Meinung

„Warum bist du denn noch Single?“ – Vom Druck, eine Beziehung führen zu müssen

Eine Frau geht eine Straße lang, auf der verschiedene Schatten ohne den dazugehörigen Menschen zu sehen sind
Es ist an der Zeit mit dem Idealisieren von Liebesbeziehungen aufzuhören. Ob Single oder in einer Beziehung, beide Lebensformen sollten von der Gesellschaft als „normal“ angesehen werden.

„Du wirst schon noch den Richtigen finden.“ „Jeder Topf hat einen Deckel.“ Solche Sprüche durfte sich wohl jeder Single schon einmal anhören. In diesen gutgemeinten Floskeln schwingt allerdings auch immer ein Vorwurf mit: Etwas stimmt mit dir nicht. Eine romantische Beziehung wird in unserer Gesellschaft auf ein riesiges Podest gestellt. Immer und überall dreht sich alles um Liebe, Sex und Beziehungen. Niemand fragt dich, warum du in einer Beziehung bist, aber jeder fragt dich, warum du Single bist. Aber warum wird eine Beziehung eigentlich immer als die „normale Lebensform“ angesehen?

Lisa Rethmeier, funky-Jugendreporterin

Laura* hat mit 16 Jahren zum ersten Mal den Druck verspürt, einen Freund vorzeigen zu müssen. Um sie herum hatten plötzlich alle ihre erste Beziehung. Auf dem Schulhof war sie umringt von knutschenden Pärchen. Auch ihre beste Freundin war frisch verliebt und nur noch im Doppelpack anzutreffen. Für Laura war es ein unangenehmes Gefühl, plötzlich so alleine zu sein. „Damals hat mir aber niemand den Vorwurf gemacht, keinen Freund zu haben“, erinnert sie sich. Dennoch fühlte sie sich plötzlich außen vor, wenn sie von ihren Freundinnen zu hören bekam, wie sie ihre ersten Erfahrungen in Sachen Liebe sammelten.

Laura war sogar neidisch. Viele hatten damals ihr erstes Mal, während sie noch auf den ersten Kuss wartete. Dieses „Nicht-mitreden-können“ belastete sie. Dabei war sie schon öfter mal verliebt. Mehr wurde allerdings nie daraus. Der Wunsch nach einem festen Freund begann immer größer zu werden. Jedes Jahr an Silvester wünschte sie sich, dass das neue Jahr nun endlich auch mal die erste Liebe mit sich bringen würde.

Seitdem sind einige Jahre vergangen. In Lauras Leben hat sich einiges verändert: Nach ihrem Abitur zog sie in eine neue Stadt und schloss dort eine Ausbildung ab. Inzwischen ist sie 24. Doch ein fester Freund ist noch immer nicht in Sicht. Während inzwischen die ersten Freundinnen mit ihren Partnern zusammenziehen, bleibt sie allein. An einigen Tagen ist das auch okay. Sie findet es wichtig, auch alleine gut klarzukommen. „Die Situation zu akzeptieren ist das beste, was man machen kann.“ Aber der Druck, einen Freund zu finden, ist allgegenwärtig. Er wächst, je älter sie wird. „Noch bin ich relativ entspannt, aber mit Ende 20 sollte es schon losgehen“, sagt sie lachend. Ihre Mutter fragt oft, warum es bei ihr nicht klappt. Sie wünscht sich einen Freund an der Seite ihrer Tochter und versteht nicht, warum sie so Schwierigkeiten hat, jemanden zu finden.

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Laura geht seit längerem aktiv auf die Suche. Sie hat immer mal wieder ein Date – meist über Tinder. Es kommt aber selten zu einem zweiten Treffen. „Es ist leider sehr schwer, jemanden zu finden, bei dem es von beiden Seiten aus passt. Ich möchte nicht zu viele Kompromisse eingehen.“ Auch sei es schwierig, jemanden zu finden, der es ernst mit ihr meint. Einige störe es sogar, dass sie noch nicht so viele Erfahrungen gesammelt hat und es langsam angehen möchte. Wenn Laura erzählt, dass sie noch nie einen Freund hatte, folgt direkt die Frage: „Bist du noch Jungfrau?“

