Interview

Zwillinge im Interview: „Wir sind schnell eigene Wege gegangen“

Die Zwillinge Erik und Adrian.
Die Zwillinge Erik und Adrian.

Zwillinge sind von Beginn ihres Lebens an immer zusammen, feiern Geburtstage gemeinsam und werden immerzu mit ihrer Ähnlichkeit konfrontiert. Doch was macht das eigentlich mit einem in einer Welt, in der Individualität das höchste Gebot zu sein scheint? Die zweieiigen Zwillinge Adrian und Erik (25) haben uns verraten, warum Trennung gut tun kann und wieso man sich auch als Zwillinge nicht zwangsläufig mehr ähneln muss als andere Geschwisterpaare.

Tamina Grasme, funky-Jugendreporterin

Saht ihr euch als Kinder sehr ähnlich? Viele Zwillinge bekommen von den Eltern ja die gleichen Outfits und Haarschnitte verpasst.
Adrian: Wir haben eine Mutter, die selbst ein zweieiiger Zwilling ist. Daher wusste sie aus eigener Erfahrung, dass man Zwillinge zumindest ein wenig trennen sollte. Sie hat uns von Anfang an immer unterschiedliche Farben gekauft: Ich habe alles in Blau bekommen, Erik alles in Rot. Auch bei den Haaren hat sie das so durchgezogen.
Erik: Selbst als sie gleich lang waren, hatten wir nicht die gleiche Frisur. Und irgendwann hat sich das so ausdifferenziert, dass ich immer kürzere und Adi immer längere Haare hatte. Ich wollte immer ganz früh schon kurze Haare haben, Mama wollte das nicht. Aber je autonomer ich wurde, desto kürzer wurden die Haare. Eine lineare Entwicklung. 

Wie sah das mit gemeinsamen Hobbys oder Interessen aus?
Adrian: Heute segeln wir gerne mal zusammen. Das war’s aber auch schon an gemeinsamen Hobbys. Ich glaube, unsere Mutter hat das in unserer Kindheit versucht, so gut wie möglich zu trennen, und war dabei sehr erfolgreich. Wir waren eigentlich immer in unterschiedlichen Sportvereinen. Wir haben unterschiedliche Musikinstrumente gespielt und haben nur ein paar AGs in der Schule zusammen belegt. Nur im Kindergarten haben wir den gleichen Schwimmunterricht besucht.
Erik: Gut, ja, aber wenn man Zwillinge hat, die beide im Alter von 4 Jahren schwimmen lernen sollen, dann würde ich die jetzt auch nicht in zwei verschiedene Vereine stecken.
Adrian: Zumindest nicht, wenn man nicht den ganzen Tag hin- und herfahren will.

Ging die Trennung eurer Freizeitgestaltung auch von euch aus, um euch voneinander abzugrenzen?
Erik: Ich glaube, dass uns relativ früh auch niemand mehr hauptsächlich als Zwilling wahrgenommen hat. Wenn wir heute auf eine Party gehen, dann glaubt uns immer keiner, dass wir Zwillinge sind.
Adrian: Das stimmt. Aber ich glaube, es gab Momente, wo wir mehr Zeit miteinander verbringen hätten können und es bewusst nicht gemacht haben. Wir wollten nicht in denselben Sportverein. Wir wollten nicht dasselbe machen. Und wahrscheinlich hat sich der Einfluss unserer Mutter da mit unserem eigenen Interesse, weniger Zeit miteinander zu verbringen, ergänzt. 

Ihr seid zunächst auf die gleiche Grundschule gegangen. Wurdet ihr damals als „die Zwillinge“ wahrgenommen?
Erik: Nein, in meiner Erinnerung nicht.
Adrian: Von den Lehrern vielleicht! Die Lehrer haben uns immer miteinander verglichen. Meine Lehrer haben mir häufig gesagt, welche Note mein Bruder für eine Arbeit bekommen hat.

