Jung zu sein kann an manchen Tagen ganz schön philosophisch werden: Wer bin ich eigentlich? Wer möchte ich sein? Wo ist mein Platz in dieser Welt? Auch wenn man sich diese Fragen vielleicht nicht immer so bewusst stellt, beeinflussen sie doch Jugendliche weltweit. Auf der Suche nach den passenden Antworten spielen Glaube und Religion auch heutzutage noch eine bedeutende Rolle. Wir wollen mehr darüber erfahren, wie junge Menschen in Deutschland ihre religiöse Kultur ausleben. Toya Zurkuhlen (27) und Gelavije Zakeri (28) sind Muslima. Beide sind zum Islam konvertiert und das erste Mal über die Musik in Kontakt mit ihrer Religion gekommen.
Knut Löbe, Funky-Jugendreporter
Wie seid ihr beide zu eurem Glauben gekommen?
Toya: Ich bin in einem kleinen Städtchen in Mittelhessen bei einer sehr katholischen Familie groß geworden. Wir sind nicht nur an Weihnachten, sondern wirklich jeden Sonntag in die Kirche gegangen. Dass ich mich mit dem Christentum nicht so richtig identifizieren möchte, habe ich schon früh gemerkt. Ich habe in jungen Jahren zwar alles mitgemacht und den Glauben auch gelebt, mich dabei aber einfach nicht wohl gefühlt. Im Teenageralter bin ich eigentlich gar nicht mehr in die Kirche gegangen und habe lieber vom Universum als von Gott geredet. Trotzdem gab es immer diese Sehnsucht nach einer spirituellen und religiösen Praxis, die mir schon in meiner Kindheit Struktur und Kraft gegeben hat – auch wenn ich mich im katholischen Glauben nicht wiedergefunden habe. Durch das Hip-Hop-Tanzen bin ich dann zum ersten Mal richtig mit Muslimen in Kontakt gekommen. Ich fand es bewundernswert, wie selbstdiszipliniert und seelisch gesund sie auf mich gewirkt haben. Zu Beginn war da einfach dieses große Interesse herauszufinden, was diese Menschen so beeindruckend, so gütig, lieb, gesund, diszipliniert und beeindruckend macht. Ich habe angefangen, mich mehr und mehr mit dem Islam zu beschäftigen. So ist aus dem „Ich möchte das wissen“ dann irgendwann ein „Ich möchte das auch in meinem Leben haben“ geworden. Der Islam ist wie das Christentum eine abrahamitische Religion und war somit kein totales Neuland für mich. Vieles, was mir in meiner Kindheit mitgegeben wurde, besonders die Herzensbildung durch den Glauben, konnte ich einfach implementieren. Der muslimische Glaube ging meinem Gefühl nach noch einen Schritt weiter und hat mehr Sinn für mich ergeben. Mit 19 habe ich deshalb angefangen ihn zu praktizieren, das heißt, ich habe angefangen zu beten, zu fasten und keinen Alkohol mehr zu trinken. Richtig konvertiert bin ich aber erst mit 23. Im Islam fühle ich mich zuhause und angekommen. Es ist wie eine Reise, die meinem Charakter, meinem Herzen und meiner Seele guttut. Ich habe das Gefühl, diese Reise geht immer weiter und ich kann mit meinem Glauben immer weiter wachsen.
Gelavije: Toya ist durch den Hip-Hop zum Glauben gekommen. Auch bei mir war es die Musik, da ging es aber eher in Richtung Punk. Da war ich knappe 16 Jahre alt. Ich hatte schon immer Berührungspunkte mit dem Islam, weil ich mich schon früh für Religion und alte Geschichte interessiert habe und meine Eltern aus dem Iran kommen. Wir haben in meiner Kindheit immer die ganzen Sommerferien dort verbracht, meine Eltern sind aber nicht religiös. Im Teenie-Alter, besonders nach dem Anschlag vom elften September 2001, wurde ich immer häufiger mit dem Thema Frauenrechte im Islam konfrontiert. Den Fragen konnte ich irgendwann nicht mehr richtig ausweichen und wurde so mehr oder weniger dazu gedrängt, mich mit dem Islam zu beschäftigen. In Deutschland und dem Iran sah ich viele unterschiedliche Kulturen – die arabische, kurdische und türkische Kultur – und besonders in meinem Umfeld habe ich ein ganz anderes Frauenbild erlebt, als es von außen vermittelt wurde. Durch mein Umfeld habe ich also verstanden, dass es keinen pauschalen Islam mit Richtlinien gibt, an die sich Milliarden von Menschen halten. Ich habe gemerkt, dass das Bild in der Realität gar nicht so schwarz-weiß ist, und das hat mich einfach interessiert. Es gab mir tatsächlich eine Art Underdog-Feeling: Mal gucken, ob das hier stimmt. Die Inhalte haben mich mit der Zeit auch emotional angesprochen, besonders die theologischen Fragen und die Auseinandersetzung mit dem Thema Frauen im Islam haben mich total gecatcht. So bin ich da irgendwie reingerutscht und wurde dann einfach Muslimin. Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, wann ich das Glaubensbekenntnis gesprochen habe, weil es in meinem Herzen schon eine besiegelte Sache war. Es ist so ein bisschen wie Liebe und Beziehung: Das kannst du gar nicht rational erklären.
