Meinung

16 Jahre Kanzlerin – Ein Rückblick

Merkel schaut im Profil nach oben
Nach 16 Jahren wird die Bundeskanzlerin im September ihr Amt abgeben.

„Anführerin der freien Welt“, „Madame No“, „Teflonkanzlerin“ oder schlicht und einfach „Mutti“: Angela Merkel hat im Laufe ihrer Kanzlerschaft zahlreiche Spitznamen erhalten. Doch egal, ob man ihre Regierungszeit nun positiv oder negativ bewertet, in einem dürften sich wohl alle ziemlich einig sein: Merkel hat das Land nachhaltig geprägt und verändert. Nun wird die Bundeskanzlerin im September nach 16 Jahren ihr Amt abgeben. Getoppt wir die Dauer ihrer Regierungszeit lediglich von der Helmut Kohls, der zwar ebenfalls 16 Jahre im Amt war, Merkel jedoch um ein paar Tage übertrifft.

Michelle Müller, funky-Jugendreporterin

Merkels Regierungszeit zwischen 2005 und 2021 wird heute sehr unterschiedlich beurteilt: Mal wird ihr nüchterner Pragmatismus gelobt, anderswo hingegen über ihre Zurückhaltung gemunkelt. Mal wirft man ihr Kaltherzigkeit und einen intriganten Regierungsstil vor, dann wiederum attestieren Journalist*innen ihr ungeahnte Menschlichkeit und betonen, wie sie in bestimmten Situationen Gefühle politischer Kalkulation vorgezogen habe. 

Immer wieder fällt bei der Beurteilung der Kanzlerschaft Merkels das Wort „Krisenmanagerin“. Kein Wunder, hatte die inzwischen 67-Jährige doch politisch und gesellschaftlich etliche schwierige Herausforderungen zu meistern: Von der Finanzkrise, der Flüchtlingskrise, der Klimakrise bis hin zur aktuellen Corona-Krise. Doch wie erfolgreich war sie tatsächlich in diesen schwierigen Zeiten? Und was hat sie speziell in der Welt junger Menschen bewegen können?

Internationaler Austausch

Wart ihr zum Beispiel über einen Schüleraustausch einige Monate in einem anderen Land? Dann habt ihr dies zum Teil der Bundeskanzlerin zu verdanken. Unter Merkel wurde nämlich die internationale Zusammenarbeit im Bereich der Bildung und Wissenschaft stark vorangetrieben. Daher sind mittlerweile sowohl Schüleraustausche als auch Auslandssemester und Kooperationen mit (Hoch)schulen weltweit nicht mehr wegzudenken.  

Junge Leute direkt betrifft zudem das Aussetzen der Wehrpflicht im Jahr 2011, weswegen nun niemand mehr gezwungen ist, nach der Schule zum Bund zu gehen und das Militär für ein Jahr zu unterstützen. Inzwischen ist es uns selbst überlassen, ob wir direkt ins Studium starten, reisen, oder etwas völlig anderes tun.

Merkel die „Klimakanzlerin?“

Immer wieder wurde Merkel auch als „Klimakanzlerin“ betitelt, weil sie sich für die Energiewende einsetzte und den Kohleausstieg, wenn auch langsam, vorantrieb. Doch wird sie diesem Namen tatsächlich gerecht? Während die umweltpolitischen Entscheidungen von vielen Konservativen als zu schnell, drastisch und opportunistisch empfunden wurden, werfen Klimaschützer*innen und Umweltaktivist*innen ihr vor, zu wenig gegen den Klimawandel getan zu haben. Häufig genannte Kritikpunkte an der Klimapolitik Merkels sind so zum Beispiel, dass der Ausstieg aus der Kohlenutzung 2038 viel zu spät komme, dass es auf Betreiben von CDU/CSU immer noch kein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen gebe und mehr in den Straßenbau als in öffentliche Verkehrsmittel investiert wurde.

