres kann jedoch Probleme wie Besitzansprüche, Unehrlichkeit und erzwungene Nähe fördern. Nur selten wird über die eigenen Bedürfnisse so offen und ehrlich wie in Poly-Beziehungen kommuniziert, da Probleme wie Eifersucht oder Unsicherheit sich hier deutlich schwerer unter den Teppich kehren lassen. Um die Beziehung aufrechtzuerhalten, geht es bei polyamoren Menschen daher oft viel kommunikativer und ehrlicher zu. Dadurch erfordert und fördert Polyamorie unterm Strich auch mehr Selbstreflexion.

CONTRA: Zeittechnisch absolut unrealistisch

Knut Löbe, funky-Jugendreporterin

Um eine Beziehung zu führen, braucht es – so unromantisch es klingen mag – Zeit. Mit jemandem viel Zeit zu verbringen, bedeutet, diese Person wertzuschätzen. Das gilt für Freundschaften, Familie, die eigene Beziehung und genauso für jeden und jede selbst. Zeit ist wertvoll, weil  man in der Regel selten viel davon hat. Früher oder später wird ein großer Teil der eigenen Zeit von einer Arbeit gefüllt, die man machen muss, um sein eigenes Leben zu finanzieren. Auch wenn dieses Lebensmodell eine wenig attraktive Vorstellung ist, basteln die meisten jungem Menschen sich letzten Endes ihr Leben nach altbewährtem Modell zusammen. Schließlich ist es gar nicht so einfach, aus diesen Mustern auszubrechen. Doch was hat das alles mit Polyamorie zu tun?

Zuallererst: Dass ein Liebeslebens mit mehreren Partnerinnen und Partnern funktioniert, ist nicht auszuschließen. Ganz im Gegenteil, es ist beeindruckend, wenn Menschen ihr Leben auf diese Art gestalten. Dennoch scheitert dieses Beziehungsmodell häufig daran, dass die Zeit und Energie fehlt, um mehrere Beziehungen gleichzeitig zu führen. Wie müsste man solch ein Liebesleben überhaupt zeitlich priorisieren? Wäre darauf zu achten, das Zeitmanagement gerecht zu gestalten? Schließlich möchte man den Partnerinnen und Partnern gerecht werden. Da klingt Liebe, die doch eigentlich der Inbegriff von Unbeschwertheit ist, auf einmal nach Effizienz-Flipchart im tristen Großraumbüro.

Aber: Trotzdem ist es ein utopischer Gedanke, dass man für den Rest seines Lebens in nur einer Beziehung genau das findet, was man sucht. Eine Beziehung zu öffnen, wie es so schön heißt, könnte eine alternative Möglichkeit sein.

Es ist also nicht unbedingt das Thema Eifersucht, das an einer polyamoren Beziehung zweifeln lässt, sondern vielmehr der soziale Stress und die realitätsfernen Erwartungshaltungen, die an die involvierten Personen gestellt werden.


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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.