Wie waren da die Reaktionen aus eurem Umfeld?
Toya: Natürlich war es erstmal schwierig, besonders weil das Christentum in meiner Familie traditionell eine große Rolle spielt. Ich kann mir vorstellen, dass man sich erstmal vor den Kopf gestoßen fühlt, wenn man viel Mühe investiert hat, um dem Kind eine gute religiöse Basis zu geben und dann entscheidet sich das Kind einfach für eine andere Religion. Im Raum stand vor allem das große: Warum der Islam? Reicht denn nicht das aus, was wir dir gegeben haben, an das wir alle glauben? Mir haben da insbesondere Gespräche geholfen. Auf meinem Weg habe ich meine Familie Stück für Stück mitgenommen und immer versucht, so transparent wie möglich zu sein: Mit welchen Leuten habe ich zu tun, in welche Moschee gehe ich und welche Bücher lese ich gerade. Mir war es wichtig, meinen Eltern zu zeigen, dass ich nicht zu jemand anderem werde. Ich entscheide mich nicht gegen sie, nur weil ich mich für den Islam entscheide. Das erforderte Geduld, Diskussionen und jede Menge gesundes Streiten. Mein Weg wurde letzten Endes akzeptiert und angenommen, auch, weil meine Eltern gesehen haben, dass ich gute Menschen um mich herum habe und glücklich bin. Ich bin so wie ich bin, auch wegen meiner Religion. Da kann man dann natürlich auch nur bis zu einem bestimmten Grad dagegen argumentieren, wenn man sieht, dass ja eigentlich alles gut läuft.
Gelavije: Außerhalb meiner Familie gab es keine Reaktion, weil die Leute davon ausgegangen sind, dass ich immer schon muslimisch war. Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen, die in gewisser Weise ein politischer Flüchtling gewesen ist. Sie ist aus dem Iran geflohen, weil es dort eine, Zitat, „islamische Revolution“ gab. Ihr Bild war dementsprechend von einem rein politischen Islam geprägt. Natürlich gab es deshalb Diskussionen bei uns, auch wenn meine Mutter mich anfangs eher beobachtet hat. Sie hat mir nicht viel reingeredet, aus Angst vor einer Trotzreaktion und der Sorge, ich könnte radikal werden. Ich glaube, häufig lässt sich vieles auf diese Angst zurückführen. Auch wir haben natürlich oft miteinander gesprochen, diskutiert und gestritten. Es ist emotional, weil man einfach verstanden und akzeptiert werden möchte. Wie Toya aber schon so schön gesagt hat: Wenn du dein Leben gut und gesund lebst, dann gibt es wenige Gegenargumente.
Konvertieren und sich radikalisieren wird im öffentlichen Bild des Islams häufig in Verbindung gebracht. Gelavije hat eben von der Angst ihrer Mutter berichtet. Hast du ähnliche Erfahrung gemacht Toya?
Toya: Es ist leider häufig eine direkte Assoziation mit dem Islam. Deshalb bekommen Leute, die im Westen aufgewachsen sind und sich dann für den Islam entscheiden, oft diesen Stempel aufgedrückt. Auch bei meiner Mutter gab es zwischenzeitlich diese unbegründete Angst, die hauptsächlich da war, weil es vorher nie Berührungspunkte mit tatsächlichen Muslimen gegeben hat. Diese Sorge entwächst vor allem den einseitigen Berichterstattungen, Nachrichten und Spielfilmen, in denen Muslime immer wieder als Terroristen dargestellt werden, die gestoppt werden müssen. Auch von der muslimischen Community weiß ich, dass extreme Lebenswandel, wo Leute von heute auf morgen streng konservativ muslimisch leben, erst einmal beäugt werden. Ich persönlich habe das aber nicht erlebt.
