Interview

Junges, jüdisches Leben in Deutschland ist vielfältig – Studentin Lena im Interview

Lena im Interview
Jung zu sein kann an manchen Tagen ganz schön philosophisch werden: Wer bin ich eigentlich? Wer möchte ich sein? Wo ist mein Platz in dieser Welt? Auch wenn man sich diese Fragen vielleicht nicht immer so bewusst stellt, beeinflussen sie doch Jugendliche weltweit. Auf der Suche nach den passenden Antworten spielen Glaube und Religion auch heutzutage noch eine bedeutende Rolle. Wir wollen mehr darüber erfahren, wie junge Menschen in Deutschland ihren religiöse Kultur ausleben. Lena ist eine Studentin aus Bayern und verriet uns im Interview, was es für sie bedeutet, jung und jüdisch zu sein.
Knut Löbe, funky-Jugendreporter

Wann hast du dich das erste Mal mit deiner jüdischen Identität auseinandergesetzt?
Ich bin in der Ukraine geboren worden und wusste immer schon, dass ich jüdisch bin. Aber ich wusste nie so richtig, was genau das eigentlich bedeuet. Wirklich auseinandergesetzt habe ich mich damit zum ersten Mal in der Grundschule, nachdem ich häufiger Bemerkungen wie „Hey du Jude“ zu hören bekommen habe. „Jude“ an sich ist natürlich kein Schimpfwort, aber ich habe gemerkt, dass Christen oder Muslime nicht auf diese Art und Weise angesprochen wurden. Irgendwie war es besonders, jüdisch zu sein, und ich wollte wissen, wieso das so ist. Der Religionsunterricht meiner Gemeinde hat mir dann allmählich nähergebracht, was für Bräuche und Traditionen es im Judentum gibt und welche Geschichte hinter der Religion steckt. Bei mir war es also hauptsächlich das Interesse an der eigenen Identität.

Bist du religiös?
Ich persönlich bin nicht religiös und halte deshalb selten Schabbat, esse nicht koscher und befolge auch nicht die Kleidungsvorschriften. Was Feste und Feiertage angeht, bin ich allerdings sehr traditionsverbunden. Ich engagiere mich im jungen jüdischen Leben und in der Jugendarbeit. Ich bin Teil der Jüdischen Studierendenunion, mache bei dem Begegnungsprojekt „meetajew“ mit und bin seit diesem Jahr auch Jugendleiterin beim Sportverein Maccabi in Nürnberg. Meine Familie ist, genau wie ich, säkular. Das heißt wir praktizieren das Judentum nicht als Religion, der Glaube spielt aber eine Rolle in unserem Leben.

Was bedeutet es für dich, jüdisch zu sein?
Jüdisch zu sein bedeutet für mich, den Zusammenhalt einer Gemeinschaft hinter mir zu haben, die immer da ist, wenn ich Unterstützung brauche. Wir sind eine Community, die zwar nicht ausschließlich, aber besonders wegen ihrer gemeinsamen Geschichte auf eine ganz spezielle Art und Weise zusammenhält. Ohne vermessen klingen zu wollen hat es für mich etwas von einer Selbstverständlichkeit. Wenn ich zum Beispiel zu einem unserer Seminare komme, weiß ich, wir alle kennen die gleichen Lieder und das Essen wird auf jeden Fall koscher sein. Innerhalb der jüdischen Community fühlt man sich wirklich wie in einem kleinen Dorf. Irgendwie kennt jeder jeden. Man erzählt Klatsch und Tratsch und es gibt immer ein paar Stories, die noch nicht erzählt wurden – als träfe man sich mit einer großen Familie.

Wie lebst du deine jüdische Identität aus?
Seitdem ich 14 bin trage ich eine Kette mit dem Davidstern, die ich nie ablege. Als ich 17 war ist noch eine zweite dazugekommen. Besonders im Sommer kann jeder meine Ketten sehen. Ich habe schon häufiger Blicke gespürt, wenn ich in der U-Bahn saß. Man kann ja ganz gut einschätzen, auf welche Art und Weise man gemustert wird. Mein negativstes Erlebnis war eine Reaktion auf Facebook zu einem Interview, das der Bayrische Rundfunk mit mir geführt hatte. Da schrieb jemand, dass es mit dem Erinnern doch mal langsam genug wäre und wir selber Schuld wären, wenn wir einen „Judenstern“ als Kette tragen würden. Ich möchte solchen Leuten nachts nicht begegnen. Deswegen habe ich schon irgendwo Angst. Ich verstehe nicht, wie man sich so vom Schmuck anderer angegriffen fühlen kann. Das ergibt für mich absolut keinen Sinn. Ich will mich von solchen Leuten aber nicht einschüchtern lassen und lasse mir von keinem vorschreiben, wie ich zu leben habe. Egal, ob das jetzt Religion, Kleidung oder meine Redensart betrifft.

Welche Erfahrungen machst du in deinem Alltag als Studentin?
In der Universität hatte ich bisher kein negatives Erlebnis. Ich bekomme häufiger mal den Satz „Oh, du bist die erste Jüdin die ich kennenlerne“ zu hören, und ich denke mir dann „Ok cool, wenigstens kennt ihr jetzt eine.“ Häufig kommen dann natürlich auch Fragen auf, und das finde ich persönlich besser, als wenn man das Thema totschweigt. Ich weiß, die Leute haben Fragen und Fakt ist, dass es nicht viele Juden in Deutschland gibt. Ich freue mich deshalb, wenn ich Fragen beantworten kann. Ich glaube, je mehr ein Mensch weiß, desto weniger Vorurteile hat er.

