Interview

„Ich identifiziere mich am meisten mit Addy“

it ihrem Debüt „One of Us Is Lying“ stürmte Karen M. McManus die „New York Times“-Bestsellerliste. Mittlerweile wurde ihr Jugendroman in 40 Sprachen übersetzt, der zweite Teil „Two Can Keep a Secret“ ist ebenfalls ein riesiger Erfolg.
Karen M. McManus und Laura Krüger im Interview.
Mit ihrem Debüt „One of Us Is Lying“ stürmte Karen M. McManus die „New York Times“-Bestsellerliste. Mittlerweile wurde ihr Jugendroman in 40 Sprachen übersetzt, der zweite Teil „Two Can Keep a Secret“ ist ebenfalls ein riesiger Erfolg. Wir haben die amerikanische Autorin auf der Frankfurter Buchmesse getroffen und mit ihr über ihren Weg zum Ruhm und ihr nächstes Buch gesprochen, aber auch über Versagensängste und ferne Ziele.
Von Laura Krüger, funky-Jugendreporterin Berlin

Wie ist es für dich, durch die Welt zu reisen, um deine Bücher zu promoten?

Es ist toll! Ich liebe es zu reisen, über meine Bücher zu sprechen und meine Verleger und Leser zu treffen. Das ist eins der besten Dinge an meinem Job.

Du hast zwar Journalismus studiert, aber nie in dem Job gearbeitet. Was hast du gemacht, bevor „One of Us Is Lying“ so ein Erfolg wurde?

Nach dem Journalismusstudium habe ich gemerkt, dass ich nicht in dem Job arbeiten möchte, und landete dann im Marketing.

Worin besteht der Unterschied zwischen journalistischem und schriftstellerischem Schreiben?

Dass ich mir für meine Bücher Sachen ausdenken muss. Du kannst die Welt darin so gestalten, wie du es möchtest. Das habe ich wirklich genossen. In jedem meiner Bücher kommen auch die Medien vor. Es geht um Fake News, die ich für die Geschichte erfunden habe, es geht um Reporter und reißerische Überschriften. Ich bin sehr interessiert daran, wie die Welt funktioniert, wie über News berichtet wird und wie die Menschen das alles konsumieren. Dafür war das Studium sehr hilfreich. Aber für mich war es im Journalismus immer schwer, objektiv zu berichten. Das ist nicht meine Stärke. Und dann habe ich entdeckt, dass es mir viel mehr Spaß macht, über ausgedachte Welten zu schreiben.

Wann war das, als du gemerkt hast, dass du Bücher schreiben willst?

Ich habe als Kind schon immer geschrieben, auch später in der Highschool. Aber ich dachte, Schriftsteller sei kein richtiger Beruf, und ich habe es für viele Jahre aufgegeben. Dann war ich auf einer Geschäftsreise und hatte nichts zu lesen. Am Bahnhof hatte ich mir „Die Tribute von Panem“ gekauft und war richtig besessen von dieser Geschichte. Ich wollte auch so etwas schreiben. Ich wollte die Autorin dieser Reihe sein, aber der Job war ja leider schon vergeben. Und zum ersten Mal nach Jahren habe ich mich hingesetzt und wieder geschrieben. Irgendeine dystopische Geschichte, die überraschenderweise sehr nah an den „Tributen von Panem“ dran, aber überhaupt nicht gut war. Nachdem ich mir dann Agenten gesucht und zwei Geschichten geschrieben hatte, die mehr oder weniger gut waren, kam ich auf die Idee zu „One of Us Is Lying“. Ich schrieb es und es verkaufte sich plötzlich sehr schnell. Da war klar: Das ist meine Zukunft.

Am Bahnhof hatte ich mir „Die Tribute von Panem“ gekauft und war richtig besessen von dieser Geschichte. Ich wollte auch so etwas schreiben.

Karen McManus Inspiration: Die Tribute von Panem

Siehst du deine Bücher eher als Jugendbücher oder als Kriminalgeschichten? Immerhin wird gemordet.

Zuallererst sehe ich sie als Jugendbücher. Sie haben zwar Eigenschaften von Krimis, aber dort sind die Protagonisten meistens Erwachsene, wie zum Beispiel Polizisten. In meinen Geschichten geht es aber um Jugendliche, die an so einen Fall ganz anders herangehen. Am wichtigsten finde ich die Entwicklung meiner Charaktere vom Anfang bis zum Ende. Ich will nicht sagen, dass das in Adult Fiction nicht existiert, aber es wird kein besonderer Wert darauf gelegt.

Spürst du Druck, dass deine nächsten Bücher genauso erfolgreich sein müssen wie dein Debüt?