Förderung der Familie

Weitere Verdienste der Kanzlerin sind sozialer Natur. So setzte sich Merkel stets proaktiv für die Vereinigung von Familien- und Berufsleben, insbesondere für Frauen, ein. Das bewies sie nicht zuletzt dadurch, dass sie viele der Gelder in Bildung und die Verbesserung der Kinderbetreuung investierte. In ihrer Kanzlerschaft wurde des weiteren das Elterngeld eingeführt und das Kindergeld erhöht. Seit 2013 gibt es zudem einen rechtlichen Anspruch auf einen Kitaplatz für Kinder zwischen einem und drei Jahren. 

Auch an der Senkung der Arbeitslosenquote in Deutschland hatte ihre Regierung einen Anteil: Von 2005-2017 ist diese Quote von fünf Millionen Arbeitslosen auf zweieinhalb Millionen Arbeitslosen gesunken*. Während der Eurokrise im Jahr 2010 stellte Merkel mithilfe von Staatshilfen und Subventionen zudem die Stabilität des Euros und insbesondere der deutschen Wirtschaft sicher. Seit dem Jahr 2015 gibt es außerdem einen gesetzlichen Mindestlohn in Deutschland.

Digitalisierung wird immer wichtiger

War das Internet für Merkel im Jahr 2013 noch Neuland, so änderte sie ihre Meinung über die Chancen und Notwendigkeiten der Digitalisierung spätestens während der Corona-Pandemie . Dass diese Krise Rückenwind für den digitalen Fortschritt gegeben hat, daran bestehen keine Zweifel: Immerhin kommt die Kanzlerin mittlerweile selbst nicht mehr darum herum, sich zahlreichen Videokonferenzen auszusetzen. Ihr Smartphone ist sogar schon seit einigen Jahren zu einem treuen Begleiter der Kanzlerin geworden, wie etliche Bilder von vergangenen Bundestagssitzungen deutlich zeigen.

Im Umgang mit der der Corona-Pandemie hat Merkel ihre Professionalität zum Ende ihrer Kanzlerschaft aber auch in einem anderen Bereich unter Beweis stellen können: Zwar verabschiedete sie Maßnahmen, die sicherlich nicht zum Gefallen aller Bürger*innen waren. Gleichzeitig stellte sie sich in Bürgerdialogen jedoch auch den Fragen und Sorgen der jungen Leute. Und Merkel hörte nicht nur zu, sondern sicherte auch bereits zu, dass es ein umfassendes Hilfe- und Aufholprogramm geben soll, nicht nur im schulischen, sondern auch im sozialen Bereich. Junge Leute munterte sie außerdem dazu auf, sich mehr in der Politik einzubringen, zum Beispiel bei den „JugendPolitikTagen“. Bereits zum Ende des Jahres 2019 wurde zudem eine Jugendstrategie mit mehr als 160 Maßnahmen beschlossen, um jugendliche Beteiligung in der Politik zu intensivieren.  

Ein schwieriges Erbe

Ganz gleich also, wer am Ende „Muttis“ Nachfolge antreten wird, eins ist klar: Dem nächsten Staatsoberhaupt stehen unzählige Herausforderungen bevor – von Energiewende und Digitalisierung über die Lösung diplomatischer Krisen bis hin zur Flüchtlingsproblematik und der Verbesserung des Schulsystems. Einer der relevantesten Punkte auf der Agenda von Merkels Nachfolger*in wird aber sicherlich der Klimawandel sein. Noch immer gilt es hier nachhaltige Veränderungen in Gang zu bringen und offene Fragen zu beantworten, auf die wir als Bürger*innen eine Antwort haben möchten. Damit hat die nächste Kanzlerin oder der nächste Kanzler die Möglichkeit, in zahlreichen Bereichen aufzuholen und wichtige Reformen anzustoßen. Die Messlatte ist liegt in jedem Fall sehr hoch.

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.