Das Judentum ist im öffentlichen Bild stark vom Holocaust geprägt. Besonders junge jüdische Menschen in Deutschland wollen sich aber nicht nur darüber definieren lassen. Geht es dir da auch so?
Absolut, zu 100 Prozent. Ein gutes Beispiel ist der Anschlag von Halle. Am nächsten Tag wurde ich von vielen Journalisten angerufen, die alle ein Statement von mir haben wollten. Ich habe mir gedacht: Natürlich ist es wichtig, dass ihr darüber berichten wollt. Aber warum ist euer Interesse nicht da, wenn bei uns alles gut ist? Wenn wir beispielsweise ein riesiges Event von der Jüdischen Studierendenunion planen oder über Umwelt und Feminismus in unseren Gemeinden diskutieren – das sind gute Gründe, um über uns zu berichten. Wenn der Anlass aber kein dramatischer ist, besteht bei vielen Medien kein Interesse. Ich finde das schade. Wir haben zum Beispiel einen queeren jüdischen Verein, und der verdient mehr mediale Aufmerksamkeit. So ein Verein zeigt, dass wir mit der Zeit gehen und dass Juden eben nicht nur Schwarz-weiß-Bilder in Geschichtsbüchern sind. Es ist das reale und lebendige Judentum in Deutschland, über das mehr berichtet werden sollte.

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Was bedeutet es, eine junge Frau in der jüdischen Community zu sein?
Die Vorstände unserer Gemeinden sind meisten in einer Altersgruppe 50 plus. Natürlich ist es manchmal schwierig, dort mit den eigenen Ideen Anklang zu finden. Ich glaube, dass ist aber nicht nur in unseren Gemeinden ein Problem, sondern betrifft die gesamte Gesellschaft. Wir sind wie der Rest der Welt damit beschäftigt, für mehr Gleichberechtigung einzustehen. Deshalb schaffen wir Plattformen für den gemeinsamen Austausch unter Gleichaltrigen, wie beispielsweise Ferienfreizeiten oder Verbände auf Bund- und Länderebene. Gemeinsam werden wir eher gehört, als wenn wir es alleine versuchen. Konkret mit Feminismus wird sich vor allem in der Studierendenunion auseinandergesetzt und einmal im Jahr wird ein „Jewish Women Empowerment Summit“ veranstaltet. Dort können wir alle unsere jüdische Identität so ausleben, wie wir möchten, und mit dem feministischen Aktivismus verknüpfen.

Gibt es etwas, auf das du aufgrund deiner jüdischen Identität stolz bist?
Absolut. Ich bin stolz auf unsere Community und die Vielfalt an Angeboten. Ich bin stolz darauf, dass ich einen Platz habe, an dem meine Stimme gehört wird und wo meine Ideen etwas wert sind.

Ein besonders interessantes Angebot deiner Community ist die „Jewrovision“. Was hat es damit auf sich?
Die Jewrovison hat mal auf ganz kleiner Bühne angefangen und findet mittlerweile als ein riesiges Fest in Messezentren statt. Die Veranstaltung ist eigentlich wie der Eurovision Song Contest konzipiert, nur dass keine Länder, sondern Städte gegeneinander antreten. Jedes Jahr gibt es ein neues jüdisches Motto. Beim letzten Mal hatten wir das Motto „Chai“, was übersetzt Leben heißt. Zu diesem Motto muss man dann einen Song covern und den Text an das Motto anpassen. Wir haben drei bis vier Monate Zeit um ein Vorstellungsvideo zu machen und uns eine Gestaltung für den Act zu überlegen. Das letzte Mal habe ich 2019 in Frankfurt teilgenommen und wir sind Dritter geworden. Ich stand als Hauptsängerin mit einem Chor, Tänzern und Trommlern auf der Bühne. Im Saal waren über viertausend Menschen. Nach meinem Auftritt habe ich vor Erleichterung geweint. Es ist wirklich so eine krasse Veranstaltung und gleichzeitig ein großes Wiedersehen mit Freunden, Jugendleitern und Coaches. Wenn ich die Jewrovision mit einem Wort beschreiben müsste, dann wäre das wahrscheinlich Euphorie. Die Aufregung ist unbeschreiblich. Die Nerven liegen blank. Alle fiebern mit. Alle schreien. Alle tanzen. Es ist wunderschön.

Zu guter Letzt: Was würdest du dir vom gesellschaftlichen Umgang mit dem Judentum wünschen?
Ich wünsche mir eine faire Berichterstattung. Außerdem finde ich Offenheit und Toleranz gegenüber dem diversen Deutschland, das wir zu bieten habe, sehr wichtig. Die Diversität, die es in unserem Land gibt, sollte gefeiert werden, anstatt sie runterzumachen. Mal ganz ehrlich – was wäre Deutschland ohne seine Vielfalt? Offenheit, Verständnis und Toleranz für alle Kulturen, Religionen, Hautfarben – das würde ich mir wünschen.

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.