Eine kollektive Weihnachtsgeschichte der Jugendredaktion: Auf Höhe von Hausnummer 48

Eine kollektive Weihnachtsgeschichte der funky-Jugendredaktion. Freut euch über die Fortsetzungen in den kommenden Tagen!
Antonia Bernitt, Yasina Hipp und Kristina Vasilevskaja, funky Jugendreporterinnen

Teil 3

„Na, was ist denn nun mit dem Haus?“, fragte Kira noch einmal, nun etwas lauter und zeigte bestimmt auf das schlicht wirkende Gebäude am Ende der Straße. Kiras Stimme riss Noel aus seinen Gedanken. „Äh ja, genau. Nummer 56. Das ist der Unscheinbare, aber glaub mir, in ein paar Tagen verwandelt er sich in ein wahres Lichtspiel.“

Kira wurde sofort hellhörig. Alles was nur irgendwie leuchtete, blinkte oder in buntem Licht erstrahlte, faszinierte sie. Eine besondere Schwäche hatte sie dafür, wenn Lichter nach geometrischen Mustern angeordnet waren: Je präziser sie sich aneinanderreihten und dadurch ein perfektes Gesamtbild für den Betrachter erzeugten, desto wohler wurde ihr bei dem Anblick. In ihrem Kopf machte dann auf einmal alles Sinn. Es herrschte Ordnung und alles war irgendwie genau da, wo es sein sollte.

Mittlerweile hatte Kira aufgehört, anderen Menschen von dieser doch etwas seltsamen Vorliebe zu erzählen. Zu oft war man ihr schon mit Unverständnis begegnet oder hatte sich sogar über sie lustig gemacht. Doch Noel war irgendwie anders. Obwohl sie ihn jetzt erst seit ein paar Minuten kannte, vertraute sie ihm. Etwas zögerlich fragte sie deshalb: „Was genau meinst du denn mit Lichtspiel?“

Mit dieser Nachfrage hatte Noel nicht gerechnet. Normalerweise interessierte sich niemand wirklich dafür, wenn er etwas über die Häuser der Straße und deren Bewohner erzählte. „In der Nummer 56 wohnt so ein russischer Künstler“, sagte er deshalb schnell, froh, endlich sein Wissen teilen zu können. „In Russland feiert man Weihnachten nicht am vierundzwanzigsten. Außerdem ist Silvester für die sowieso viel wichtiger. Das kommt glaube ich noch aus Sowjetzeiten oder so.“

„Und was genau hat das mit dem Lichterspiel zu tun?“, fragte Kira, die immer noch etwas skeptisch neben Noel herging. „Ach ja, genau. Weil Silvester in Russland wichtiger ist, schmückt Herr Petrov sein Haus immer erst an diesem Tag mit Lichterketten. Aber das Beste habe ich dir ja noch gar nicht erzählt“, sagte Noel und fuhr ohne eine Pause abzuwarten fort: „Herr Petrov verwandelt sein Haus zu Silvester nämlich immer in eine riesige Kunstinstallation, bei der am Ende die ganze Fassade mit Lichterketten bedeckt ist. Jedes Jahr lässt er sich dazu etwas Neues einfallen. Das muss man wirklich mal gesehen haben.“

Kira bemerkte die Begeisterung in Noels Stimme. Ihr gefiel, mit welcher Freude er davon erzählte. Allerdings war sie sich immer noch nicht ganz sicher, ob er sie vielleicht nicht doch auf den Arm nehmen wollte. Zu oft hatte sie das jetzt schon erlebt. „So etwas habe ich ja noch nie gehört. Das denkst du dir doch bestimmt nur aus“, sagte sie deshalb schnippisch. „Quatsch“, entgegnete Noel. „Ich habe es selbst schon vier Mal mitangesehen. Und dieses Jahr feiert Herr Petrov sein fünftes Jahr hier in der Straße. Dafür hat er anscheinend etwas ganz Besonderes geplant. Wenn du willst, können wir es uns zusammen ansehen.“  

Noel wunderte sich selbst etwas über sein Angebot. Hatte er sie gerade zu einem Date eingeladen? Ein Mädchen, das er nicht mal fünf Minuten kannte? Doch bereits jetzt war ihm Kira sympathisch. Vor allem aber machte sie sich nicht über seine merkwürdige Vorliebe für die Häuser der Straße lustig.

