Besserwisserwissen: Swing-Jugend – Tanzen statt Marschieren

Ein Buch als Symbol fürs Besserwisserwissen

Es gibt eine neue Portion Wissen zum Mitnehmen und Angeben. Diesmal geht es um eine jugendliche Widerstandsbewegung im NS-Regime: Wusstest du, dass die Swing-Jugend gegen die Ideologie der Nazis antanzte?

Pascal Moser, funky Jugendreporter

Lange Haare, lässig gekleidet und der Drang nach Freiheit und Auflehnung – nein, damit ist hier nicht die Hippie-Bewegung der 1960er Jahre gemeint, sondern eine andere, weniger bekannte Jugendbewegung aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Rede ist von der sogenannten Swing-Jugend, die im Dritten Reich durch ihr Auftreten Protest am Regime übte und in vielen deutschen Großstädten zu einem Gegenstück zur Hitlerjugend wurde.

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 fanden sich in Deutschland immer mehr Jugendliche, die mit der Ideologie der Diktatur und den dazugehörigen Idealen, wie Autorität, Gleichheit und Militarismus nichts am Hut hatten. Einen gemeinsamen Ort fanden sie dabei in der Bewegung der Swing-Jugend. Doch die Jugendlichen fielen nicht durch politische Forderungen auf, sondern vielmehr durch ihre Kleidung, ihre Sprache und ihren Lebensstil. So trugen sie lange Mäntel und kurze Röcke, mit denen sie sich optisch stark von den strengen Uniformen der Hitlerjugend unterschieden. Markenzeichen waren Hüte und Regenschirme – auch im Sommer. Auffälligstes Erkennungsmerkmal aber war, dass die Mädchen und Jungen, meist zwischen 14 und 20 Jahren, Swing (eine Stillrichtung von Jazz) tanzten. Vorrangig hörten sie dabei die Platten englischer und amerikanischer Jazz-Musiker.

Neue Begriffe

Und auch sprachlich orientierten sie sich am Englischen. „Hot Boy“ oder „Hot Girl“ etwa waren gängige Begriffe. Oft benutzten sie zudem Vornamen wie Teddy und Dolly. Im nationalsozialistischen Deutschland provozierten sie mit einem solchen Sprachgebrauch. So wurde aus der bekannten Begrüßung „Sieg Heil“, ein „Swing Heil“ und aus „Heil Hitler“ machten die Jugendlichen kurzerhand „Heil Hotler“. „Hot Music“ war damals eine gängige Bezeichnung für Jazz

Die Antwort der Nazis

Die Hitlerjugend wurde von den Swing Kids belächelt und verhöhnt. Doch die Ablehnung beruhte auf Gegenseitigkeit, denn das Verhalten der andersdenkenden Jugendlichen passte dem Nazi-Regime ebenso wenig. Im Laufe der Jahre kam es so immer wieder zu Konfrontationen. So wurden Betreiber von Bars und Cafés zum Beispiel dazu aufgefordert, keinen Swing mehr zu spielen und Leute vom Tanzen abzuhalten. 

Es gab aber auch härtere Methoden zur Einschüchterung. „Uns wurden vor 4000 anderen Jugendlichen mit einer Nagelschere die Haare geschnitten. Ich habe das als die größte Schande und Schmach meines Lebens empfunden“, erzählt etwa Karl Fostel, ein ehemaliger Swing-Boy im Film „Schlurf – im Swing gegen den Gleichschritt.“

Jazz passte nicht ins deutsche Rassenbild

Den Nationalsozialisten waren die Swing-Kids ein Dorn im Auge. Die freche Kleidung und der Jazz passte nicht in das deutsche Rassenbild. Die amerikanische Musik, die laut der Propaganda von Verbrechern und Kranken gehört wurde, dürfe nicht zur Gewohnheit werden, so der Tenor im Dritten Reich. Das Verhalten der Swing-Jugend sollte dementsprechend nicht akzeptiert werden, da es der deutschen „Volkskraft“ schade. Im Laufe der Jahre nahm die Gestapo (die „Geheime Staatspolizei“ der Nazis) daher immer mehr Jugendliche fest, um diese in Arbeitslagern umzuerziehen. Dabei kamen viele durch Erschöpfung und Unterernährung ums Leben. 

Im Kontext dieser schrecklichen Taten bleibt das historische Vermächtnis der Swing-Jugend bestehen – einer Bewegung, die sogar in einem der dunkelsten Kapiteln der Geschichte nicht blind gehorchte und Widerstand gegen ein diktatorisches Regime leistete.

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