Interview

Jugendbuchautorin Cornelia Funke im Interview: „Die Welt ist aus Geschichten gemacht“

Mit Ben auf dem Rücken eines Drachens reiten, mit Meggie in die Welt zwischen den Buchseiten eintauchen oder doch lieber mit Sprotte, Frieda und Co einen Bandenkrieg gegen die Pygmäen führen? Wie keine zweite deutsche Autorin zieht Cornelia Funke bereits seit über dreißig Jahren junge Leserinnen und Leser mit ihren Geschichten in den Bann. Mitte Oktober wurde sie auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet. Wir haben mit der 61-jährigen „Tintenherz“-Autorin über ihre Lieblingsfiguren, den Ursprung ihrer guten Ideen und ihre Wahlheimat Los Angeles gesprochen.
Ylva Immelmann und Antonia Bernitt, funky-Jugendreporterinnen

Das „Time Magazine“ setzte Sie im Jahr 2005 auf die Liste der einflussreichsten Menschen der Welt. Wie fühlt es sich an, so viele Menschen zu erreichen?
Wunderbar. Geschichten für Leserinnen und Leser in aller Welt zu erzählen und zu hören, wie sehr sie sich alle in ihnen zu Hause fühlen – was kann es Erfüllenderes geben?

In „Tintenherz“ wird alles Wirklichkeit, was Maggie vorliest. Haben Sie sich selbst einmal gewünscht, diese Fähigkeit zu haben?
Nur, um mir einen Drachen herbeizulesen.

Haben Sie ein Lieblingsbuch unter den Büchern, die Sie geschrieben haben?
Ich habe drei heimliche Lieblinge, die nicht so berühmt sind: „Das Piratenschwein“, „Igraine Ohnefurcht“ und „Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel“.

Sind Sie traurig, wenn Sie ein Buch oder eine Buchreihe abschließen und sich sozusagen von den Figuren verabschieden müssen?
Nein, ich freue mich immer auf das nächste Projekt.

Wie kommen Sie auf die außergewöhnlichen Ideen für Ihre Geschichten?
Die Welt ist aus Geschichten gemacht. Sie sind überall und eigentlich ist es nur schwer, sich zu entscheiden, welche man erzählen möchte.

Von vielen Künstlern hört man, während der ersten Corona-Welle seien die Ideen häufiger ausgeblieben oder sie wären in eine Art „Kreativitäts-Loch“ gefallen. Ging es Ihnen ähnlich? 
Ich mache mehr als je zuvor, schließlich machen Zeiten wie diese die Kunst ja nur noch wichtiger und hilfreicher! Und schwere Zeiten liefern ja auch unendlich viel Inspiration. Außerdem habe ich das Gefühl, mit meinen Leser*innen und mit den jungen Künstlern, die ich hierher einlade, nur noch intensiver verbunden zu sein.

Die Namen Ihrer Charaktere sind häufig recht ungewöhnlich, beispielsweise Fenoglio, Mortimer oder Violante. Inspirieren die Menschen in Ihrem Umfeld Sie dazu oder kommen die Namensideen einfach zu Ihnen?
Ich gebe mir große Mühe, den richtigen Namen zu finden. Ich habe viele Namensbücher, sehe mir Namen an, die aus dem Land stammen, aus dem meine Heldinnen und Helden kommen, oder benutze Worte aus anderen Sprachen, die sie gut beschreiben.

Welchen Ihrer Charaktere würden Sie als am gelungensten und welchen als am wenigsten gelungen bezeichnen?
Hm, gelungen … das klingt ja, als hätte ich sie gemacht. Ich habe immer eher das Gefühl, dass sie wirklich existieren und ich nur über sie schreibe. Aber im „Herr der Diebe“ mag ich Prosper zum Beispiel besonders, in „Drachenreiter“ Fliegenbein – und neuerdings seinen Bruder Freddie –, in der „Reckless“-Reihe Fuchs und in „Tintenherz“, da mag ich sie eigentlich alle als Ensemble!

Wie gefallen Ihnen die Filme, die auf Basis Ihrer Bücher gedreht wurden? Ist man als „Mama“ der Bücher nicht unglaublich kritisch, dass ja alles so dargestellt wird, wie man es sich beim Schreiben vorgestellt hat?
Ja, anfangs war ich noch sehr offen, was das betrifft, und immer gespannt auf das Ergebnis. Aber inzwischen habe ich mich doch so oft geärgert, dass ich nun vorsichtig bei der Vergabe der „Reckless“-Rechte bin. Ich habe nichts dagegen, wenn sich Regisseurinnen und Regisseure oder Produzentinnen und Produzenten etwas anders vorstellen. Aber wenn sie meine Figuren verdrehen und verändern, wie das gerade in „Drachenreiter“ passiert ist, finde ich das schon schlimm.

Haben Sie Tipps für schreibbegeisterte Nachwuchsautoren?
Immer ein paar Notizbücher zur Hand haben, eins für jede Geschichtenidee, alles aufschreiben und sammeln, was einem einfällt. Fotos, Zeichnungen und jede Art von visueller Inspiration hineinkleben, bis man seine Helden und die Orte der Geschichte sehen, riechen und hören kann. Meine Notizbücher sind mein größter Schatz.

Wieso haben Sie sich dazu entschieden, eine Avocadofarm in Malibu zu Ihrem Zuhause zu machen?
Ich suchte nach einem Haus, das nahe am Meer liegt, weil es dort nicht so heiß wird wie in Los Angeles. Gleichzeitig wollte ich nicht zu weit fort, um meine Freunde in der Stadt nicht zu verlieren. Dass ich ein Haus mit so viel Land gefunden habe, war ein wunderbarer Zufall – und dass ich 80 alte Avocadobäume retten konnte, die seit Jahren niemand gewässert hatte, war natürlich eine wunderbare Zugabe. Plötzlich war das möglich, was ich schon so lange wollte: ein paar kleine Gästehäuser aufstellen und junge Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt einladen, hier miteinander und mit mir zu arbeiten. Ich kann mir inzwischen nicht mehr vorstellen, anders zu leben.

Am 2. November erschien der vierte Teil der „Reckless“-Reihe. Was erwartet die Spiegelwelt-Fans in dem neuen Roman?
Ein japanischer Held, der Märchen und seine Geheimnisse auf der Haut trägt, eine alte Festung, ein unterirdisches Schloss, erfüllte und unerfüllte Liebe, Unsterbliche, die sich bekriegen, eine Kinderfresserin, ein Kind mit einer Haut aus Glas … und mehr sollte ich nicht verraten.

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.