Heva mit ihrer Gitarre in der grünen Natur
Interview

„Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich das schaffe“

Heva ist vor vier Jahren mit ihrer Familie aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Bei ihrem Abitur wird sie von dem Stipendienprogramm „grips gewinnt“ unterstützt.
Von Ylva Immelmann

Heva Osman ist 20 Jahre alt und vor vier Jahren mit ihrer Familie aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Dieses Schuljahr macht sie in Hamburg ihr Abitur. Außerdem singt sie mit einem Chor in der Elbphilharmonie, spielt Mandoline sowie Gitarre und will Musik studieren. Unterstützt wurde und wird sie auf ihrem Weg vom „grips gewinnt“-Stipendium der Joachim Herz Stiftung.

Du bist seit Ende 2015 in Deutschland. Seit wann wirst du von „grips gewinnt“ unterstützt?

Das ist mein drittes Schuljahr. Also seit zwei Jahren ungefähr, seit Anfang der elften Klasse.

Was hat dich dazu bewogen, dich für das Stipendium zu bewerben?

Es gab einen Infotag an meiner alten Schule, wo „grips gewinnt“ vorgestellt wurde. Und ich habe eine Coachin, die mir bei allen schulischen aber auch außerschulischen Problemen hilft. Sie meinte, das sollte ich machen. In der Bewerbung musste ich einfach ein bisschen über mein Leben schreiben. Und das Auswahlgespräch war ganz locker, so ein Gespräch wie zwischen dir und mir.

Wie genau wirst du unterstützt?

Ich erhalte 150 Euro im Monat für meine Bildung. Davon gehe ich nicht Kaffee trinken, sondern ich muss es für meine Bildung ausgeben. Es gibt ein paar Kriterien dafür, wie wir unser Geld ausgeben dürfen, aber trotzdem haben wir die Freiheit zu entscheiden, was genau für uns Bildung heißt. Außerdem besuche ich gerne die angebotenen Seminare. Wir bekommen fast jeden Monat Angebote und können uns anmelden.

Ich mache jeden Tag Musik, auch wenn ich eigentlich keine Zeit habe.

Deswegen steckt Heva gerne ihr Geld in musikalische Bildung

Was genau machst du mit dem Geld, das du bekommst?

Ich kaufe mir zum Beispiel Schulbücher oder Bücher für meine Freizeit. Oder finanziere damit meinen Gitarrenunterricht.

Und was bedeutet Musik für dich?

Oh, ganz viel! Ich kann nicht ohne Musik leben. Das ist meine Leidenschaft. Ich mache jeden Tag Musik, auch wenn ich eigentlich keine Zeit habe. Ich muss es tun, sonst fühl ich mich irgendwie ganz komisch.

Teil des Stipendiums ist auch die jährliche Sommerakademie.

Ja, genau. Es sind immer fünf Tage Sommerakademie und dann zwei Tage Sommerseminar. Ich war zwei Mal auf dem Sommerseminar. Beide Male waren so toll. Es gibt am Ende eine große Feier, alle Abiturientinnen und Abiturienten werden verabschiedet. Und es gibt einen Talentabend, bei dem jeder die Möglichkeit hat, irgendetwas zu machen.

Welchen Einfluss hat „grips gewinnt“ auf deinen bisherigen Lebensweg gehabt?

Ich fühle mich viel sicherer. Ich habe auf jeden Fall das Gefühl, nicht allein zu sein, egal, was passiert. Außerdem muss ich mir wegen der Finanzierung nicht mehr so viele Sorgen machen, wovon ich mir meine Schulbücher kaufen soll. Wenn ich mein Abitur nicht schaffen würde, dann wäre das kein Problem. „grips gewinnt“ steht immer an meiner Seite. Das bedeutet mir ebenfalls sehr viel. Sie würden mir helfen, neu anzufangen und meinen Weg zu finden.

Wenn du die AfD-Politikerin Alice Weidel von „Kopftuchmädchen“ und „Messermännern“ reden hörst, was geht dir dann durch den Kopf?

Ich finde das schade. Meine Mutter trägt ein Kopftuch und es tut mir weh, wenn sie zum Beispiel manchmal nach Hause kommt und mir erzählt, was ihr passiert ist: Leute gucken oder sprechen sie an und sagen ihr: „Kopftuch? Nicht in Deutschland!“ Es ist schlimm, dass es ihr so schlecht geht und dass sie sich nicht zu Hause fühlt, sondern fremd. Das beeinflusst auch unser Leben zu Hause.

Mein Lehrer hat gesagt: „Du schaffst das nicht, Heva. Auch Deutsche, die hier aufgewachsen sind, können manchmal ihr Abitur nicht schaffen, und du bist seit nicht mal einem Jahr in Deutschland.“

Kurz hat diese Aussage Heva verunsichert. Doch dann hat sie sich gesagt: jetzt erst recht.

Als du hier in Deutschland angekommen bist, hättest du da gedacht, dass du jetzt sagen könntest: „Ich mache Abitur.“

Am Anfang nicht. Aber meine Betreuerin hat mich unterstützt. Der Unterricht war für mich ein bisschen zu wenig, zu langweilig. Ich wollte mehr lernen und dann dachte ich, vielleicht kann ich das ausprobieren. Mein Lehrer hat gesagt: „Du schaffst das nicht, Heva. Auch Deutsche, die hier aufgewachsen sind, können manchmal ihr Abitur nicht schaffen, und du bist seit nicht mal einem Jahr in Deutschland.“ Da dachte ich kurz auch, das kann ich nicht schaffen. Aber trotzdem hat meine Coachin mir geholfen. Dann habe ich meinen MSA mit „sehr gut“ gemacht und alle Lehrer auf der neuen Schule haben mir empfohlen, weiterzumachen.

Und was würdest du jetzt deinem früheren Lehrer sagen?

Ich weiß nicht, ob er mich damals wirklich demotivieren wollte. Aber ich würde mich sehr bei ihm bedanken, weil das, was er mir gesagt hat, mich voll motiviert hat. Ich wollte genau das Gegenteil von dem tun, was er gesagt hat, und wollte mir selbst beweisen, dass ich das doch schaffe.


„grips gewinnt“ ist ein Schülerstipendienprogramm der Joachim Herz Stiftung. Bewerben können sich Schülerinnen und Schüler ab der 9. Klasse, die soziale, finanzielle oder kulturelle Hürden überwinden müssen. Das Stipendienprogramm unterstützt die Entwicklung und Stärkung der Persönlichkeit, um den Jugendlichen einen erfolgreichen Start in ihre Zukunft zu ermöglichen. Neben einer finanziellen Unterstützung erhalten sie Zugang zu Bildungsangeboten. Persönliche Ansprechpartner beraten die Jugendlichen bei Fragen zu Praktikum, Schullaufbahn und Beruf.

Mehr Informationen unter www.grips-stipendium.de.

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.