Interview

Der Rapper Disarstar im Interview: „Normalität fällt mir schwer“

Disarstar ist inzwischen genau an dem Punkt, an dem er sein möchte.
Disarstar ist inzwischen genau an dem Punkt, an dem er sein möchte.
Der Rapper Disarstar, alias Gerrit Falius, sticht mit seiner bemerkenswerten Fähigkeit alles zu hinterfragen und sich auch in seinen Texten emotional zu öffnen in der deutschen Rapszene deutlich hervor. Anfang März veröffentlichte der 26-Jährige sein neustes Album „Klassenkampf & Kitsch“. Wir haben ihm einige persönliche Fragen gestellt.
Von Omeima Garci, funky-Jugendreporterin

Du wolltest immer Musik machen und hast dich getraut, dein Hobby zum Beruf zu machen. Wie war das?

Am Anfang war es tatsächlich schwierig. Als ich 2014 bei Showdown unterschrieben habe, war ich überfordert und stand unter Druck. Die Alternative war damals, irgendeinen Job zu machen, auf den ich gar keine Lust habe. Das habe ich mir zu dem Zeitpunkt nicht vorstellen können. Jetzt haben sich durch mein Abitur und das Studium, das ich mir vorgenommen habe, viele Dinge ergeben. Optionen, die ich damals nicht gesehen habe. Mittlerweile habe ich mich damit arrangiert.

Was spricht dagegen, einen sicheren Job anzustreben?

Ich habe mit dem, was ich mache, die Perspektive, immer in Bewegung zu sein. Gar nicht nur aus finanzieller Perspektive, sondern weil mir persönlich das Gefühl wichtig ist, voranzukommen. Ich habe mit der Musik immer die Möglichkeit, große Schritte zu machen. Das habe ich in einem klassischen Angestelltenverhältnis in der Regel nicht in dem Maß.

In deinem Lied „Glücksschmied“ sagst du, dass Erfolg auch immer ein bisschen Glück ist. Glaubst du an Chancengleichheit?

Nein, ich glaube, dass der Verlauf des Lebens von zu vielen Komponenten abhängt, als dass man so etwas wie eine Chancengleichheit herstellen könnte. Der eine kommt aus einem Analphabeten-, der andere aus einem Pianisten-Mediziner-Haushalt. Schon an diesem Punkt gibt es keine Chancengleichheit mehr. Und selbst wenn diese gegeben wäre: Unser System funktioniert nun mal nicht so, dass alle letzten Endes am gleichen Punkt ankommen sollen.

Fändest du es gut, wenn alle am gleichen Punkt ankommen können? 

Das ist ja der ideologische Unterschied zwischen Liberalismus und Sozialismus. Die Liberalen wollen eine Startgerechtigkeit, die Sozialisten eine Zielgerechtigkeit. Ich will ein würdiges Leben für alle. 

Ich glaube, ich wollte ganz oft auch nicht funktionieren.

Disarstar über den Song „ADHS“

In deinem Song „ADHS“ sprichst du davon, nicht funktionieren zu wollen. Hast du als Musiker, der mit seiner Musik seinen Unterhalt finanzieren muss, das Gefühl, funktionieren zu müssen?

Das ist eine Zeile, die kannst du nicht auf die Goldwaage legen. Als Kind habe ich oft gehört: „Der Junge funktioniert nicht.“ Ich glaube, ich wollte ganz oft auch nicht funktionieren. Oder zumindest nicht so funktionieren, wie andere funktionieren.

Glaubst du, nur Menschen, die es mal schlecht hatten, können das Gute schätzen?

Nicht grundsätzlich. Ich glaube aber, es ist leichter für die Leute, die das Schlechte kennen. Natürlich basiert die Wahrnehmung auf Kontrasten. Um sich selbst überhaupt einordnen zu können, braucht man Kontraste.

Du sprichst offen über Depressionen. Das findet meiner Meinung nach im deutschen Rap, aber auch gesamtgesellschaftlich viel zu selten statt. Warum wird es so tabuisiert, über psychische Krankheiten zu sprechen?