Wurdet ihr außerhalb der Schule miteinander verglichen?
Adrian: Von Dritten nicht wirklich. Aber wir haben uns gegenseitig verglichen. Ich meine, wir haben uns immer gegenseitig gepusht, wer vom höheren Sprungbrett im Schwimmbad springt und so was.
Erik: Uns war immer klar, wenn der eine was Dummes macht, kann das der andere auch. Wenn Adi irgendwo heruntergesprungen ist, dann war für mich klar: Das muss bei mir auch drin sein. Oder andersherum: So schlimm kann es nicht sein.
Adrian: Als Kind hat es mich schon geärgert, wenn du etwas konntest und ich nicht.
Erik: Für mich war das nicht so ein Thema. Es gab Sachen, die Adi konnte und ich dafür nicht. Aber vielleicht ist das jetzt auch ein verzerrter Rückblick? Aus heutiger Perspektive würde ich sagen: Adi konnte zum Beispiel skaten. Das war cool, und ich konnte es nicht. Aber deswegen hatte ich jetzt nicht die Ambition zu skaten, das hat mich nicht angefixt.
Adrian: Vielleicht war das Skaten meine Nische, wo ich mir gedacht habe: „Ah, das kann ich, aber Erik nicht.“ Bevor ich das hatte, hat es mich mehr geärgert, wenn du etwas konntest und ich nicht. Danach war es mir weniger wichtig.

Zwillingen wird oftmals eine besonders enge Beziehung zueinander nachgesagt. Wie ist das bei euch?
Adrian: Als Kinder haben wir sehr viel miteinander gestritten. Ich glaube, es war sehr schwierig, uns in Kombination auszuhalten. Je seltener wir uns gesehen haben, desto besser haben wir uns eigentlich verstanden. Wenn wir uns mal zwei Wochen lang nicht gesehen haben, lagen wir uns danach in den Armen und haben gar nicht gestritten. Dann wurde es nach und nach wieder mehr. Durch die zunehmende Trennung durch unterschiedliche Klassen und dann durch verschiedene Schulen wurde unsere Beziehung immer besser.
Erik: Genau, durch die Trennung hatte das Zueinanderfinden begonnen. Nach dem Abitur ist Adi zum Studium in Berlin geblieben, während ich aus beruflichen Gründen in verschiedenen Städten gelebt habe. In der Zeit waren wir recht eng, obwohl wir nicht so oft zusammen waren. Momentan wohnen wir beide in Berlin und nutzen das relativ ausgiebig aus.

Wenn ihr euch selbst einordnen müsstest, wie ähnlich seid ihr euch auf einer Skala von 1 bis 10?
Adrian: Meiner Meinung nach sind wir uns schon recht ähnlich, da wir die gleiche Erziehung genossen haben. Wir sehen zwar sehr unterschiedlich aus. Aber selbst im Vergleich mit anderen Brüdern sind wir uns sehr ähnlich, glaube ich. Daher würde ich sagen 8 von 10.
Erik: Wenn man aber den gemeinsamen sozioökonomischen Hintergrund rausrechnen würde, dann fällt mir durchaus eine Menge Brüder ein, die sich ähnlicher sind. Allein, was jetzt den Werdegang angeht, die Interessen, auch das Verhalten mitunter. Daher würde ich sagen: 6 von 10. Geschwister mit deutlichem Altersunterschied orientieren sich häufig am anderen. Das gab es bei uns nie, wir sind sehr schnell eigene Wege gegangen.
Adrian: Aber ich würde behaupten, dass wir uns charakterlich schon recht ähnlich sind. Oder siehst du da große Unterschiede?
Erik: Würde ich schon sagen, zum Beispiel haben wir einen unterschiedlichen Umgang mit Situationen. Wir mögen vielleicht eine ähnliche Denkweise und einen ähnlichen Ausdruck haben. Aber beispielsweise unsere Stressresistenz ist sehr unterschiedlich. Mir fällt da immer unsere geplante Paddeltour auf der Alster in Hamburg ein.
Adrian: Wir wollten nachts auf der Alster paddeln mit einem Schlauchboot. Aber das Aufpumpen hat nicht so gut funktioniert. Ich habe früher aufgegeben als Erik und das trägt er mir bis heute nach. 

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.