Vom Online-Studium direkt zum Aushilfsjob auf der Corona-Intensivstation

Frau mit Abhörgerät in Krankenhauskleidung
Gefangen im eintönigen Trott des zweiten Lockdowns sah das Leben vieler junger Menschen in Deutschland schon mal spannender aus. Um der Pandemie die Stirn zu bieten, bleibt ihnen nicht viel mehr übrig, als die Zeit vor dem Laptop verstreichen zu lassen, auf Kontakte zu verzichten und die Langeweile mit Netflix zu bekämpfen. Ganz anders sieht es jedoch in den deutschen Krankenhäusern aus: In den letzten Wochen hat sich die Lage in trotz der Eindämmungsmaßnahmen zugespitzt. Besonders die unterbesetzten Pflegekräfte bekommen das zu spüren. Um die Situation zu entschärfen, setzten Krankenhäuser deshalb nun unter anderem freiwillige Medizinstudent*innen ein. Emma* ist eine von ihnen. In ihrem zweiten Semester hat sie sich entschlossen, neben dem Studium auf einer Intensivstation in Berlin auszuhelfen.
Knut Löbe, funky-Jugendreporter

Der Entschluss, sich beim Krankenhaus zu melden, kam für Emma mehr oder weniger spontan. Als sich in Berlin kurz vor Weihnachten lange Schlangen vor den Corona-Testzentren bildeten, damit der Heiligabend mit der Familie mit einem besseren Gefühl gefeiert werden konnte, kam bei ihr ein ungutes Gefühl auf. Eigentlich hatte auch ihre Familie ein gemeinsames Fest geplant, doch eine Woche vor den Feiertagen wurde es sicherheitshalber verschoben. Zeitgleich landete eine E-Mail in Emmas Postfach: die Kliniken suchten dringend Unterstützung. Ohne einen wirklichen Plan für Heiligabend zu haben, beantwortete Emma die E-Mail. Von da an ging dann alles ziemlich schnell. Nur wenige Tage später, ausgerechnet an Heiligabend, klingelte ihr Wecker zum ersten Mal zur Frühschicht.

Die beginnt schon um 6:30 Uhr. Am ersten Tag lief Emma noch bei einer anderen Studentin mit. Mittlerweile hat sie aber feste eigene Aufgabenbereiche. Bevor es dann so richtig losgehen konnte, musste aber noch schnell die blaue Krankenhauskleidung und eine FFP2-Atemschutzmaske übergezogen werden. Emmas wichtigste Aufgabe besteht darin, Spritzen mit den richtigen Medikamenten aufzuziehen, die dann am Krankenbett zum Einsatz kommen. Tag und Nacht sind die Intensivpatient*innen auf verschiedene Medikamente angewiesen, die ohne Pause über einen Zugang in die Blutlaufbahn verabreicht werden. Ist das Medikament nach einer Weile aufgebraucht, liegt die nächste Spritze für die Pflegekräfte dank Emma also schon bereit.

Sicherheit geht vor

Da Emma den Patient*innen regelmäßig Blut abnehmen muss, hat sie auch direkten Kontakt mit Corona-Infizierten. Damit sich niemand ansteckt, gibt es spezielle Sicherheitsvorkehrungen. Bevor Emma im Patientenzimmer mit der Blutabnahme beginnen darf, muss sie noch vor der Tür einen Schutzanzug und eine Schutzbrille anziehen. Die Blutprobe kommt dann zur Überprüfung in eine Art Mini-Labor, das sich allerdings in einem anderen Zimmer befindet. Das heißt die Schutzbrille und der Anzug müssen vor dem Rausgehen noch im Patientenzimmer wieder ausgezogen werden. Mit dieser Methode versucht das Krankenhaus, eine Ansteckung des Pflegepersonals zu verhindern. Emma hat sich deshalb bisher immer gut geschützt gefühlt: „Durch die Schutzkleidung habe ich keine Angst, mich anzustecken. Außerdem kann ich mich natürlich jederzeit testen lassen. Das gibt mir ein gutes Gefühl.“