Weil wir da wieder beim Thema Funktionieren sind. Und weil „keine Lust haben“ sich mit der Marktwirtschaft nicht verträgt. Ich glaube aber, es findet momentan ein gesellschaftlicher Prozess statt. Die Nachkriegsgeneration musste auf einer anderen Ebene funktionieren, da haben ganz andere Faktoren dafür gesorgt, dass keine Zeit blieb, um sich selbst zu reflektieren. Für diese Menschen sind Depressionen keine Krankheit, sondern Faulheit oder ein „Reiß dich mal zusammen!“. Auch die Wissenschaft macht Fortschritte. Psychische Krankheiten werden ernster genommen.

Was hat dir in schlechten Momenten Hoffnung gegeben?

In Zeiten, in denen man sich schlecht fühlt, braucht man so einen Silberstreif am Horizont, einen kleinen Lichtblick am Ende des Tunnels. Und das kam bei mir einfach immer zur rechten Zeit. Und das hat mit Glück zu tun. Deswegen war auch mein Credo: Dass alles gut wird, kann ich nicht versprechen. Aber alles wird anders. Das heißt auch, dass immer wieder die Chance kommt, dass es gut werden könnte.

Findest du, der Begriff „Depressionen“ wird in vielen Kontexten falsch verwendet oder sogar missbraucht?

Ohne schlechte Gefühle relativieren zu wollen: Der Begriff „Depression“ braucht eine klare Abgrenzung. Ich meine nicht, dass es nicht ernst genommen werden sollte, wenn du schlecht drauf bist. Was Depressionen wirklich sind und was viele darunter verstehen, sind aber zwei verschiedene Dinge. Wenn jemand eine psychotische Episode hat, schizophren ist und Dinge sieht, die nicht da sind, dann ist dieser Mensch nicht mehr zurechnungsfähig. Ich glaube, dass das bei Depressionen ähnlich ist. Eine Psychose ist eine verzerrte Wahrnehmung der Realität und das sind Depressionen auch.

„Ich komm auf Normalität nicht klar, ich muss immer in Gegenverkehr und immer doppelt und dreifach so schnell, als wäre ich mir selber am wenigsten wert“ ist eine Line aus dem Song „Wach“. Warum bist du dir selber am wenigsten wert, nur weil du gegen den Strom schwimmst?

Also erst einmal: Das ist keine Entscheidung, auch wenn das so klingen mag. Ich habe manchmal sehr selbstzerstörerische Elemente in mir, gegen die ich mich nur schwer wehren kann. Für mich geht es darum, Normalität zu akzeptieren. Das ist mein Thema. Also nicht immer im Gegenverkehr zu fahren. Ich meine damit den Drang, immer irgendwie anders sein zu wollen.

Wenn du in die Vergangenheit reisen könntest, würdest du etwas an deiner Kindheit ändern?

Nein, nichts.

Warum nicht?

Weil ich heute ganz oft Momente habe, in denen ich zufrieden mit allem bin, so wie es ist. Ich sitze dann im Auto und denke: Ich bin genau der, der ich sein will und führe genau das Leben, das ich führen will. Und das ist alles eine Verkettung von Umständen, an denen ich nichts ändern würde.

Haben Kreative und Künstler eine andere Möglichkeit, mit Negativität umzugehen?

Musik ist immer eine Option. Ich denke auch, dass ich mit Frauen schwer auf die Nase fallen kann. Weil selbst wenn da was nach hinten losgeht: Dann habe ich wieder zehn Songs für das nächste Album.

Wärst du lieber ein glückliches Schwein oder ein trauriger Sokrates?

Ein trauriger Sokrates, weil Menschen eine andere Spanne an Gefühlen haben. Und ich glaube, das ist viel spannender, als nur glücklich zu sein. Ich bin lieber ein komplex fühlender Mensch als ein glückliches Schwein.

Worauf bist du stolz?

Darauf, dass ich mein Abitur jetzt nachgeholt habe.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Für mich persönlich: Gesundheit! Und dass ich immer genug Geld habe, um mein Leben frei zu gestalten.

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funky Redaktion

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.