Ein ganzes Land versinkt im Chaos

Ein unbefristeter Generalstreik legt seit Tagen den Alltag lahm, selbst die autonome Stadtverwaltung schloss sich diesem an.
die Bolivianer demonstrieren für das einhalten der demokratie. präsident Morales reagiert mit drohungen.

Die fragwürdige Wiederwahl von Boliviens Präsident Evo Morales führt zu heftigen Protesten – vor der Haustür unseres Jugendautors

Sprengsätze und Böller explodieren, laute Sprechchöre tragen die Wut der Bürger in die Welt. Mit Baseballschlägern und Metallstangen bewaffnet ziehen sie durch die Straße vor meiner Haustür, Menschen springen aus ihren brennenden Häusern in die Arme ihrer Mitmenschen. Wenig später heulen Sirenen auf, nur um kurz darauf wieder zu verstummen – für Sicherheits- und Rettungskräfte gibt es kein Durchkommen. Seit einer Woche blockieren Demonstranten das gesamte Straßennetz Cochabambas, meines Zuhauses.
Von Niklas Schulz, funky-Jugendreporter

Ein unbefristeter Generalstreik legt seit Tagen den Alltag lahm, selbst die autonome Stadtverwaltung schloss sich diesem an. Öffentliche Einrichtungen wie die Universität schlossen ebenfalls aus Protest den Betrieb. Ein ganzes Land versinkt im Chaos. Doch weshalb?

Am 20. Oktober 2019 fand in Bolivien die Präsidentschaftswahl statt, bei der sich der amtierende, sozialistische Präsident Evo Morales und der konservative Herausforderer Carlos Mesa gegenüberstanden.
Morales, ein einfacher Kokabauer aus armen Verhältnissen, gehört dem indigenen Stamm der Aymara an und ist seit 2006 der umstrittene Präsident Boliviens. Um seine diesjährige Kandidatur zu ermöglichen, setzte er sich über den Willen des Volkes hinweg, indem er das Ergebnis eines ausgerufenen Referendums ignorierte und stattdessen vom Obersten Gerichtshof die Verfassung ändern ließ, die ihm bislang eine dritte Wiederwahl verboten hatte.

Trotz aller Proteste trat er an und gewann auch in diesem Jahr auf höchst zwielichtige Art und Weise die Wahl. Unregelmäßigkeiten begleiteten die Auszählung der Stimmzettel, einen Tag lang wurde die Bekanntgabe der Zwischenergebnisse sogar gestoppt. Kurz nach der erneuten Veröffentlichung stieg Morales’ Stimmenanteil ganz plötzlich an, weshalb der Ausgang der Wahl stark angezweifelt wird und Neuwahlen gefordert werden.

Die Bolivianer gehen deshalb empört auf die Straßen und kämpfen für ihre Demokratie. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Polizeikräften und Befürwortern Morales’. Ein offizieller Dialog wurde bisher noch nicht aufgenommen, stattdessen droht der wiedergewählte Präsident mit der Belagerung demonstrierender Städte, sollte der Streik nicht aufgehoben werden.

Niemand weiß, wie lange dieser Zustand noch anhalten wird. Es gibt keine Lebensmittel mehr in den Supermärkten, kein Benzin an Tankstellen und zufälligerweise wurde zu Beginn der Proteste unser Wasser abgestellt.
Fest steht jedoch, dass sich an den politischen Verhältnissen in ganz Südamerika etwas ändern muss, sei es in Ecuador, Chile oder Bolivien. Ganz offen manifestieren sich hier die Konsequenzen des europäischen Kolonialismus und US-amerikanischen Imperialismus, die so unerfahrene und instabile Nationen zurückließen. Jetzt sind die Verursacher in der Verantwortung, die Demonstranten in ihrem Wunsch auf transparente Wahlen zu unterstützen und Ruhe einkehren zu lassen!

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funky Redaktion

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.