Interview

Alles geben für Olympia: Der Schwimmer Ole Braunschweig im Interview

PExels

Schwimmer im Wasser
Die Olympischen Spiele sind der wohl größte Traum aller Leistungssportler und Leistungssportlerinnen. Im letzten Sommer wäre es endlich wieder so weit gewesen: In Japans Hauptstadt Tokio hätten Athletinnen und Athleten aus der ganzen Welt dann erneut um die begehrten Medaillen gekämpft — doch dann kam die Corona-Pandemie. Nun soll das große Sportereignis in diesem Sommer nachgeholt werden. Für den Berliner Schwimmer Ole Braunschweig (23) könnte der Olympia-Traum jetzt mit etwas Verspätung endlich in Erfüllung gehen. Im Interview spricht er darüber, wie aus seinem Traum eine realistische Chance geworden ist.
Knut Löbe, Funky-Jugendreporter

Ole, du bist noch ein vergleichsweise junger Leistungsschwimmer. Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?
Mein Tagesablauf ist simpel und ähnelt sich häufig. Früh morgens bin ich für zweieinhalb Stunden im Wasser. An guten Tagen besorge ich mir für danach noch einen Termin bei der Physiotherapie. Mittags widme ich mich meinem Fernstudium um dann nachmittags bis abends noch einmal für zweieinhalb Stunden zu trainieren. Dann ist nicht nur Schwimm-, sondern auch Athletik- und Krafttraining angesagt.

Ole Braunschweig beim Wettkampf
© Privat

Trainiert man im Schwimmsport im Team oder alleine?
Für gewöhnlich hat man eine Gruppe aus Teammitgliedern, die alle unterschiedliche Schwimmarten oder Hauptstrecken schwimmen. Wenn man immer ganz alleine trainieren würde, dann hätte man auch gar nicht soviel Spaß.

Dein Bruder ist auch Leistungsschwimmer. Ist es so, dass ihr euch beim Training gegenseitig motiviert?
Wir sind zwar regelmäßig gemeinsam in der Halle, aber dadurch, dass mein kleiner Bruder im paralympischen Bereich schwimmt, trainieren wir nicht zusammen. Wir haben separate Trainer und Trainingsgruppen. Wir sehen uns zwar in der Halle und können ab und zu auch mal Faxen machen, aber schwimmen die Sets nicht zusammen.

Dieses Jahr werden die Olympischen Spiele in Tokio nachgeholt. Wann hast du zum ersten Mal gedacht, dass du selber die Chance hast, für Deutschland anzutreten?
Das war im Jahr 2019, als ich Deutscher Meister in der Kategorie 50 Meter und 100 Meter Rücken wurde. Da habe ich mir gedacht: Ok, du hast schon starke Konkurrenten, aber wenn es dieses Jahr geklappt hat, warum sollte es dann im nächsten Jahr nicht auch so sein? Die Normzeit war zwar eine Sekunde schneller als meine damalige Bestzeit, aber mehr als riskieren kann man es ja nicht. Bisher lief es auch ganz gut, außer dass die Quali durch Corona so häufig verschoben werden musste. Im Dezember bin ich schon einmal in einem nicht offiziell anerkannten Wettkampf unter der Normzeit geschwommen. Im April findet nun aber die offizielle Qualifikation statt und dann geht es richtig um die Wurst.

„Ich bin es nicht gewohnt, einen normalen Alltag zu haben.“

Leistungssport nimmt viel Zeit in Anspruch. Was muss man dem Profisport opfern?
Ich bin es natürlich nicht gewohnt, einen typischen, normalen Alltag zu haben. Ich war schon früh auf der Sportschule und hatte schon immer einen geregelten Tagesplan mit viel Trainingszeit. Man kann natürlich nicht, wie andere es tun, am Wochenende feiern gehen. Es ist wichtig, darauf zu achten, dass man so konstant wie möglich trainiert und vom Kopf her immer bei der Sache ist. Das kann manchmal ziemlich schwer sein, wie beispielsweise bei den vielen Verschiebungen der Qualifikation und der Olympischen Spiele durch Corona. Das war für die Motivation schon ziemlich hart, aber auch daran kann man arbeiten. Ich würde sogar behaupten, ich habe durch das Schwimmen gar keine Einschränkungen in meinem Leben.

Du finanzierst dir die hohen Kosten für Wettkämpfe, Trainingslager und Ausrüstung alle über Sponsoren. Können finanzielle Hürden dafür sorgen, dass man das Schwimmen aufgeben muss?
Ich würde schon sagen, dass für jüngere Sportler das größte Problem ihr fehlendes Einkommen ist. Es gibt im deutschen Schwimmsport den Nachwuchskader, den Perspektivkader und den Olympiakader. Wenn du nicht im Kader bist, dann musst du dir abseits der 300 Euro Sporthilfe alles selber finanzieren. Schwierig ist es, wenn man wenig Geld hat. Mit drei Trainingslagern im Jahr und Wettkampffahrten ins Ausland, die du dir selber finanzieren musst, bist du locker flockig schon bei acht- bis neuntausend Euro im Jahr. Besonders für Schüler, die nicht arbeiten können und kein zusätzliches Geld übrig haben, kann das echt kritisch sein. Deshalb hören viele nach dem Abitur auf, wenn sie nicht im Kader sind.