Du entwickelst eine Wertschätzung und einen Fokus für die eigenen Ziele und Wünsche.
Toya über die positiven Auswikungen des Islams auf ihr Leben
Wie hat sich euer Leben positiv durch den Islam verändert?
Toya: Ich glaube mein prominentestes Beispiel ist das Alkoholtrinken. In der deutschen Kultur wird Alkohol ja fast schon religiös zelebriert, sei es jetzt das Oktoberfestbier, das Grillbier oder das Vatertagsbier. Ich bin genau mit diesem Verständnis von einem unproblematischem Alkoholkonsum aufgewachsen. Durch den Islam habe ich zum ersten Mal ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass Alkohol auch eine Droge ist. Ansonsten tut es mir total gut, diese spirituelle Praxis im Leben und Alltag zu haben. Vieles was momentan als Selfcare oder Selflove auf Social Media im Trend liegt, wird seit Ewigkeiten vom Islam gelehrt und ist tief in ihm verankert. Bei den Gebeten geht es unter anderem genau darum: fünfmal am Tag inne zu halten und dankbar zu dafür sein, dass man gerade atmet, am Leben ist und im besten Fall keinen Hunger hat. Im Islam heißt diese Bitte Duʿā’, auf Instagram würde man von affirmation sprechen. Du entwickelst eine Wertschätzung und einen Fokus für die eigenen Ziele und Wünsche. Der Islam gibt mir eine Struktur und ist wie eine Sinnfindung, bei der man sich selbst und die eigenen Gedanken ständig reflektiert. Ich glaube, das ist etwas sehr Positives.
Gelavije: Dem kann ich wirklich nur zustimmen. Es ist auf jeden Fall ein ethischer und moralischer roter Faden im Leben. Ich gehe mit einer ganz anderen Perspektive durch die Welt. Auch wenn ich in manchen Phasen und Monaten überhaupt nicht bete, ist der Glaube immer eine sehr präsente Sache, die einen davon abhält, in dieser eher oberflächlichen Welt die Orientierung zu verlieren. Immer wenn ich das Gefühl habe, nicht weiter zu wissen, dann ist mein Glaube wie eine Guideline, die ich befolgen kann. Ich habe immer etwas, auf das ich zurückkommen kann.
Wie engagiert ihr euch in der Community?
Toya: Wir beide sind bei dem Videoformat „Datteltäter“ aktiv. Ich persönlich habe nach einem Praktikum 2018 fest dort angefangen. Unter anderem arbeite ich in der Produktion, bin aber auch für das Community Management und Castings verantwortlich und dabei immer in gutem Kontakt mit der muslimischen Community. Unsere Themen variieren von lustiger Satire bis hin zu sozialen Experimenten oder Generationsgesprächen. Häufig liegen unserer Arbeit sehr ernste und schmerzhafte Erfahrungen zugrunde. Das können Dinge sein, die Mitgliedern aus unserem Team, der Community oder in der Politik passiert sind. Obwohl einem bei den Themen manchmal eher zum Weinen zumute ist, bauen wir die Brücken lieber mit einem Lachen anstatt mit dem erhobenen Zeigefinger. Gelavije und ich haben außerdem die Plattform „Das Niyah Narrativ“ mit einem eigenen Podcast gegründet. Der nimmt sich besonders der muslimisch konvertierten Community an, weil wir durch die Arbeit bei „Datteltäter“ gemerkt haben, dass es da noch eine große Lücke gibt. Gerade wenn man noch neu in seinem Glauben ist, kann man sich manchmal etwas verloren fühlen. Da ist es einfach schön, wenn man sich austauschen, seine Sorgen kundtun und Wünsche miteinander teilen kann.
Es ist mein Sein, es ist die Art und Weise, wie ich Dinge sehe und durch die Welt gehe.
Gelavije über den islam in ihrem Alltag.
Wie integriert ihr den Glauben in euren Alltag?
Gelavije: Ich muss sagen, in unserem Fall geht das total gut. Bei „Datteltäter“ haben wir jederzeit die Möglichkeit zu beten. Mir persönlich fällt es deshalb leicht. Im Allgemeinen ist es aber schwer da eine Abgrenzung zu machen und festzulegen, wann ich den Glauben in den Alltag integriere und wann nicht – er ist eben die ganze Zeit da. Es ist mein Sein, es ist die Art und Weise, wie ich Dinge sehe und durch die Welt gehe.