„Vor meiner Arbeit im Krankenhaus habe ich an der Universität größtenteils online gelernt. Die Arbeit auf der Intensivstation ist da natürlich etwas ganz anderes“

Seit ihrem ersten Arbeitstag an Weihnachten sind nun schon einige Wochen vergangen. Obwohl sich mit jeder Schicht etwas mehr Routine einstellt, muss Emma sich immer wieder neu an die Situation im Krankenhaus gewöhnen. Das liegt vor allem daran, dass zwischen ihren Schichten oft mehrere Tage vergehen, und an der großen Verantwortung, die sie trägt, obwohl sie im Voraus wenig praktische Erfahrung sammeln konnte. „Vor meiner Arbeit im Krankenhaus habe ich an der Universität größtenteils online gelernt. Die Arbeit auf der Intensivstation ist da natürlich etwas ganz anderes und kann manchmal auch überfordernd sein. Trotzdem macht mir die Arbeit Spaß und ich erlebe einige Dinge so nun auch mal in der Praxis“, erklärt sie. Im Vergleich zu den meisten studentischen Kolleg*innen steht Emma noch am Anfang ihres Studiums. Viele sind schon in höheren Fachsemestern und haben deshalb schon mehr Erfahrung in der Pflege gesammelt. In ihrem jungen Team fühlt Emma sich trotzdem gut aufgehoben, und auch bei den festangestellten Pflegekräften kann sie jederzeit Fragen stellen.

Lernen, mit dem Tod umzugehen

Auch wenn die studentischen Aushilfen und Pflegekräfte sich gegenseitig unterstützen, geht diese eigentümliche Situation nicht spurlos an Emma vorbei. Der Tod von Patientinnen ist ein Teil der Arbeit auf der Intensivstation, mit dem sie erst umzugehen lernen musste. Rückblickend erzählt sie: „Es war vor allem am Anfang eine ungewohnte Vorstellung, sich nicht sicher zu sein, ob eine Patient*in bei der nächsten Schicht noch da ist.“

Auf ihrer Station sind immer noch alle Betten belegt. Ein Großteil der Patient*innen ist nicht mehr ansprechbar und ist in der Folge der Corona-Infektion auf ein sogenanntes ECMO-Gerät angewiesen, das die Arbeit der Lunge unterstützen oder sogar übernehmen kann. Seit Beginn der Corona-Pandemie sind deutlich mehr dieser überlebenswichtigen Geräte im Einsatz. Für Untersuchungen, die nicht am Krankenhausbett stattfinden können, ist das ECMO-Gerät eine zusätzliche Herausforderung. Die Versorgung der Lunge darf nämlich auch beim Transport in andere Untersuchungsräume auf keinen Fall unterbrochen werden. Emma erzählt: „Wir alle müssen dauerhaft konzentriert sein. So ein Transport kann dann manchmal bis zu drei Stunden dauern, da wir besonders vorsichtig sein müssen.“

„Einen Nebenjob im Krankenhaus kann ich mir auch in Zukunft gut vorstellen“

Damit sie neben dem Studium und der Arbeit zur Ruhe kommen kann, versucht Emma, sich einen Tag in der Woche von allem frei zu nehmen. „So richtig gut funktioniert das bisher nicht“, gesteht sie. Nun beginnt allerdings bald die Klausurenphase. Das wissen auch die Kliniken und zeigen sich deshalb besonders flexibel bei ihren studentischen Aushilfen. Bei Emmas Zeit auf der Intensivstation ist aber auch ein Ende in Sicht: Ihr Arbeitsvertrag ist erstmal nur bis März befristet. Zusammen mit den ersten Impfungen sollen die Corona-Maßnahmen bis dahin ihre Wirkung zeigen, damit die Intensivstationen entlastet werden und es keinen Bedarf mehr an studentischen Aushilfen gibt. Mit Blick in die Zukunft sagt Emma: „Einen Nebenjob im Krankenhaus kann ich mir auch in Zukunft gut vorstellen. Besonders freue ich mich schon auf die Zeit, in der die Uni endlich nicht mehr ausschließlich online stattfindet.“

*Name von der Redaktion geändert

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