Interview

Leben im Gewächshaus: Ist das die neue Nachhaltigkeit?

Ein Studierendenwohnheim in einem Gewächshaus: klingt erstmal ungewöhnlich. Doch schon seit den 1980ern ist das in Rheinland-Pfalz Realität. Das ESA-Wohnheim der TU Kaiserslautern sollte ein Beispiel für klimafreundliche Architektur sein, heute ist es stark sanierungsbedürftig. Jakob Herz, der seit 6 Jahren in dieser einzigartigen Unterkunft lebt, hat uns mehr erzählt:

Hannah Lettl, funky-Jugendreporterin

Wie ist das Gewächshaus-Studentenwohnheim entstanden?
Die Motivation des Projektes war vor allem die Ölpreiskrise der 1970er Jahre. Um diese Zeit wurde gerade bekannt, wie schädlich CO2 für das Klima ist. Immer mehr Menschen forderten daher, den Verbrauch von fossilen Brennstoffen zu minimieren. In den 80er Jahren starteten Professor Heinrich Eissler und Wolf Hoffmann von der TU Kaiserslautern dann ein Projekt, das genau diese Probleme angehen sollte. Ihre Idee war es, ein Haus zu bauen, das klimaneutral ist und ohne fossile Brennstoffe auskommt. Dabei sollte es kein fertiger Komplex werden, sondern ein Experimentalbau, an dem neue Konzepte ausprobiert werden konnten. Besonderes Augenmerk wurde auch darauf gelegt, was sich die Bewohner wünschten, weshalb Studierende in die Planung und den Bau mit einbezogen wurden.

Was macht das Haus klimafreundlich und energieeffizient?
Im Moment gar nichts. Wir wurden von der Zeit überholt. In den 80ern war das ein Super Ding. Seitdem hat das Studierendenwerk nur das nötigste saniert, es gab also keine klimafreundlichen Sanierungen. Jedes Haus, das doppelt oder dreifach verglast und isoliert ist, steht klimatechnisch besser da. Allerdings sind wir rein rechnerisch trotzdem ein ‘Plus Energiehaus’. Das Konzept, dass in diesem Glashaus Wärme durch die Sonne produziert wird, funktioniert. Aber eben nur im Sommer. Im Winter müssen wir wie in einem schlecht isolierten Haus heizen.

Ihr habt lange gegen den Abriss des Gebäudes gekämpft und sogar erreicht, dass das Wohnheim jetzt unter Denkmalschutz steht. Wie sieht es mit Sanierungsplänen aus?
Die Sanierungen werden demnächst beginnen. Dabei geht es vor allem darum, das Haus wirklich klimaneutral zu machen. Es gibt zwei Teile der Sanierung: einerseits das wirklich Notwendige. Beispielsweise muss das Tragwerk des Gewächshauses ausgetauscht werden. Zweitens wollen wir jetzt im Laufe der Sanierung unsere CO2 Neutralität erreichen. Dafür soll eine Photovoltaik Anlage auf unser Dach montiert, die Sommerwärme in Erdwärmespeicher gelagert und die Bewässerung nicht mehr mit Trinkwasser betrieben werden.

Beim Thema Nachhaltigkeit ist unserer Meinung nach vor allem der Aspekt des gemeinschaftlichen Lebens wichtig.

Jakob über nachhaltiges Leben

Das Ziel des Wohnheimes ist es ja vor allem, klimafreundlich und energiesparend zu leben. Wie versucht ihr, abgesehen von der Architektur, Nachhaltigkeit umzusetzen?
Beim Thema Nachhaltigkeit ist unserer Meinung nach vor allem der Aspekt des gemeinschaftlichen Lebens wichtig. Ein Beispiel: Wenn fünf Leute zusammenkommen und einen Abend verbringen, dann brennt das Licht nur in einem Zimmer, statt in allen fünf. Neben den Bereichen Essen, Trinken und Wohnen sucht der Mensch auch nach Gemeinschaft, Kultur und einem Erholungsplatz. Die normalen Wohnverhältnisse erfüllen diese Bedürfnisse jedoch häufig nicht, weshalb sie durch Urlaube und Kulturstätten aufwendig imitiert werden müssen. Unser Wohnheim vereint alles an einem Ort.