Toya: Wir beide sind natürlich in einer super einfachen Situation, weil wir in einer Produktionsfirma arbeiten, die mehrheitlich muslimisch ist und muslimische Themen behandelt. Dort wird ein total schöner Raum geschaffen. Auch im privaten Leben geht es mir ähnlich wie Gelavije. Das Beten kommt auch bei mir phasenweise. Im Alltag sind verschiedene Kleinigkeiten immer da: Dass man beispielsweise vor jedem Essen den Segensspruch Bismillah sagt oder am Morgen wertschätzt, dass man aufwachen durfte. Aber auch in Situationen, in denen sich meine Gedanken aufhängen und versteifen, ist der Glaube etwas, mit dem ich mich da immer wieder rausziehen kann. Ich kann innehalten, kurz durchatmen und alles einordnen. Außerdem regelt der Islam viel Zwischenmenschliches, also wie man sich im Miteinander verhält. Ich finde, der Islam spiegelt sich vor allem darin wider, wie du durch dein Leben gehst und mit deinen Mitmenschen interagierst.
Ihr habt von schmerzlichen Alltagserfahrungen gesprochen, die ihr bei „Datteltäter“ verarbeitet. Gibt es etwas, dass ihr euch vom öffentlichen Umgang wünschen würdet?
Gelavije: Ich habe das Gefühl, dass ist eine sehr wichtige Frage, bei der wir nicht irgendetwas Belangloses sagen sollten. Diese Frage ist immer sehr schwierig. An sich wünschen wir uns Liebe, Toleranz, Akzeptanz und mehr Weitsicht – ich glaube, so geht es allerdings allen, die nicht Teil der Dominanzkultur sind. Sei es, ob du homosexuell, muslimisch oder jüdisch bist, es ist immer der Kernwunsch, als vollwertiger Mensch gesehen und auch so behandelt zu werden.
Toya: Ich finde, Gelavije hat es perfekt ausgedrückt.
Würdet ihr sagen, in eurem Glauben spielt es eine besondere Rolle jung zu sein?
Toya: Ich würde eher sagen bei der Generation junger Muslime verändert sich momentan etwas: Leute schaffen Dinge, sind laut und nehmen den Platz ein, der ihnen zusteht. Es ist toll ein Teil davon zu sein und einfach cool, dass wir gerade in einer Zeit Leben, in der wir nicht mehr darauf warten müssen, dass uns Leute Sendeplätze geben.
Gelavije: Und man dem WDR antworten kann! (Anm .d. Red.: Der TV-Sender WDR stand vor wenigen Wochen mit der Talkshow „Die letzte Instanz“ in der Kritik, Rassismus reproduziert zu haben)
Toya: Genau! Wir alle haben durch die sozialen Medien ein Sprachrohr und dadurch hat sich wahnsinnig viel verändert. Leute haben die Möglichkeit, ihre Stimme zu erheben und eine andere Art von Druck auszuüben. Dadurch entsteht ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl. Es ist total schön, dass wir in dieser Generation die Freiheit haben uns hier in Deutschland selbst zu definieren und neu zu erfinden. Man hat das Gefühl, nicht mehr ganz so machtlos den Vorurteilen ausgeliefert zu sein wie man es vielleicht noch vor 20 Jahren war.
Gelavije: Wir sind jetzt außerdem aus einer Generation – da spreche ich jetzt aus migrantischer Perspektive – bei der wir ganz klar sagen können, wir sind Deutsche, und wir haben absolut das Recht, laut zu sein. Unsere Elterngeneration, die hier neu war, vertrat durchaus auch selber die Meinung, hier fremd zu sein, weil sie keine Deutschen waren. Sie haben sich sozusagen gar nicht getraut etwas einzufordern. Das ist in unserer Generation ganz anders. Ich bin erst in der ersten Generation, zum Teil sind viele Freunde von mir aber auch schon in der dritten Generation hier. Wem willst du denn da noch erzählen, dass wir keine Deutschen sind.!
Gibt es etwas, auf das ihr besonders stolz seid bei eurer Community?