Das Gefühl, von der Liebe übersehen zu werden

Dann wiederum kommen die Tage, an denen sie traurig ist und sich die Liebe wünscht. Sie beginnt eine Erfahrung zu vermissen, die sie noch gar nicht gemacht hat. Eine Erfahrung, die einem von außen immer als super wichtig suggeriert wird. Kaum ein Roman oder Film kommt ohne eine herzzerreißende Liebesgeschichte aus. Immer öfter fragt sie sich, ob mit ihr vielleicht etwas nicht stimmt. Was fehlt ihr, das andere haben? In einer Gesellschaft, in der Sex und Liebe so allgegenwärtig sind, kommt es ihr manchmal so vor, als würde sie nicht richtig dazugehören. Sie wünscht sich, dass andere weniger voreingenommen und verwundert reagieren würden, wenn sie erzählt, dass sie noch nie einen Freund hatte. „Man will einfach wie ein ganz normaler Mensch behandelt werden.“ Sie ist sich sicher, dass auch sie Beziehungserfahrungen sammeln wird. Dabei will sie sich aber nicht von dem Druck beeinflussen lassen und ganz auf ihr Bauchgefühl hören.

Paare werden nie gefragt, warum sie in einer Beziehung sind

Die Journalistin Gunda Windmüller plädiert in ihrem Buch „Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht“ für einen neuen Blick auf das Single-Dasein. Sie kritisiert den Druck, der von außen kommt, ständig einen Partner haben zu müssen. Dieser käme vor allem seitens der Familie und Freund*innen. Wie oft wurde man schon von der Oma beim Kaffeekränzchen gefragt, warum man denn noch immer keinen Freund habe. Gerade Single-Frauen wird in der Gesellschaft schnell das Gefühl gegeben, dass sie einen Partner an ihrer Seite bräuchten. Windmüller sieht den Druck, der auf Single-Frauen lastet, als ein Zeichen der Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft. Ihnen wird oft vermittelt, dass ein Mann für ihr persönliches Glück unabdingbar sei. „Berufliche Anerkennung, Freundschaften und Familie zählen im Leben einer Frau immer noch nicht so viel wie bei Männern“, so Windmüller.

Was muss sich in der Gesellschaft verändern?

Die Gesellschaft trägt einen großen Teil dazu bei, dass Singles als „minderwertige“ Mitglieder eine Gemeinschaft gesehen werden. Dabei werden wir auch maßgeblich von der Filmindustrie beeinflusst. Der Stereotyp Single wird in Filmen oft als einsam dargestellt. Er hat sein Leben nicht richtig unter Kontrolle und sehnt sich nach einer Beziehung. Einen glücklichen ausgeglichenen Single sieht man auf der Leinwand hingegen so gut wie nie.

Schon von Kindesbeinen an bekommen wir eingetrichtert, dass es der Sinn des Lebens sei, Teil eines Paares zu werden. Wer alleine lebt, bekommt immer wieder von der Außenwelt signalisiert, dass mit ihm etwas nicht stimmt: „Was, du bist noch Single? Dabei bist du doch so hübsch. Die Männer müssen blind sein.“ In dieser Aussage stecken zwei Vorurteile: 1. Für attraktive Menschen ist es leichter, einen passenden Partner zu finden. 2. Jede Frau braucht für ein erfülltes Leben einen Partner. Je länger man Single ist, desto eher wird man als hoffnungsloser Fall mit zu hohen Ansprüchen abgewertet. Für Singles gibt es in der Gesellschaft keinen Wohlfühlort. Kaum einer kann sich vorstellen, dass es auch Menschen gibt, die freiwillig allein bleiben – und glücklich sind. Viele Menschen vergessen, dass man sich in einer Beziehung ebenfalls alleine und unglücklich fühlen kann. Singles pflegen oft sogar bessere Beziehungen zu Familie und Freund*innen. Warum gehen die Leute also immer davon aus, dass mit Langzeitsingles etwas nicht stimmt?

Es ist an der Zeit mit dem Idealisieren von Liebesbeziehungen aufzuhören. Ob Single oder in einer Beziehung, beide Lebensformen sollten von der Gesellschaft als „normal“ angesehen werden. Ein einzelner Mensch ist genauso viel wert wie ein Paar.

* Name von der Redaktion geändert

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