Die Dienstpflicht ist nicht die Antwort auf jugendliche Gewaltexzesse

Gewaltexzesse durch Jugendliche wie in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli in Stuttgart und Frankfurt – ein Trauerspiel für Deutschland. Nun erwägen Politikerinnen und Politiker erneut die Einführung einer „allgemeinen Dienstpflicht“, um den sozialen Zusammenhalt in Deutschland zu stärken. Doch das könnte eher schaden als nützen.
Jannik Schilling, funky-Jugendreporter

Wer in den letzten Tagen in die Zeitung gesehen hat, bekam möglicherweise ein schockierendes Bild von Jugendlichen: egoistisch, partysüchtig und gewaltbereit. In einem „heute“-Interview zeichnete Richard Arnold, der Bürgermeister von Schwäbisch Gmünd, welches besonders stark von den Randalen betroffen war, ein düsteres Bild. Er beklagt zunehmende Respektlosigkeit und ein „Rotzlöffelgehabe“ der Jugend und schlägt eine allgemeine Dienstpflicht als Lösung vor, um Jugendliche besser in die Gesellschaft einzubinden.

Was wurde der „Dienstpflicht“ in den letzten Jahren schon alles zugetraut: Sie soll den gefährdeten sozialen Zusammenhalt endlich wieder stärken, das Auseinanderdriften der Generationsinteressen verhindern und endlich wieder eine Gesellschaft schaffen, in der einer für den anderen einsteht. Ja, der soziale Zusammenhalt steht auf der Kippe. Aber nein, eine Dienstpflicht führt nicht zu mehr Zusammenhalt. Im Gegenteil: Die Dienstpflicht ist eine moralische Bankrotterklärung. Ein Staat, der seine jungen Bürger nur noch durch Zwangsmaßnahmen erreicht, hat vollständig versagt. Eine freie Gesellschaft beruht auf vernünftigen Bürgern, die selbstständig handeln und denken und aus rationalen Gründen Teil der Gesellschaft werden und sich darin frei entfalten. Zwangsmaßnahmen – und genau das ist eine Dienstpflicht – fördern sogar das Abwenden von der Gesellschaft.

Und Zwangsarbeit ist in Deutschland grundsätzlich verboten und ökonomisch ineffizient. Das Grundgesetz macht hier zwar eine Ausnahme für die Wehrpflicht und erlaubt prinzipiell auch einen Zivildienst. Doch eine Dienstpflicht, wie sie nun diskutiert wird, ist Verfassungswissenschaftlern zufolge verfassungswidrig. Und das Dilemma geht noch weiter: Was ist eigentlich zusammenhaltfördernd? Wer bestimmt, welche Berufe die Gesellschaft in Kontakt bringt? Wer entscheidet über das Tätigkeitsfeld? Werden Verweigerer bestraft? Die Idee einer solchen Dienstpflicht mag auf den ersten Blick den Pflegemangel beheben und dem Gesundheitssystem weitere unterbezahlte Kräfte zuführen, doch den Zusammenhalt wird das nicht fördern. Die Unzufriedenheit vielleicht.

Was uns helfen würde, wäre ein unbürokratischer Freiwilligendienst und eine bessere Vergütung in den sozialen Berufen. Denn meine Generation ist nicht egoistisch, sondern überaus sozial engagiert und an einem starken gesellschaftlichen Zusammenhalt interessiert. Doch entmündigt werden wollen wir nicht.

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funky Redaktion

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