Toya: Ich bin stolz darauf, dass wir eine Community haben, die nicht müde wird. Mich fasziniert, was junge Menschen an Kreativität und Talent mitbringen. Was viele aus ihrem Schmerz, aber auch aus ihrer Liebe zu Kultur, zu Tradition und dieser Religion schaffen ist einfach nur eine Explosion von Inspiration. Dass dieser Glaube soviel Schönheit mit sich bringt, darauf bin ich total stolz.
Gelavije: Absolut. Ich bin stolz auf den Kämpfergeist und die Inspiration unserer Community. Toya und ich bekommen es gerade besonders mit, weil wir bei der Datteltäter-Academy mitwirken. Ich sage dir, da gibt es soviel Talent, auf das man stolz sein kann!
Wie seid ihr beide zu eurem Glauben gekommen?
Toya: Ich bin in einem kleinen Städtchen in Mittelhessen bei einer sehr katholischen Familie groß geworden. Wir sind nicht nur an Weihnachten, sondern wirklich jeden Sonntag in die Kirche gegangen. Dass ich mich mit dem Christentum nicht so richtig identifizieren möchte, habe ich schon früh gemerkt. Ich habe in jungen Jahren zwar alles mitgemacht und den Glauben auch gelebt, mich dabei aber einfach nicht wohl gefühlt. Im Teenageralter bin ich eigentlich gar nicht mehr in die Kirche gegangen und habe lieber vom Universum als von Gott geredet. Trotzdem gab es immer diese Sehnsucht nach einer spirituellen und religiösen Praxis, die mir schon in meiner Kindheit Struktur und Kraft gegeben hat – auch wenn ich mich im katholischen Glauben nicht wiedergefunden habe. Durch das Hip-Hop-Tanzen bin ich dann zum ersten Mal richtig mit Muslimen in Kontakt gekommen. Ich fand es bewundernswert, wie selbstdiszipliniert und seelisch gesund sie auf mich gewirkt haben. Zu Beginn war da einfach dieses große Interesse herauszufinden, was diese Menschen so beeindruckend, so gütig, lieb, gesund, diszipliniert und beeindruckend macht. Ich habe angefangen, mich mehr und mehr mit dem Islam zu beschäftigen. So ist aus dem „Ich möchte das wissen“ dann irgendwann ein „Ich möchte das auch in meinem Leben haben“ geworden. Der Islam ist wie das Christentum eine abrahamitische Religion und war somit kein totales Neuland für mich. Vieles, was mir in meiner Kindheit mitgegeben wurde, besonders die Herzensbildung durch den Glauben, konnte ich einfach implementieren. Der muslimische Glaube ging meinem Gefühl nach noch einen Schritt weiter und hat mehr Sinn für mich ergeben. Mit 19 habe ich deshalb angefangen ihn zu praktizieren, das heißt, ich habe angefangen zu beten, zu fasten und keinen Alkohol mehr zu trinken. Richtig konvertiert bin ich aber erst mit 23. Im Islam fühle ich mich zuhause und angekommen. Es ist wie eine Reise, die meinem Charakter, meinem Herzen und meiner Seele guttut. Ich habe das Gefühl, diese Reise geht immer weiter und ich kann mit meinem Glauben immer weiter wachsen.
Gelavije: Toya ist durch den Hip-Hop zum Glauben gekommen. Auch bei mir war es die Musik, da ging es aber eher in Richtung Punk. Da war ich knappe 16 Jahre alt. Ich hatte schon immer Berührungspunkte mit dem Islam, weil ich mich schon früh für Religion und alte Geschichte interessiert habe und meine Eltern aus dem Iran kommen. Wir haben in meiner Kindheit immer die ganzen Sommerferien dort verbracht, meine Eltern sind aber nicht religiös. Im Teenie-Alter, besonders nach dem Anschlag vom elften September 2001, wurde ich immer häufiger mit dem Thema Frauenrechte im Islam konfrontiert. Den Fragen konnte ich irgendwann nicht mehr richtig ausweichen und wurde so mehr oder weniger dazu gedrängt, mich mit dem Islam zu beschäftigen. In Deutschland und dem Iran sah ich viele unterschiedliche Kulturen – die arabische, kurdische und türkische Kultur – und besonders in meinem Umfeld habe ich ein ganz anderes Frauenbild erlebt, als es von außen vermittelt wurde. Durch mein Umfeld habe ich also verstanden, dass es keinen pauschalen Islam mit Richtlinien gibt, an die sich Milliarden von Menschen halten. Ich habe gemerkt, dass das Bild in der Realität gar nicht so schwarz-weiß ist, und das hat mich einfach interessiert. Es gab mir tatsächlich eine Art Underdog-Feeling: Mal gucken, ob das hier stimmt. Die Inhalte haben mich mit der Zeit auch emotional angesprochen, besonders die theologischen Fragen und die Auseinandersetzung mit dem Thema Frauen im Islam haben mich total gecatcht. So bin ich da irgendwie reingerutscht und wurde dann einfach Muslimin. Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, wann ich das Glaubensbekenntnis gesprochen habe, weil es in meinem Herzen schon eine besiegelte Sache war. Es ist so ein bisschen wie Liebe und Beziehung: Das kannst du gar nicht rational erklären.