Mit so einem Angebot hätte Kira nicht gerechnet. Hatte Noel sie gerade zu einem Date eingeladen? Ein Junge, den sie nicht einmal fünf Minuten kannte? Seit ihrem Beinahe-Zusammenstoß war Noel jedoch mit jeder Sekunde spannender geworden. Und vor allem wollte sie wissen, was es mit dem Lichterspiel am Haus von Herrn Petrov auf sich hatte. Wenn es stimmte, was Noel sagte, konnte sie sich das nicht entgehen lassen.  

Trotz allem traute Kira sich nicht, dem Treffen zuzusagen. Ihr Blick klebte am Boden, während sie sich langsam der U-Bahn Station näherten. Als sie schon kurz vor dem Eingang standen, fasste sie sich ein Herz: „Eigentlich hätte ich nichts dagegen, aber ich will dir nicht meine Nummer geben.“ Noel grinste. „Ich brauche deine Nummer nicht, ich habe sowieso kein Handy.“ Sie mussten beide kurz lachen. „Na gut, aber wenn ich jetzt zur U-Bahn gehe, dann sehen wir uns doch nie wieder“, sagte Kira. „Dann lass uns doch am 31. Dezember einfach um 6 Uhr abends vor der Hausnummer 56 treffen“, entgegnete Noel. „Klingt gut“, Kira lächelte ihn an. Sie hatte an Silvester sowieso noch nichts vor.

Teil 2

„Unterhaltung konnte man das nicht so wirklich nennen. Erst starren sie mich an und dann reagieren sie nicht, wenn ich mal etwas forscher werde“, seufzte Noel. Er wusste gar nicht so recht, warum er das einem wildfremden Mädchen erzählte, aber sie schien interessiert zu sein. „Wie heißt du?“, fragte er. „Kira, und du?“, erwiderte sie, wich aber scheu seinem Blick aus. „Ich heiße Noel, wie Weihnachten auf Französisch.“

Kira nestelte an ihrem bunten Schal herum und wusste nicht, was sie noch sagen sollte. Auf der einen Seite erschien Noel ihr sehr interessant, auf der anderen Seite machte es sie fast wahnsinnig, dass er mit seinen Füßen gleich mehrere Linien des Kopfsteinpflasters auf dem Gehweg durchkreuzte. Nicht hinschauen, bloß nicht hinschauen.

Warum starrt sie denn die ganze Zeit auf meine Füße?, fragte sich Noel, ist mein Schnürsenkel offen? Mit seinen Schuhen war aber alles in Ordnung. „Willst du ein Stück mit mir die Straße entlanglaufen?“, fragte Noel beschwingt. Kira zögerte. Sie erschien ihm etwas ängstlich. Aber kein Wunder, sie kennen sich ja gar nicht, es ist dunkel und er faselt dauernd etwas von lebenden Häusern. „Okay. Ich muss dann zur U-Bahn-Haltestelle“, kam überraschend von Kira.

„Klasse, dann los geht’s“, freute sich Noel. Kira war mindestens genauso überrascht wie Noel, dass sie zugestimmt hatte, ein Stück mit ihm zu laufen. Aber irgendetwas an ihm – vielleicht seine leuchtenden Augen und sein fröhliches Lächeln – gaben ihr Sicherheit. Genauso wie die Hausnummern, nach der 48 kam die 50, langsam schlenderten sie an der 52 vorbei. Dann begann Noel zu erzählen: „Siehst du das Haus da? Die 52? Das Wort Haus ist schon fast eine Beleidigung – hoffentlich hat es mich nicht gehört. Es ist ja eigentlich eine Jugendstilvilla. Also die 52 ist immer sehr bedacht auf ihr Äußeres und wird immer schön geschmückt. Sie ist die Diva in der Straße.“ Kira blickte erst Noel, dann das Haus – Entschuldigung, die Villa – ungläubig an. Der hat ja eine ganz schön lebhafte Fantasie, dachte sie sich. Doch bei genauerem Hinsehen, fiel es ihr tatsächlich auch auf. Die hohen Fenster mit dem schön geschwungenen Balkon sahen aus wie Augen und das Eingangstor wie ein Mund. Und – hoppla – hatte die Villa ihr gerade zugezwinkert?

