Interview

„Es werden Gefährdungsanzeigen gestellt“: So massiv wirkt sich Corona auf Azubis in Pflegeberufen aus

Auszubildende in Pflegeberufen werden momentan häufig als billige Arbeitskräfte eingesetzt.
Auszubildende in Pflegeberufen werden momentan häufig als billige Arbeitskräfte eingesetzt.
Diana Sgolik hat dieser Tage viel zu tun. Die 30-jährige ver.di-Gewerkschaftssekretärin ist in der Bundesverwaltung in Berlin im Bereich Gesundheit und Soziale Dienste tätig und kümmert sich hier unter anderem um die Belange der Auszubildenden in Pflegeberufen. Und die haben gerade so einige Fragen. Etwa, was sie tun sollen, wenn es ihnen an Schutzausrüstung fehlt, obwohl sie mit Corona-Patienten in Kontakt kommen, wenn die Arbeitsbelastung zu hoch wird oder wenn ihre Ausbildung eigentlich nicht mehr stattfindet und sie zu fachfremden Tätigkeiten herangezogen werden.
Von Jana Illhardt, funky-Jugendreporterin

Frau Sgolik, an Sie wenden sich Azubis, wenn sie Probleme haben und nicht weiterwissen. Gehen gerade mehr E-Mails und Anrufe bei Ihnen ein?
Ja, wir bekommen viele Nachfragen, gerade zum Thema Arbeits- und Gesundheitsschutz. Oft geht es darum, dass nicht genug Schutzmaterialien vorhanden sind. Andere Azubis haben Angst wegen der anstehenden Prüfungen. Das sind in der Regel keine Lappalien, mit denen sich die Azubis melden. Oft fragen wir uns, wie sie überhaupt so lange durchgehalten haben. 

Dass es an Schutzausrüstung fehlt, ist ja seit Wochen Thema in Deutschland. Sehen Sie hier mittlerweile eine Verbesserung?
Wir sehen noch immer einen dringenden Handlungsbedarf, nicht nur in den Krankenhäusern, sondern auch in der Altenpflege. Wenn ich als Pflegekraft weiß, wie genau die Hygienevorgaben eigentlich einzuhalten sind – und auf einmal soll ich einen Mundschutz den ganzen Tag lang tragen, dann macht das psychisch ja was mit einem. Hier sind viele Azubis unsicher, was sie tun sollen.

Wie sieht es denn mit der Arbeitsbelastung aus?
Der Arbeits- und Gesundheitsschutz der Auszubildenden hatte nicht unbedingt überall höchste Priorität, als Corona ausbrach. Die Personaluntergrenzen wurden in den Bereichen schnell aufgehoben. Und genauso schnell wurde über 12-Stunden-Schichten geredet und eine Verkürzung der Ruhezeiten. Das hat bei vielen zu Verunsicherung und auch Frust geführt, weil sie einerseits hören, wie wichtig und systemrelevant sie sind, und andererseits bei ihnen als Erstes Abstriche gemacht wurden. Die Belastung war aber vorher schon sehr hoch. Wir sprechen nicht davon, dass das Gesundheitswesen zusammenbricht. Aber eine Mehrbelastung ist schon zu spüren, zumal viele Praxisanleiter in den Intensivbereich versetzt wurden und sich nicht wie üblich der Ausbildung widmen können. Die Auszubildenden sind ein Stück weit Lückenbüßer der aktuellen Lage. Deshalb bestärken wir sie, dass sie, wenn sie Aufgaben übertragen bekommen, für die sie sich fachlich nicht kompetent genug fühlen, auf ihre betrieblichen Interessensvertretungen zugehen und im Zweifel Gefährdungsanzeigen stellen – statt sich in Situationen zu bringen, in denen sie in Haftungsschwierigkeit kommen.

Die Auszubildenden sind ein Stück weit Lückenbüßer der aktuellen Lage.

Diana Sgolik über die Lage der Auszubildenden in Pflegeberufen

Werden solche Anzeigen gemacht?
Ja. Das war aber auch vor Corona Thema, denn wir haben einen viel zu geringen Personalschlüssel in der Pflege. In späteren Klagefällen ist es wichtig, klarstellen zu können, dass man als Azubi gehandelt hat und das in der Organisationsverantwortung des Arbeitgebers lag. Azubis tun sich damit aber schwer aus der Angst, die Anzeige könnte Einfluss auf ihre Beurteilung haben.

Müssen Azubis auch Aufgaben übernehmen, die eigentlich nicht Teil ihrer Ausbildung sind?
Das kommt durchaus vor. Wir haben von einigen schlimmen Fällen gehört. Ein Beispiel: Zeitlich mit den Berufsschulen wurden ja auch die Kitas und Schulen geschlossen. Azubis wurden in geschlossene Schulen versetzt, um auf die Kinder der Beschäftigten des Krankenhauses aufzupassen. Andere müssen am Empfang arbeiten. Oder wochenlang Abstriche an Patienten machen. Oder Hol-Bringe-Dienste erfüllen. Das kommt natürlich in der Ausbildung auch vor. Aber hier werden sie aktuell nicht selten als günstige Arbeitskräfte eingesetzt. Dagegen gehen wir vor, denn hier ist kein Ausbildungsziel zu erkennen.