Wie waren da die Reaktionen aus eurem Umfeld?
Toya: Natürlich war es erstmal schwierig, besonders weil das Christentum in meiner Familie traditionell eine große Rolle spielt. Ich kann mir vorstellen, dass man sich erstmal vor den Kopf gestoßen fühlt, wenn man viel Mühe investiert hat, um dem Kind eine gute religiöse Basis zu geben und dann entscheidet sich das Kind einfach für eine andere Religion. Im Raum stand vor allem das große: Warum der Islam? Reicht denn nicht das aus, was wir dir gegeben haben, an das wir alle glauben? Mir haben da insbesondere Gespräche geholfen. Auf meinem Weg habe ich meine Familie Stück für Stück mitgenommen und immer versucht, so transparent wie möglich zu sein: Mit welchen Leuten habe ich zu tun, in welche Moschee gehe ich und welche Bücher lese ich gerade. Mir war es wichtig, meinen Eltern zu zeigen, dass ich nicht zu jemand anderem werde. Ich entscheide mich nicht gegen sie, nur weil ich mich für den Islam entscheide. Das erforderte Geduld, Diskussionen und jede Menge gesundes Streiten. Mein Weg wurde letzten Endes akzeptiert und angenommen, auch, weil meine Eltern gesehen haben, dass ich gute Menschen um mich herum habe und glücklich bin. Ich bin so wie ich bin, auch wegen meiner Religion. Da kann man dann natürlich auch nur bis zu einem bestimmten Grad dagegen argumentieren, wenn man sieht, dass ja eigentlich alles gut läuft.
Gelavije: Außerhalb meiner Familie gab es keine Reaktion, weil die Leute davon ausgegangen sind, dass ich immer schon muslimisch war. Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen, die in gewisser Weise ein politischer Flüchtling gewesen ist. Sie ist aus dem Iran geflohen, weil es dort eine, Zitat, „islamische Revolution“ gab. Ihr Bild war dementsprechend von einem rein politischen Islam geprägt. Natürlich gab es deshalb Diskussionen bei uns, auch wenn meine Mutter mich anfangs eher beobachtet hat. Sie hat mir nicht viel reingeredet, aus Angst vor einer Trotzreaktion und der Sorge, ich könnte radikal werden. Ich glaube, häufig lässt sich vieles auf diese Angst zurückführen. Auch wir haben natürlich oft miteinander gesprochen, diskutiert und gestritten. Es ist emotional, weil man einfach verstanden und akzeptiert werden möchte. Wie Toya aber schon so schön gesagt hat: Wenn du dein Leben gut und gesund lebst, dann gibt es wenige Gegenargumente.
Konvertieren und sich radikalisieren wird im öffentlichen Bild des Islams häufig in Verbindung gebracht. Gelavije hat eben von der Angst ihrer Mutter berichtet. Hast du ähnliche Erfahrung gemacht Toya?
Toya: Es ist leider häufig eine direkte Assoziation mit dem Islam. Deshalb bekommen Leute, die im Westen aufgewachsen sind und sich dann für den Islam entscheiden, oft diesen Stempel aufgedrückt. Auch bei meiner Mutter gab es zwischenzeitlich diese unbegründete Angst, die hauptsächlich da war, weil es vorher nie Berührungspunkte mit tatsächlichen Muslimen gegeben hat. Diese Sorge entwächst vor allem den einseitigen Berichterstattungen, Nachrichten und Spielfilmen, in denen Muslime immer wieder als Terroristen dargestellt werden, die gestoppt werden müssen. Auch von der muslimischen Community weiß ich, dass extreme Lebenswandel, wo Leute von heute auf morgen streng konservativ muslimisch leben, erst einmal beäugt werden. Ich persönlich habe das aber nicht erlebt.