Jeder Autor, der sein zweites Buch schreibt, fühlt diesen Druck. Teilweise, weil es jetzt viele erste Male gibt: Man schreibt zum ersten Mal mit Deadline. Zum ersten Mal bist du sicher, dass es jemand lesen wird. Für die Leute, die dein erstes Buch mochten, möchtest du, dass ihnen das zweite genauso gut gefällt. Es sollte so ähnlich sein wie das erste, aber nicht zu ähnlich. Es ist ein Balance-Akt. Ich habe aber nicht erwartet, jemals wieder ein Buch zu schreiben, dass so lange auf den Bestsellerlisten bleibt. Ich wollte einfach ein Buch schreiben, mit dem ich und meine Leser zufrieden sind. Das hat „Two Can Keep a Secret“ zum Glück geschafft und es war sogar auf den Bestsellerlisten. Das war erleichternd für mich.

Denkst du, du könntest andere Bücher schreiben als Jugendromane mit Crime-Elementen?

Ja, auf jeden Fall! Ich würde gut mit romantischen Romanen klarkommen. Ich sage nicht, dass ich es werde. Aber ich könnte. Ich habe mich auch an Fantasy versucht, war aber nicht gut darin. Meine Schwäche ist, die Kulisse für so eine Welt zu erschaffen.

Gibt es eine Person in deinen Büchern, mit der du dich am meisten identifizierst?

Ich identifiziere mich eigentlich mit all meinen Figuren. Insbesondere mit Addy. Einige Fehler, die sie als junges Mädchen in ihrer ersten Beziehung macht, habe ich auch gemacht. Etwa dass sie glaubt, besitzergreifend zu sein, sei dasselbe, wie romantisch zu sein. Ich identifiziere mich aber auch mit Nate, weil er mit Abhängigkeit in seinem Umfeld zu tun hat. Cooper will die Menschen um sich herum um jeden Preis glücklich machen, so bin ich auch. In jedem von ihnen steckt etwas von mir.

Ich identifiziere mich eigentlich mit all meinen Figuren.

Karen McManus spricht über ihre Figuren

Ellery aus „Two Can Keep a Secret“ liebt True-Crime-Storys. Gilt das auch für dich?

Ich war ein sehr ängstliches Kind. Ich hatte stets das Gefühl, dass die Welt ein gefährlicher Ort ist. Bei diesen True-Crime-Storys gab es immer diese Spannung, aber auch Entwicklung und Hoffnung. Genau das will ich in meinen Geschichten zeigen. Es können Dinge passieren, die dich traumatisieren, aber du kannst daran trotzdem wachsen und darüber hinwegkommen. Und trotzdem haben solche Geschichten Platz für Freundschaft und Liebe.

Dein drittes Buch „One of Us Is Next“ erscheint nächstes Jahr. War es schwer, wieder an die Handlungsstätte deines Debüts zurückzukehren?

Irgendwie schon. Ich wollte mit dem neuen Buch daran erinnern, dass alles, was mit Simon passiert ist, eine Tragödie war. In „One of Us Is Next“ geht es um ein Spiel, das ziemlich bald ganz schön ernst wird. Es sollte einfach nicht vergessen werden, auch wenn es natürlich schöne Momente im Buch gibt. Simon ist immer der Kern.

Was hat sich für dich alles verändert, seit du durch deine Bücher berühmt geworden bist?

Ich schreibe Vollzeit statt nur noch am Wochenende und abends. Das ist toll für mich, weil ich so mehr Bücher schreiben kann.

Was, glaubst du, ist der Grund dafür, dass deine Bücher so gut ankommen?

Das liegt vor allem an den Charakteren, mit denen man sich gut identifizieren kann. Und natürlich die Mischung zwischen Licht und Dunkel. Es ist nicht alles nur gut und nicht alles nur schlecht in meinen Geschichten.

Weißt du schon zu Beginn eines Buches, wer der Charakter mit der dunklen Seite sein wird?

Meistens. Nicht immer. Manchmal kommt es mir auch erst während des Schreibens in den Sinn, wer am Ende für alles verantwortlich ist.

Hast du einen Tipp für junge Leser, die auch schreiben wollen?

Das Wichtigste waren für mich immer die Menschen, die mir Feedback gegeben haben. Irgendwann habe ich auf Twitter andere Autoren gefunden, die mir ihre Meinung zu meinen Texten sagen konnten, und dafür habe ich auch ihnen meine Meinung gesagt. Wenn man jemanden hat, der dir ehrlich und direkt sagt, was gut ist, was schlecht ist, wo vielleicht noch etwas verbessert werden müsste oder welcher Satz sich einfach blöd anhört, dann hast du damit eine sehr gute Grundlage geschaffen.

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.