Was kann ein Auszubildender denn im Zweifelsfall tun, wenn er sich gefährdet fühlt oder fachfremd eingesetzt wird?
Im Ausbildungsvertrag und den zugrundeliegenden Ausbildungsgesetzen sind Pflichten festgehalten, die dem Ausbildungsträger obliegen. Das meint nicht nur, dass er die Ausbildung so gestalten muss, dass sie klar strukturiert ist, sondern auch, dass sie den physischen und psychischen Gegebenheiten des Auszubildenden entsprechen muss. Bei Covid-19 ist klar, dass der Arbeitgeber Gefährdungsbeurteilungen vornehmen muss und entsprechend Maßnahmen einzuleiten hat. Die Arbeitskraft zu verweigern, wäre eine Möglichkeit. Aber wir beraten dahin gehend, es nicht zu dieser Eskalation kommen zu lassen, sondern vorher alles andere zu versuchen.

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Welche Auswirkungen hatte denn die Schließung der Berufsschulen für die Azubis?
Damit gingen massive Einschnitte einher. In manchen Fällen konnten die Auszubildenden über E-Learning-Module weiterlernen oder wurden anderweitig digital durch Lehrkräfte betreut. Aber sehr viele Schulen sind technisch gar nicht ausreichend ausgestattet. Das führte dazu, dass sich die Azubis viel im Selbststudium aneignen mussten. Wer sich schon einmal durch die Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers durchgearbeitet hat weiß, dass das etwas ganz anderes ist als den Stoff von einem Menschen mit Fachwissen in Unterrichtseinheiten gelehrt zu bekommen. Dazu kam, dass die Azubis vielerorts in die Praxis geschickt wurden. Heißt, nach einer Acht-Stunden-Schicht auf Station mussten sie zusätzlich zu Hause den theoretischen Lehrstoff büffeln, den man in einem Tag Berufsschule gelernt hätte. Eine enorme zusätzliche Belastung. Von allen Seiten ging es schnell dabeidie Auszubildenden in die Praxis zu versetzen. Als es darum ging zu überlegen, wie man sicherstellen kann, dass die Ausbildung weiter stattfindet, war des Vorgehen deutlich langsamer.

Jene Azubis, die eigentlich im August oder September auslernen, hätten ja bald erste Prüfungen. Werden die stattfinden können?
Die Länder sind engagiert darin die Prüfungen stattfinden zu lassen. Denn jegliche Verschiebung würde bedeuten, dass im Zweifel die Ausbildung verlängert werden müsste. Dann würden Fachkräfte erst verzögert auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Für die Auszubildenden bedeutet dies auch finanzielle Einschnitte, sie würden länger nur eine Ausbildungsvergütung bekommen statt das Einstiegsgehalt, mit dem sie vielleicht finanziell schon geplant hatten. Aktuell würden die Examensvorbereitungen laufen, die aber nicht wie geplant stattfinden können. Hier muss gerade viel im Selbststudium erfüllen werden. Da sehen die Azubis durchaus eine Mehrbelastung. Und jene, die zum April oder Mai in die Ausbildung gestartet sind haben in der Praxis begonnen, ohne zuvor das theoretische Hintergrundwissen vermittelt bekommen zu haben, das sie für die Basis brauchen.

Die Menschen in den Pflegeberufen werden ja aktuell, genauso wie Ärzte, als die Helden der Corona-Krise gefeiert. Erhoffen Sie sich, dass sich ihre Arbeitsbedingungen nachhaltig verbessern und die Wertschätzung steigt?
Der Respekt vor dem Beruf ist groß genug, denke ich. Aber den Solidaritätsbegründungen müssen strukturelle Veränderungen folgen. Ich denke nicht, dass die gesellschaftliche Anerkennung allein dazu führen wird. Das Personal muss aufgestockt werden. Es braucht bessere Vergütung. Und wir müssen dahin kommen, dass der Beruf ein attraktiver ist, in dem man über lange Zeit gesund und glücklich arbeiten kann. Wenn wir uns die Zahlen anschauen: 2015 haben in der Altenpfleg etwa 23.500 Azubis begonnen, 2018 hatten wir 16.500 Absolventen. Das heißt, fast 30 Prozent beenden die Ausbildung nicht. In der Krankenpflege ist die Zahl noch gravierender. Bei einem Fachkräftemangel können wir uns das nicht leisten. Ich erhoffe mir, dass die Kolleginnen und Kollegen jetzt ein Selbstbewusstsein entwickeln das sie dazu befähigt, ihre Forderungen nach der Corona-Zeit noch kräftiger auch selbst durchsetzen und sich gewerkschaftlich zu organisieren, als sie es bisher getan haben.

Brauchen wir auch eine bessere Vergütung schon während der Ausbildung?
Mehr geht immer. Wobei man sagen muss, dass die Vergütung in der Gesundheits- und Krankenpflege zumindest eine mit der besten ist. In der Altenpflege gibt es hingegen hohen Handlungsbedarf. Es kann nicht sein, dass sich in diesem Bereich Auszubildende erst ihre gesetzlich vorgeschriebene, angemessene Ausbildungsvergütung im Streit mit dem Ausbildungsträger vor dem Arbeitsgericht erklagen müssen. Zum Vergleich, als „angemessen“ wird hier eine Ausbildungsvergütung definiert, die nicht niedriger, als 80 Prozent des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst sein darf.

Der ver.di Bundesfachbereichsjugendfachkreis, der Bundesarbeitskreise Praxisanleiter*innen und der Pflegelehrer*innen fordern, dass die Ausbildung im Gesundheitswesen auch unter erschwerten Rahmenbedingungen bestmöglich gesichert wird. Ihr Positionspapier findet ihr hier: https://gesundheit-soziales.verdi.de/coronavirus/++co++8ffb061c-7ee2-11ea-a7b3-001a4a160110 .

Schnelle 1. Hilfe finden betroffene Auszubildende hier: https://gesundheit-soziales.verdi.de/++co++843d2f62-6d03-11ea-adf9-001a4a160100

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.