Wie hat sich euer Leben positiv durch den Islam verändert?
Toya: Ich glaube mein prominentestes Beispiel ist das Alkoholtrinken. In der deutschen Kultur wird Alkohol ja fast schon religiös zelebriert, sei es jetzt das Oktoberfestbier, das Grillbier oder das Vatertagsbier. Ich bin genau mit diesem Verständnis von einem unproblematischem Alkoholkonsum aufgewachsen. Durch den Islam habe ich zum ersten Mal ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass Alkohol auch eine Droge ist. Ansonsten tut es mir total gut, diese spirituelle Praxis im Leben und Alltag zu haben. Vieles was momentan als Selfcare oder Selflove auf Social Media im Trend liegt, wird seit Ewigkeiten vom Islam gelehrt und ist tief in ihm verankert. Bei den Gebeten geht es unter anderem genau darum: fünfmal am Tag inne zu halten und dankbar zu dafür sein, dass man gerade atmet, am Leben ist und im besten Fall keinen Hunger hat. Im Islam heißt diese Bitte Duʿā’, auf Instagram würde man von affirmation sprechen. Du entwickelst eine Wertschätzung und einen Fokus für die eigenen Ziele und Wünsche. Der Islam gibt mir eine Struktur und ist wie eine Sinnfindung, bei der man sich selbst und die eigenen Gedanken ständig reflektiert. Ich glaube, das ist etwas sehr Positives.
Gelavije: Dem kann ich wirklich nur zustimmen. Es ist auf jeden Fall ein ethischer und moralischer roter Faden im Leben. Ich gehe mit einer ganz anderen Perspektive durch die Welt. Auch wenn ich in manchen Phasen und Monaten überhaupt nicht bete, ist der Glaube immer eine sehr präsente Sache, die einen davon abhält, in dieser eher oberflächlichen Welt die Orientierung zu verlieren. Immer wenn ich das Gefühl habe, nicht weiter zu wissen, dann ist mein Glaube wie eine Guideline, die ich befolgen kann. Ich habe immer etwas, auf das ich zurückkommen kann.
Wie engagiert ihr euch in der Community?
Toya: Wir beide sind bei dem Videoformat „Datteltäter“ aktiv. Ich persönlich habe nach einem Praktikum 2018 fest dort angefangen. Unter anderem arbeite ich in der Produktion, bin aber auch für das Community Management und Castings verantwortlich und dabei immer in gutem Kontakt mit der muslimischen Community. Unsere Themen variieren von lustiger Satire bis hin zu sozialen Experimenten oder Generationsgesprächen. Häufig liegen unserer Arbeit sehr ernste und schmerzhafte Erfahrungen zugrunde. Das können Dinge sein, die Mitgliedern aus unserem Team, der Community oder in der Politik passiert sind. Obwohl einem bei den Themen manchmal eher zum Weinen zumute ist, bauen wir die Brücken lieber mit einem Lachen anstatt mit dem erhobenen Zeigefinger. Gelavije und ich haben außerdem die Plattform „Das Niyah Narrativ“ mit einem eigenen Podcast gegründet. Der nimmt sich besonders der muslimisch konvertierten Community an, weil wir durch die Arbeit bei „Datteltäter“ gemerkt haben, dass es da noch eine große Lücke gibt. Gerade wenn man noch neu in seinem Glauben ist, kann man sich manchmal etwas verloren fühlen. Da ist es einfach schön, wenn man sich austauschen, seine Sorgen kundtun und Wünsche miteinander teilen kann.
Wie integriert ihr den Glauben in euren Alltag?
Gelavije: Ich muss sagen, in unserem Fall geht das total gut. Bei „Datteltäter“ haben wir jederzeit die Möglichkeit zu beten. Mir persönlich fällt es deshalb leicht. Im Allgemeinen ist es aber schwer da eine Abgrenzung zu machen und festzulegen, wann ich den Glauben in den Alltag integriere und wann nicht – er ist eben die ganze Zeit da. Es ist mein Sein, es ist die Art und Weise, wie ich Dinge sehe und durch die Welt gehe.