Gibt es etwas, dass du an den Zugangsvoraussetzungen für den Schwimmleistungssport verändern würdest?
Das ist jetzt natürlich leicht gesagt, aber ich glaube, dass es besser wäre, wenn man in jungen Jahren schon mehr gefördert wird. Die Lust am Schwimmen würde dadurch nicht so schnell verloren gehen wie das bei vielen der Fall ist. Da gibt es zum Beispiel die Sichtungswettkämpfe, die circa von der dritten bis zur achten Klasse gehen. Da wird geschaut, ob genügend Potential vorhanden ist. Ich zum Beispiel war früher so eine Niete in den Sichtungslehrgängen, dass meine Trainerin immer für mich kämpfen musste, damit ich an der Sportschule genommen werde. Heute hat sich das ausgezahlt. Deshalb denke ich, dass bei den Sichtungslehrgängen auch diejenigen weiter gefördert werden sollten, die richtig Bock aufs Schwimmen haben, auch wenn sie vielleicht noch keinen Klimmzug schaffen, aber sonst fleißig trainieren und solide Leistungen zeigen. Wenn man dann in den nächsten Jahren merkt, dass man sich nicht genügend weiterentwickelt hat, kann man das Ganze immer noch beenden.

„Ich glaube das Wichtigste ist, dass man den Willen hat.“

Wodurch zeichnet sich deiner Meinung nach ein guter Schwimmer aus?
Es kommt immer darauf an, wie talentiert du bist. Es gibt viele Schwimmer, die schon von Natur aus die perfekten körperlichen Voraussetzungen und Hebel haben. Und dann gibt es diejenigen, die sich ihren Erfolg noch etwas mehr erarbeiten müssen. Ich war während meiner ganzen Karriere immer jemand, der sich viel erarbeiten musste und viel geackert hat. Ich glaube das Wichtigste ist, dass man den Willen hat – auch wenn die anderen größer, stärker und schneller sein mögen. Alles zu geben und die Konkurrenz dann nach zwei Jahren zu überholen.

Wie hast du reagiert, als du erfahren hast, dass die Olympischen Spiele verschoben werden?
Ich war natürlich geschockt, aber für mich ist es besser gewesen als für manch anderen. Es war tatsächlich eine Chance, um mich noch weiter zu verbessern, da ich mir 2019 im Dezember das Kreuzband gerissen hatte. Durch den Ausfall musste ich alles mit einem gewissen Risiko machen. Auf der einen Seite habe ich natürlich daran gedacht, ob es diese Chance nochmal genauso für mich geben wird. Auf der anderen Seite habe ich aber auch gesehen, dass mein Knie kaputt war und sich ein extra Jahr bestimmt gut auf meine Leistung auswirken wird.

Wovon hängt es ab, ob man Deutschland bei den Olympischen Spielen vertritt?
Von einer nationalen Qualifikation, bei der alle deutschen Schwimmer, die theoretischeine Chance haben, teilnehmen können. Durch die Corona-Pandemie sind es dieses Mal nicht wie üblich die deutschen Meisterschaften, sondern nur die Leute, die eine reale Chance auf die Spiele haben. Im April wird in Berlin um die Streckenplätze geschwommen und entschieden, wer mitfahren kann.

Wenn alles nach Plan läuft und du tatsächlich im Sommer in Tokio bist, was sind deine Ziele?
Erstmal ist mein größtes Ziel, mich überhaupt zu qualifizieren. Ich habe aber auch schon nachgeschaut, welche Zeiten üblicherweise im Halbfinale geschwommen werden. Ich gehe davon aus, dass ich meine Bestzeit noch steigern kann und dann möchte ich mindestens ein Halbfinale schwimmen. Sollte ich schnellster Rückenschwimmer sein, werde ich auch für die Deutschland-Staffel nominiert, mit der es cool wäre, sogar bis ins Finale zu kommen. Das sind so meine größten Ziele. Im Vordergrund steht aber natürlich die Qualifikation. Das alleine wäre schon krass.

„Man hat das ganze Jahr für diesen einen Moment trainiert.“

Bist du noch sehr nervös vor so großen Wettkämpfen oder schleicht sich bei dir allmählich eine Routine ein?
Vor großen Wettkämpfen bin ich natürlich noch aufgeregt und das wird sich in den nächsten Jahren vermutlich auch nicht verändern. Ich glaube, es ist sogar ganz gut so, weil ich durch die Aufregung während der Wettkämpfe nochmal einen Adrenalinkick bekomme. Man hat das ganze Jahr für diesen einen Moment trainiert. Bei mir ist es so, dass ich denke: Du hast extrem hart trainiert, jetzt hattest du die Taperphase, bist ausgeruht, fühlst dich gut, jetzt geht’s ab. Ich bin zwar nervös, aber ich habe trotzdem übertrieben Bock, mich mit meinen Konkurrenten im Becken zu messen.

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.