Jakob Herz steht in dem Foyer des Studierendenwohnheimes.
Jakob lebt seit 6 Jahren in dem ESA-Wohnheim. © Privat

Was ist dein Lieblingsort in dem Wohnheim?
Die Gemeinschaftsküche ist das Herzstück des Wohnheims. Das ist der Ort um sich zu treffen und auszutauschen. Je nach Wetter bin ich aber auch gerne draußen auf der Wiese vor dem Haus, im Wald oder auf dem Sonnendeck.

Vermisst du etwas in dem Wohnheim, das du in einer konventionellen Unterkunft hättest?
Nein, eher im Gegenteil. Ich war ein halbes Jahr als Erasmus Student im Ausland. Da habe ich zuerst alleine gewohnt und bin dann ziemlich schnell in eine Vierer-WG gezogen. Selbst da habe ich gemerkt: mir fehlt das Gewusel, der Platz sich auszutoben und irgendetwas zu kreieren. Ich bin ein Mensch, der so etwas braucht.

In der ESA wohnen bis zu 20 Studierende. Wie viel passiert in der Gemeinschaft? Kocht ihr oft zusammen oder unternehmt etwas gemeinsam?
Es finden sich immer Kleingruppen, die zusammen etwas unternehmen. Aktivitäten wie Yoga, zusammen ausgehen oder zusammen kochen passieren auf freundschaftlicher Basis sehr regelmäßig. Zusätzlich haben wir natürlich auch noch unsere Gemeinschaftsaktionen. Zum Beispiel putzen wir einmal im Semester gemeinschaftlich unser Haus und essen danach zusammen. Wir organisieren auch Weihnachtsfeiern, Geburtstage und machen zu St. Martin immer einen Waldspaziergang. Manchmal fahren wir auch in den Urlaub zusammen, aber das natürlich nicht mit allen.

Wie war das Zusammenleben während Corona?
Ich glaube, jeder Soziologe oder Anthropologe hätte das genossen. Am Anfang hat es sich wie gemeinschaftlicher Urlaub angefühlt, alle hatten frei: keine Uni oder Klausuren mehr. Da haben wir viel zusammen gemacht sei es spielen, grillen oder kochen. Dann kam irgendwann so ein Lagerkoller, wo es einfach zu viel war, immer mit denselben Leuten am selben Ort zu sitzen und nicht rauszukommen. Der hat sich dann aber auch gelegt. Interessant waren dann vor allem diese Verhandlungen zwischen Schutz der Gruppe und dem Bedürfnis, sich mit anderen Leuten zu treffen. Das ist auch immer noch ein Thema bei uns. Wir hatten aber natürlich das Glück, nie diese Vereinsamung zu erfahren. Wir hatten immer Leute um uns rum und es ist ständig etwas passiert.

Du meintest, du vermisst nichts in dieser alternativen Wohnform. Denkst du, dass dieses Konzept das Potential hat, sich weiter auszubreiten?
Ich will nicht sagen jeder sollte in einem Gewächshaus wohnen. Aber ich denke, dass dieses Schaffen eines Platzes für eine Gemeinschaft gerade im Trend ist, ob nun in Form einer Kommune oder anderen alternativen Wohnformen. Das Leben in so einer Gemeinschaft bietet viele Möglichkeiten und Chancen, die sich so einfacher nutzen lassen. Mein eigener Traum wäre es eine Wohnform zu schaffen, die einem die Sicherheit gibt, zu überleben aber auch die Freiheit und Chance, sich weiterzuentwickeln.

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