Toya: Wir beide sind natürlich in einer super einfachen Situation, weil wir in einer Produktionsfirma arbeiten, die mehrheitlich muslimisch ist und muslimische Themen behandelt. Dort wird ein total schöner Raum geschaffen. Auch im privaten Leben geht es mir ähnlich wie Gelavije. Das Beten kommt auch bei mir phasenweise. Im Alltag sind verschiedene Kleinigkeiten immer da: Dass man beispielsweise vor jedem Essen den Segensspruch Bismillah sagt oder am Morgen wertschätzt, dass man aufwachen durfte. Aber auch in Situationen, in denen sich meine Gedanken aufhängen und versteifen, ist der Glaube etwas, mit dem ich mich da immer wieder rausziehen kann. Ich kann innehalten, kurz durchatmen und alles einordnen. Außerdem regelt der Islam viel Zwischenmenschliches, also wie man sich im Miteinander verhält. Ich finde, der Islam spiegelt sich vor allem darin wider, wie du durch dein Leben gehst und mit deinen Mitmenschen interagierst.
Ihr habt von schmerzlichen Alltagserfahrungen gesprochen, die ihr bei „Datteltäter“ verarbeitet. Gibt es etwas, dass ihr euch vom öffentlichen Umgang wünschen würdet?
Gelavije: Ich habe das Gefühl, dass ist eine sehr wichtige Frage, bei der wir nicht irgendetwas Belangloses sagen sollten. Diese Frage ist immer sehr schwierig. An sich wünschen wir uns Liebe, Toleranz, Akzeptanz und mehr Weitsicht – ich glaube, so geht es allerdings allen, die nicht Teil der Dominanzkultur sind. Sei es, ob du homosexuell, muslimisch oder jüdisch bist, es ist immer der Kernwunsch, als vollwertiger Mensch gesehen und auch so behandelt zu werden.
Toya: Ich finde, Gelavije hat es perfekt ausgedrückt.
Würdet ihr sagen, in eurem Glauben spielt es eine besondere Rolle jung zu sein?
Toya: Ich würde eher sagen bei der Generation junger Muslime verändert sich momentan etwas: Leute schaffen Dinge, sind laut und nehmen den Platz ein, der ihnen zusteht. Es ist toll ein Teil davon zu sein und einfach cool, dass wir gerade in einer Zeit Leben, in der wir nicht mehr darauf warten müssen, dass uns Leute Sendeplätze geben.
Gelavije: Und man dem WDR antworten kann! (Anm .d. Red.: Der TV-Sender WDR stand vor wenigen Wochen mit der Talkshow „Die letzte Instanz“ in der Kritik, Rassismus reproduziert zu haben)
Toya: Genau! Wir alle haben durch die sozialen Medien ein Sprachrohr und dadurch hat sich wahnsinnig viel verändert. Leute haben die Möglichkeit, ihre Stimme zu erheben und eine andere Art von Druck auszuüben. Dadurch entsteht ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl. Es ist total schön, dass wir in dieser Generation die Freiheit haben uns hier in Deutschland selbst zu definieren und neu zu erfinden. Man hat das Gefühl, nicht mehr ganz so machtlos den Vorurteilen ausgeliefert zu sein wie man es vielleicht noch vor 20 Jahren war.
Gelavije: Wir sind jetzt außerdem aus einer Generation – da spreche ich jetzt aus migrantischer Perspektive – bei der wir ganz klar sagen können, wir sind Deutsche, und wir haben absolut das Recht, laut zu sein. Unsere Elterngeneration, die hier neu war, vertrat durchaus auch selber die Meinung, hier fremd zu sein, weil sie keine Deutschen waren. Sie haben sich sozusagen gar nicht getraut etwas einzufordern. Das ist in unserer Generation ganz anders. Ich bin erst in der ersten Generation, zum Teil sind viele Freunde von mir aber auch schon in der dritten Generation hier. Wem willst du denn da noch erzählen, dass wir keine Deutschen sind.!
Gibt es etwas, auf das ihr besonders stolz seid bei eurer Community?
Toya: Ich bin stolz darauf, dass wir eine Community haben, die nicht müde wird. Mich fasziniert, was junge Menschen an Kreativität und Talent mitbringen. Was viele aus ihrem Schmerz, aber auch aus ihrer Liebe zu Kultur, zu Tradition und dieser Religion schaffen ist einfach nur eine Explosion von Inspiration. Dass dieser Glaube soviel Schönheit mit sich bringt, darauf bin ich total stolz.
Gelavije: Absolut. Ich bin stolz auf den Kämpfergeist und die Inspiration unserer Community. Toya und ich bekommen es gerade besonders mit, weil wir bei der Datteltäter-Academy mitwirken. Ich sage dir, da gibt es soviel Talent, auf das man stolz sein kann!