Ob sie das Zwinkern auch gesehen hat?, fragte sich Noel. Zu fragen traute er sich nicht. Es war schön nicht direkt für diese Gedanken von jemandem zu verurteilt werden. Andere Leute hörten ihm oft nicht zu und hielten ihn für bescheuert. Ihm fiel auf, dass Kira sich anstrengte, immer nur die vollen Pflastersteine zu berühren. Als ob sie einen großen reißenden Fluss mit Krokodilen  überqueren müsste, nur dass sie stattdessen von Stein zu Stein hüpfte. „Was ist mit diesem Haus?“, holte Kira ihn aus der gefährlichen Nil-Überquerung zurück und zeigte auf die Nummer 56.

Fortsetzung folgt…


Teil 1

Noel wich gerade so einer Pfütze aus, deren spiegelglatte Oberfläche er in der Dunkelheit kaum vom Boden des Bürgersteiges hatte unterscheiden können. Das Paket, welches er fest an sich gedrückt hatte, rutschte ihm aus den Armen und riss ihn dadurch jäh aus seinen Gedanken. In dem Päckchen befand sich ein Multifunktionsselbstverteidigungsding. Sein Vater machte sich immer solche Sorgen, wenn seine Mutter abends alleine in der Stadt unterwegs war. Sie allerdings wollte lieber spät einkaufen gehen, da dann die Supermärkte leerer waren. Daher wollte Noel ihr das Multifunktionsselbstverteidigungsding zu Weihnachten schenken. Und nun lag es auf dem schneematschfeuchten Boden. „Charlie Brown kann einpacken“, murmelte er vor sich hin, während er sich umsah, ob ihn ja niemand gesehen hatte. Die lichterkettenhellen Fenster in den Häusern erwiderten beinahe belustigt seinen Blick. „Jaja, guckt ihr nur. Ihr könnt euch ja auch deutlich schlechter blamieren als ich. Ich laufe hier herum, an der frischen Luft. Ihr steht nur da und guckt euch immerzu die gleiche Straße an, gierig nach leicht zu verspottender Beute wie mir“, sagte er. Die Häuser schwiegen. Typisch, darauf wissen sie nichts zu antworten. Dann schweigen sie lieber. Erst eine große Klappe haben und dann nicht mehr antworten, wenn man ihnen so geschickt gekontert hat, dachte sich Noel, und musste grinsen, da ihm die Metapher mit der großen Klappe so sehr gefiel. Passend bei seinen stillen Gesprächspartnern, deren Eingangsportale breiter waren als die SUVs, die sich prollig auf den Privatparkplätzen im kalten Licht der Straßenlaternen suhlten. 

Kira wich gerade so einer Pfütze aus, deren spiegelglatte Oberfläche sie in der Dunkelheit kaum vom Boden des Bürgersteiges hatte unterscheiden können. Geschickt lief sie weiter, den Kopf stur auf die Steine unter sich gerichtet, immer darauf bedacht, niemals eine der Linien zwischen den einzelnen Pflastersteinen zu berühren. Sie nahm schnell wieder Geschwindigkeit auf, flog förmlich an den Villen des Bonzenviertels, wie sie diesen Teil der Stadt nannte, vorbei. Ohne aufzublicken wusste sie, auf Höhe welcher Hausnummer sie sich befand. Sie hatte von Anfang an im Stillen mitgezählt. Hausnummer 42 zog vorbei, es folgten Nummer 44 und 46. Auf Höhe von Hausnummer 48 wurde ihr an Perfektion grenzender Lauf unterbrochen. „He, was stehst du so blöde im Weg herum?“, fuhr Kira den Jungen an, der im Kegel einer Straßenlaterne stand. 16 Jahre alt, garantiert nicht in diesem Viertel wohnhaft, dachte sie sich, während sie ihn forsch begutachtete. „Ähm, ich unterhalte mich gerade“, erklärte er. „Mit der Laterne?“, fragte sie.

„Mit der Laterne?“, fragte sie. Noel hatte Spott in ihrer Stimme erwartet, doch entweder war sie Schauspielerin oder genauso merkwürdig wie er. Er mochte das Wort „merkwürdig“. Wer merkwürdig war, war des Merkens würdig. „Nein, nein, mit den Häusern da drüben“, er deutete auf die andere Straßenseite, „aber sie antworten nicht mehr.“ 


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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.