Interview

„Schönheit allein macht nicht glücklich“ – Nena Schink im Interview

Vor einem Jahr rechnete die 28-jährige Journalistin Nena Schink in ihrem Erstlingswerk „Unfollow!“ mit Instagram und den sozialen Medien ab. Das Buch wurde ein Bestseller und schlug hohe Wellen in der deutschen Medienlandschaft. Mit „Pretty Happy“ hat sie nun ihr zweites Buch geschrieben – zusammen mit der Schauspielerin Vivien Wulf. Im Interview verrät die Autorin, wie es dazu kam, worum es in dem neuen Werk geht und warum sie keine weiblichen Vorbilder hat.
Moritz Tripp, funky-Jugendreporter
© Edel Books

Nena, in „Unfollow!“ hast du Instagram und andere soziale Medien als treibende Kraft hinter einem negativen weiblichen Selbstbild angeprangert. Kann man „Pretty Happy“ nun als Nachfolgewerk verstehen?
Definitiv! Die sozialen Medien rauben uns die Einzigartigkeit. Aber nicht nur Instagram ist daran schuld, denn es ist auch ein gesellschaftliches Problem. „Pretty Happy“ ist nun gewissermaßen ein Rundumschlag, eine Abrechnung damit, dass uns Optik wichtiger ist als Inhalt. Mir fällt immer mehr auf: Ein Brainshaming ist uns lieber als ein Bodyshaming – wir werden lieber für unseren Kopf kritisiert als für unseren Körper. Der Appell von „Pretty Happy“ an junge Frauen ist, dass Schönheit nicht das Wichtigste sein sollte und dass sie allein niemals zum Glück führt.
Was hast du aus der Veröffentlichung von „Unfollow!“ gelernt?
Ich habe realisiert, dass ich in „Unfollow!“ nicht weit genug gedacht habe. Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen „Pretty Happy“ und meinem ersten Buch: In „Unfollow!“ stand meine Geschichte viel zu sehr im Mittelpunkt. Damit war eigentlich auch „Unfollow!“ ein Symptom unserer Zeit. Es ging um meine Geschichte, aber es ging zu wenig um die Botschaft.

Und das ist in „Pretty Happy“ nun anders?
Auf jeden Fall. Ich habe das Buch gemeinsam mit meiner Freundin, der Schauspielerin Vivien Wulf, geschrieben. Herausgekommen ist ein super persönliches Werk, doch die darin enthaltene Message ist uns wichtiger als unsere eigene Geschichte. Deswegen haben wir fast im gesamten Buch unkenntlich gemacht, wer von uns beiden die jeweiligen Kapitel verfasst hat. So entsteht eine Geschichte für alle Leserinnen, in der wir den speziellen Konflikt „Schönheit versus Glück“ gezielt angreifen können.

Wie kam eure Zusammenarbeit zustande?
Eine Co-Autorenschaft hätte ich mir früher nie vorstellen können, denn eigentlich entscheide ich lieber selbst und mache mein eigenes Ding. Doch dann saßen Vivien und ich im März vergangenen Jahres zusammen bei ihr, haben Blaubeerkuchen gegessen und miteinander geredet. Und plötzlich hat sie mir ihre Geschichte erzählt: Dass sie jahrelang das Gefühl hatte, schön sein zu müssen, um geliebt zu werden. Dass es ihr nichts gebracht hat, dass andere ihr sagten, wie hübsch sie sei. Und dass das eben nicht durch die sozialen Medien kam, mit denen sie ja gar nicht großgeworden war. Das öffnete mir die Augen: Ihr Problem hatte ich so nie erkannt, da ich selbst nie so sehr zu optischen Selbstzweifeln geneigt habe. Ich begann zu recherchieren – und die gemeinsame Idee für „Pretty Happy“ war geboren.

Wie ist das Buch aufgebaut?
„Pretty Happy“ ist in drei Teile untergliedert, wie damals schon mein erstes Buch. Im ersten Teil gehen wir der Frage auf den Grund, was Schönheit eigentlich ist. Im zweiten Teil geht es um die Frage nach dem Glück. Und abschließend liefern wir das „Geheimrezept Pretty Happy“. Ein Ratgeber soll unser Buch allerdings nicht sein. Wir nehmen die Leserin an die Hand. Doch letztendlich muss sie selbst da durchgehen und sich kritisch hinterfragen.

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Im Buch sprecht ihr an, dass Probleme entstehen, wenn in Magazinen alte Schönheitsideale bis heute propagiert werden. Wer ist daran schuld?
Den Verlagen fehlt es an Mut für neue Inhalte. Es wird immer halbherzig nach Neuem verlangt und dann sehen die Magazinstrecken doch immer gleich aus. Wir verpassen gerade die Medienrevolution, und das liegt nicht nur an der Transformation zum Digitalen, sondern an fehlenden coolen Inhalten.

In den letzten Jahren sind die Themen Feminismus und Female Empowerment viel stärker im politischen und gesellschaftlichen Diskurs aufgetreten. Ist das nicht eine gute Sache?
Das Schlimme ist, die Selbstzweifel der Mädchen wachsen doch trotzdem jedes Jahr. Was gerade in der Gesellschaft passiert, geht in die richtige Richtung, aber wir holen doch gar nicht die Frauen ab, die es nötig haben. Mit Worten wie „Feminismus“ und „Female Empowerment“ wirst du inzwischen täglich von allen Seiten so zugeballert, dass diese Begriffe viel mehr zu Modewörtern mutiert sind. Das nimmt für mich die Schlagkraft aus der Bewegung. Ich warte ja nur noch darauf, dass auf dem ersten Joghurt „Female friendly“ steht.

Welche Frauen im öffentlichen Leben sind deine Vorbilder für Female Empowerment?
Keine! Aus einem Grund: Ich kenne diese Frauen nicht. Eine Ausnahme ist Jennifer Sieglar, die Logo-Moderatorin – aber nur weil ich sie kenne und mit ihr befreundet bin. Ich habe so lange den Fehler gemacht, Frauen als Vorbilder zu haben, die ich gar nicht kannte, dass ich heute nicht mal Michelle Obama als Vorbild nennen würde. Ich kenne sie doch nicht, ich kenne nur ihr Bild in der Öffentlichkeit. Meine Mutter hat mal gesagt: Du musst deine Freundinnen für etwas bewundern. Die müssen stärker als du sein, in irgendeinem Segment. Das sehe ich heute auch so. Deswegen habe ich keine Frau des öffentlichen Lebens mehr als Vorbild, sondern nur Menschen um mich herum.


„Pretty Happy. Lieber glücklich als perfekt“ ist am 5. März im Edel Books Verlag erschienen.

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